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Tempel - älter als Stonehenge und die Pyramiden: Malta: Eine Insel ganz in Honiggelb

VON ANJA KATZKE - zuletzt aktualisiert: 03.06.2003 - 10:24

Eine wechselvolle Geschichte hat auf Malta ihre Spuren hinterlassen und macht die Insel zum Ziel vieler Studienreisen.

 

Im Steinbruch außerhalb des Städtchens Siggiewi bearbeitet schon seit Jahren niemand mehr den honigfarbenen Kalkstein. Die Sonne lässt die haushohen Mauern, aus denen die Steinquader geschnitten wurden, golden glänzen. Salamander flitzen über den steinigen Boden und verschwinden in Mauerritzen. Es braucht nicht viel, um sich vorzustellen, wie die Arbeiter dort in der Mittagshitze schuften mussten. Sogar das Klicken der Werkzeuge und das Dröhnen der Motoren sind zu hören - allerdings nur über die Kopfhörer, die Manuel Baldacchino den Besuchern seines 33 Hektar großen Freilichtmuseums Limestone Heritage auf die Zeitreise durch die Geschichte des Steinbruchhandwerks auf Malta mitgibt.

Der honiggoldene Kalkstein ist die Farbe Maltas. Er bestimmt das Gesicht der Städte mit ihren arabisch anmutenden Wohntürmen und der unzähligen historischen Bauwerke. Selbst in der kargen Landschaft spiegelt sich die Farben des Steinbruchs von Siggiewi wider. Es gibt keine Wälder auf der Mittelmeer-Insel, auf der Salzwasseraufbereitungsanlagen für das nötige Trinkwasser sorgen. Es braucht eine Weile, bis man dem Charme der Insel erliegt. Entweder man verliebt sich in Malta oder man verliebt sich nicht, sagt Reiseführerin Trixi van der Kooi. Für manchen ist Malta nicht mehr als ein einziger riesiger staubiger Fleck auf diesem Planeten. Aber Trixi van der Koois Augen glänzen, wenn sie von ihrer Insel erzählt.

Wer auf Malta nur Badeurlaub machen will, verpasst das Beste. Die Insel strotzt vor Kulturhistorie, die allein die Reise wert wäre. Die Tourismus-Branche hat sich aber auf die Bedürfnisse der Urlauber eingestellt. Reiseveranstalter bieten All-inclusive-Reisen. Hotels haben für die Touristen Wellness-Einrichtungen zum Entspannen im Angebot. Auch Taucher haben die Insel mit dem größten Naturhafen im Mittelmeer, dem Grand Harbour, als Unterwasser-Paradies entdeckt. Und Jahr für Jahr besuchen Tausende von Schülern eine der Sprachschulen auf Malta. Nicht um das fast unaussprechliche Malti zu büffeln: Man spricht bestes Oxford-Englisch auf der Insel, die lange britische Kolonie war.

Wie auch immer man Urlaub auf Malta macht, Geschichte begegnet einem dort auf Schritt und Tritt. Manuel Baldacchino hat es sich zum Ziel gesetzt, im Limestone Heritage das Kalkstein-Erbe zu bewahren und Besuchern des erst kürzlichen eröffneten Freilicht-Museums näher zu bringen. Alle Bauwerke - ob die Tempelanlagen der urzeitlichen Menschen oder die Kirchen und Festungsbauten des Johanniterordens - sind aus diesem Stein gebaut.

In dem stillgelegten Steinbruch in Siggiewi, nicht weit von der Hauptstadt Valletta entfernt, hat Baldacchino, dessen Familie seit Generationen im Steinbruch-Geschäft ist, die Arbeitswelt der Steinbruch-Arbeiter originalgetreu nachbilden lassen. Es geht vorbei an mannsgroßen Puppen in maltesischer Arbeitstracht. Daneben liegen die Werkzeuge, mit denen schon in der Frühzeit Stein bearbeitet wurde. Und es sind Gebäude zu sehen, so wie sie die ersten Bewohner Maltas gebaut haben.

