Es kommen nur wenig Gäste: Luxus-Herberge am Obersalzberg
VON MARTINA STÖCKER - zuletzt aktualisiert: 28.05.2009 - 07:53(RP). Die bayerische Regierung hat Mitte der 90er Jahre entschieden, auf Hitlers ehemaliger "Alpenfestung" ein Fünf-Sterne-Hotel zu bauen – als Fortführung der touristischen Tradition, die weit vor den Nationalsozialisten begann. Doch es kommen zu wenige Gäste. Und der Freistaat hat deshalb ein Problem.
Früher hat dem Gast in diesem Fünf-Sterne-Hotel nur ein Blick in den Nachttisch genügt, um sich der Geschichte dieses Ferienortes bewusst zu werden: Das Buch "Die tödliche Utopie. Bilder, Texte, Dokumente, Daten zum Dritten Reich" lag griffbereit neben jedem Bett.
Dieses Stück der Grundausstattung ist aus dem Nachttisch mittlerweile verschwunden. Den Angaben des Intercontinental-Hotels zufolge haben sich zu viele Gäste das mehr als 800 Seiten dicke Begleitwerk (21,95 Euro) zur Dauerausstellung "Dokumentation Obersalzberg" gekauft, die Bestände gingen zur Neige. Nun sind die restlichen Bücher nur noch in der Bibliothek oder im Kaminzimmer einzusehen.
NS-Gebäude wurden gesprengt
Das Intercontinental Resort Berchtesgaden liegt in dem Gebiet von Hitlers ehemaliger "Alpenfestung" auf dem Obersalzberg, präziser auf dem Eckerbichl. Diese Erhebung nennen die Einheimischen "Göringhügel", weil die Nazigrößen Hermann Göring und Martin Bormann dort Landhäuser unterhielten. Nach dem Krieg wurden die NS-Gebäude gesprengt, die ein Bombardement überstanden hatten, der Berg wurde wieder aufgeforstet. Die US-Armee richtete 1953 ein "Armed Forces Recreation Center" für ihre Soldaten ein.
1995, ein Jahr vor dem Rückzug der Amerikaner vom braunen Hügel, entschied sich der Freistaat Bayern, ein Dokumentationszentrum zu bauen. Die zweite Säule des Konzepts sollte an die touristische Tradition anknüpfen (die schon vor Hitler bestand). Im Mai 2005 wurde das Luxus-Hotel mit zwölf Suiten und 126 Doppelzimmern eröffnet. Der Hintergedanke dabei: Rechtsextremen sollte es unmöglich gemacht werden, den Obersalzberg als Wallfahrtsort zu missbrauchen.
Preisklasse soll Rechtsextreme abschrecken
Als Abschreckung diente dabei vor allem die Preisklasse: Ein Doppelzimmer kostet ab 200 Euro, die Präsidentensuite 1000 Euro – übliche Preise in einem Fünf-Sterne-Hotel. Dabei will das Hotel gar keines sein, sondern bezeichnet sich als Resort. In 1000 Meter Höhe stehen Genuss, Entspannung und Stille im Vordergrund.
Stichwort Genuss: Das Restaurant "Le Ciel" ist mit einem Michelin-Stern dekoriert. Küchenchef Ulrich Heimann serviert etwa "Zweierlei vom Reh aus dem Berchtesgadener Land in Kakaobutter geschmort mit Quitten-Gewürzcrêpes", lässt sich bei speziell zu buchenden Packages in die Töpfe gucken oder zeigt seine Welt außerhalb des Gourmet-Restaurants – von der bevorzugten Forellenzucht bis zur saftigen Bärlauchwiese.
Stichwort Entspannung: Innen- und Außenpools, diverse Saunen und Anwendungen – 2007 wurde das Spa-Konzept als Deutschlands bestes ausgezeichnet. Direkt am Hotel beginnen Wanderwege, zudem grenzt ein 62 Hektar großer Neun-Loch-Golfplatz an die Anlage, angeblich Deutschlands höchstgelegene Runde.
Stichwort Stille: Das Interconti mit dem 360-Grad-Blick über die bayerische Bergwelt bezeichnet sich als "exklusives Hideaway", also Versteck.
Die Auslastung ist gering
Manchen mag es allerdings zu still sein: Fürs Jahr 2008 meldete die "Berchtesgaden International Resort Betriebs GmbH" eine Auslastung von nur 53,4 Prozent. Die GmbH ist eine Tochter der Bayerischen Landesbank und diese Eigentümerin des Hotels. Die BayernLB übernimmt die Kosten für 140 Mitarbeiter und trägt das unternehmerische Risiko.
Hotel-Riese Interconti stellt gegen eine Gebühr lediglich den Namen, das Buchungssystem und den Direktor. Für die drei Geschäftsjahre bis 2008 wies die GmbH einen Verlust von nahezu 15 Millionen Euro aus. Die Gäste, die im Angesicht von Salzburger Land und Watzmann-Massiv urlauben, berichten von einem überaus aufmerksamen Service.
Das Dokumentationszentrum hingegen zieht das Publikum an: Mehr als 1,3 Millionen Besucher wurden seit der Eröffnung 1999 gezählt. Vielleicht verbessert das Interconti noch seine Zahlen – im Internet finden sich Schnäppchen-Angebote für 99 Euro oder gar nur 50 Euro.


