Costa Blanca: Küste der verführerischen Düfte
VON HELGE SOBIK - zuletzt aktualisiert: 03.06.2003 - 10:23Im Sommer tummeln sich die Massen an der Costa Blanca, im Winter geht es zwischen Gandia und Cobo de Palos ruhiger zu.
En Krokodil lehnt hochkant neben der Ladentür und wartet auf den nächsten Sommer. Ein dünnes Seil um den geriffelten Bauch hält es in dieser ungewöhnlichen Position. Daneben schwimmt ein Delfin in der Luft. Ihn verbindet ein um den Leib geschwungener Draht mit einem Haken an der Decke. Neben den beiden warten zwei gelbe Ringe, eine durchsichtige Luftmatratze und eine Familie Quietsche-Entchen alles Aufblas-Wasserspielzeug aus Plastik. Alles Erinnerungsstücke an den letzten Sommer oder Vorboten des nächsten. Die Kioskbesitzer an der Küstenstraße Carretera de Las Marinas bei Denia räumen nicht gerne um. An der Costa Blanca ist das Sommer-Sortiment auch im Winter zu haben. Es könnte ja sein, dass sich ein warmen Tag einschleicht. Oder zwei. Oder noch mehr.
Die Chancen dafür stehen nicht schlecht: Die Gegend ist sonnenverwöhnt, bringt es im Februar-Durchschnitt bereits auf 16 Grad Tagestemperatur, an Ausreißer-Tagen sogar auf 25 Grad. Die Spanier frösteln trotzdem aus Prinzip, trauen dem Frieden nicht und behalten ihre dicken Wollpullis auch bei sommerlichen Temperaturen an. Der Kalender bestimmt ihre Kleidung, nicht das Thermometer. Urlauber und zugezogene Winterflüchtlinge sind da spontaner, bevölkern sofort in kurzen Hosen die Restaurant-Terrassen an der Playa Las Marinas, sonnen sich in Badesachen am Strand, spazieren mit dem Wind im Rücken barfuß im Sand bis Els Poblets und weiter bis Oliva, rasten an den Dünen. Und kaufen vielleicht ein Aufblas-Krokodil, um bereits beim ersten Bad im Mittelmeer das richtige Wasserspielzeug dabei zu haben.
Als ob sich die Costa Blanca, jener rund 250 Kilometer lange Küstenstreifen zwischen Gandia im Norden über Denia und Alicante bis zum Cabo de Palos im Süden, für die Winterurlauber festlich herausgeputzt hat: Wie vergessener Weihnachtsschmuck hängen Orangen dicht an dicht in den Bäumen der Plantagen, die sich von der Küste bis weit ins Hinterland erstrecken. Die Früchte strahlen so intensiv als wären sie von innen beleuchtet. Seit November läuft die Apfelsinenernte. Die meisten Sorten werden bis März gepflückt sein, und die Mehrzahl der Orangenbäume steht dann bereits wieder in voller Blüte. Der ewige Kreislauf beginnt aufs Neue. Über der Küste liegt in den Wochen ein süßlicher Duft nach Chanel und Lagerfeld, nach Calvin Klein und Paco Rabanne als wäre in einer Dutzende Quadratkilometer großen Parfümerie ein riesiges Regal voller Fla-cons umgefallen und hundert Aromen würden sich zu einer neuen Kreation vermischen, die nach Flirt und Verführung duftet.
„Wer hier aufgewachsen und Seefahrer geworden ist“, so sagen die Einheimischen, „der kann den Frühling an der Costa Blanca schon draußen auf dem Mittelmeer zehn Seemeilen vor der Küste riechen.“ Und der Duft zaubere ihm dann ein Lächeln aufs Gesicht.
Spaziergänger zieht es zu dieser Zeit auf schmalen Feldwegen durch die endlosen Orangenhaine, entlang an einem Netz ausgeklügelter Bewässerungsrinnen und -kanäle, das teilweise auf die maurischen Invasoren des 8./9. Jahrhunderts zurückgeht. Wanderer tanken diesen Duft und bewahren ihn in ihrer Seele auf.
Die Eroberer aus dem Morgenland waren es, die Orangen nach Spanien brachten. Und den Reis, die Basis für die Paella. Und die Mandeln. Sie sind verantwortlich dafür, dass die Täler rund um Pego im Hinterland der Costa Blanca im Januar/Februar in einen rosa Schleier gehüllt sind, wenn dort Aberzehntausende Mandelbäumchen in voller Blüte stehen. Acht Monate dauert dort der Frühling, und unterbrochen wird er nur durch den Sommer zwischen Juni und September.
Ein Februar-Morgen in der Innenstadt von Denia: Das Thermometer zeigt bereits 14 Grad und wird bis elf Uhr auf 19 Grad geklettert sein. Vor der Markthalle verstopfen die Kleinlaster der Bauern aus den Nachbardörfern und die Kühlwagen der Fischerei-Genossenschaften die Calle Magallanes . Sie liefern an, was ein paar Stunden später in den Kochtöpfen der Einheimischen ebenso ga-ren wird wie in den Pfannen der Ferienhaus-Urlauber. Frische Gambas und Schwertfische zum Beispiel, Paprika und Pilze, sie liefern Melonen und luftgetrockneten Serrano-Schinken lecker.
Hotelurlaub hat sich in dieser Region nie richtig etabliert mit der Ausnahme Benidorm. Die meisten Feriengäste sind Selbstversorger, haben sich Appartements am Meer, Villen an den Hängen des Montgo oder der Sierras im Hinterland gemietet und genießen es, den Alltag an der Costa Blanca ohne Touristenbusse und Reiseleiter, ohne durchorganisiertes Ferienprogramm auf eigene Faust zu erkunden. Mehr als 2000 Mark pro Woche kosten viele dieser Häuser in der Hochsaison. Nun sind sie für weniger als die Hälfte, manche für nur ein Drittel des Sommerpreises zu haben.
Während die Liefer-Lastwagen noch rangieren, bauen die Wirte in der Parallelstraße Calle Marqués de Campo bereits ihre Tische und Stühle unter den Platanen auf, servieren den ersten „Cortado“ spanischen Espresso mit einem Schuss Milch des Tages, dazu „Bollos“ süße Kuchen und haben anders als im Sommer Zeit für ein zweites Lächeln und einen Plausch. Spanisch ist für ein paar Monate die meistgesprochene Sprache in den Straßen der Badeorte, und wer am Tisch unter den Platanen Zeitung liest, hat mehrheitlich „El Pais“ oder die Lokalzeitung vor der Nase. Die Kioske verkaufen zwar auch im Februar „Bild“ und „Spiegel“, aber sie brauchen sich die Blätter der Zugereisten nun nicht in dicken Stapeln neben die Kasse zu legen. Die Nachfrage ist geringer, denn im Winter ist die Costa Blanca ein bisschen spanischer.
Im Sommer sind die Ampeln an der Carretera de Las Marinas roter, die Parkplätze knapper, die Staus auf der Küstenstraße lang. Und die Aufblas-Tiere ein Renner. Nun ist es still an der Sonnenküste. Und romantisch. Es duftet nach Parfum, und an den Stränden ist viel Platz. „Wann ist hier eigentlich Winter“ fragt ein Februar-Urlauber den Kiosk-Verkäufer mit dem Krokodil neben der Haustür. Gerade hat er für seine kleinen Kinder Strandschaufeln und ein paar Spielzeug-Kuchenformen gekauft. „Schwer zu sagen“, brummelt der Mann hinter dem Tresen in seinen Schnäuzer, „letztes Jahr war es an einem Dienstag.“