Die Tempel von Hagar Qim, Ggantija und Mnaijdra gelten als die ältesten frei stehenden Gebäude der Menschheitsgeschichte - älter als Stonehenge oder die Pyramiden. Ein Muss ist auch der Besuch des Hypogeums von Hal Saflieni. Das unterirdische Höhlensystem ist zum größten Teil mit Steinwerkzeugen von Menschen aus dem Kalkstein geformt worden. Geschichte hautnah erlebt man in der Tempelanlage Tarxien, bei der es sich um den bedeutendste Fund aus der megalithischen Zeit handelt. Man fragt sich, wie die Menschen die riesigen Steinblöcke transportiert haben, sagt Reiseleiter Peter Donath.

Malta steckt voller Gegensätze. Es liegt südlicher als Tunis, gehört aber zu Europa. Malti ist arabisch-semitischen Ursprungs, geschrieben wird aber in lateinischer Schrift. Die Malteser sind Katholiken, Gott nennen sie aber Allah, erklärt der Reiseführer. Gastfreundlich sind die Malteser - und neugierig auf Besucher. Gastwirt Antonio, der in der Nähe des Hypogeums ein Bistro betreibt, quetscht seine Gäste über Deutschland aus. Da war er nämlich schon mal - vor ein paar Jahren, sagt er, zeigt auf die Fotografien an der Wand, schnappt sich eine Melone, schält sie und verteilt Gratis-Stücke an die Gäste: Gegen den Durst. Nicht erschrecken: Die Malteser feiern gern und viel. Jede Pfarrgemeinde hat mindestens einen Feiertag, an dem sie ein großes Fest für den jeweiligen Schutzpatron veranstaltet. Und dann lassen sie es so richtig krachen - mit Kanonendonner, der über die Insel hallt.

Der Kalkstein scheint das einzig Beständige in der wechselhaften Geschichte Maltas zu sein, das erst 1974 zur Republik erklärt wurde. Erst die Phönizier, dann die Araber und später die Römer lenkten die Geschicke der Malteser. Über 200 Jahre dauerte die Herrschaft des Johanniterordens. Sie bauten Malta zu einem uneinnehmbaren Bollwerk des Christentums gegen den damals andrängenden Islam aus. Die Kalkstein-Stadt der Johanniter, Valletta, die auf einer Halbinsel gebaut ist, gilt mit ihren schmalen und geraden Gassen, als Meisterwerk der Militärarchitektur.

Vom unscheinbaren Äußeren der St. John' Co-Cathedral, die im 16. Jahrhundert im Stil des Manierismus gebaut wurde, sollte man sich nicht abhalten lassen, die Kirche zu besuchen: Sie ist im Innern von außergewöhnlicher Pracht und verbindet die Kapellen jeder der acht Sprachen der Ritter des Johanniterordens. Sie laufen hier über einen Friedhof, erklärt Reiseführer Peter Donath und zeigt auf die Grabplatten am Boden. St. John's Co-Cathedral ist Zweitsitz des Bischofs zu Malta. Die Bischofskirche steht einige Kilometer entfernt in der alten Hauptstadt Mdina.

Abends, wenn dort die Touristen schon lange in einem der vielen Restaurants sitzen und die Liebespärchen sich ein lauschiges Plätzchen an der alten Befestigungsmauer gesucht haben, von wo aus sie einen Blick über die Insel haben, wirkt Mdina wie eine verwunschene Märchenstadt: Die Gassen sind menschenleer, jeder Schritt hallt lange nach: Schweigende Stadt wird Mdina genannt, erzählt Peter Donath just in dem Moment, als aus einem der Fenster eine Arie aus La Traviata in die Dunkelheit hallt. Tja, es wohnen in Mdina 400 Menschen, die nicht immer schweigen wollen.

Quelle: chk

 
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