Eine Wiederannäherung: Montenegro: Die Entdeckung der Langsamkeit
VON FRANZ LERCHENMÜLLER - zuletzt aktualisiert: 03.06.2003 - 10:24Sonnenstrände, Reisfleisch und Kellner, die wie Bata Ilic aussehen. So war’s vor dem Krieg in Montenegro. Und heute?
Menschen am Fluss: Entspannt lehnt sich der graue Krauskopf im roten Adidas-T-Shirt in seinen Liegestuhl zurück und hebt lässig die Flasche Bier zum Gruß. Sein Nachbar mit den schmuddligen Safarihosen säubert in einem verbeulten Waschzuber Fische und winkt mit einem frischgeschuppten Zander. Überall auf den Terrassen der flachen Hütten sitzen Männer und Frauen, plaudern und sehen der Bojana zu, wie sie breit und träge wie der Mississippi an ihnen vorbei zur Adria zieht. Die „Kalimeras“, große Senknetze, hängen wie umgedrehte Schirme von den Trägerbalken, und der Soldat im Tarnanzug im Schilf hebt warnend die Hand: Hier endet Montenegro, der Rest des Flusses gehört bereits zu Albanien.
Dragan wendet das Boot und legt an seinem wackligen Steg an. Dann serviert er getrocknete Feigen, dazu drei Sorten Geist: Tresterschnaps aus der Fabrik, Traubenbrand aus eigener Produktion und ein ebenfalls selbstgebranntes 65-prozentiges gelbes Etwas, das sich bis zu den Zehenspitzen durchbrennt.
Was für ein lässiger Nachmittag! Klar, dass Natascha, der Reiseleiterin, jetzt einfällt, warum Montenegriner Hornhäute auf dem Handrücken haben: Weil sie die Hände stets auf dem Rücken tragen. Das, sagt sie, sei montenegrinische Lebensart. „Und die müssen auch unsere Gäste für sich entdecken!“
Versteht sich. Denn „Montenegro entdecken!“ steht gerade derzeit auf dem Plan, dem neuen „Masterplan“ für die nächsten 20 Jahre touristischer Entwicklung, um genau zu sein, den ein paar findige Köpfe im Auftrag der Deutschen Entwicklungsgesellschaft erstellt haben.
„Montenegro erleben!“ und „Montenegro genießen!“ sind für später vorgesehen, in sieben oder acht Jahren, wenn sich die 200 Kilometer Adriaküste zwischen Kroatien und Albanien wie geplant in ein zweites Mallorca für „anspruchsvolle Badegäste“ verwandelt haben.
Eigentlich aber geht es hier gar nicht um eine Neuentdeckung, sondern um eine Wiederannäherung. Montenegro, war da nicht einst was? Aber ja: Sonnenstrände, große Portionen „Serbisches Reisfleisch“ und Kellner, die an Bata Ilic erinnerten: Über eine Millionen Touristen besuchten Montenegro im Jahr 1985. Dann begann 1990 der Krieg, und wenn auch in der jugoslawischen Teilrepublik kein Schuss fiel: Die Wirtschaft brach ein, jugoslawische Touristen konnten die Lücken nicht füllen.
Was braucht es nun, um ein zweites Mallorca zu werden? Ganz einfach: Sonne und Strand, ordentliche Hotels, ein bisschen Kultur und Natur, lecker Essen und Trinken.
Nun denn: Die Sonne scheint nicht seltener als auf den Balearen. An Stränden herrscht kein Mangel, allein der bei Ulcinj ist 13 Kilometer lang. Und was die Gastronomie angeht, wird jeder satt auf ordentlichem, manchmal hohen Niveau.
Lachend kommt die alte Sora Milosevic „nicht verwandt“ hat sie von Touristen gelernt aus ihrer „Kafana“ und präsentiert den Teller mit dem berühmten Schinken von Njegusi, der in luftigen Häusern im Wind heranreift. Besonders gut passt dazu Schnaps. Überhaupt, finden Montenegriner, passt Traubenschnaps eigentlich immer: Ob vor den Kalamares, zwischen Oktopussalat und Zahnbrasse, nach der Dorade oder zu ausgebackenen Krapfen mit Honig ein Gläschen „Loza“ muss sein!
Wäre noch die Sache mit den Hotels: Sicher, da ist die berühmte Hotelinsel Sveti Stefan, auf der einst Sophia Loren und Sylvester Stallone nächtigten. Mitten im Wasser gelegen, halbwegs luxuriös aber Sveti Stefan ist nicht die Regel. Noch müssen Entdecker in den Hotels mit gewissen Unzulänglichkeiten rechnen: Steckdosen ohne Strom, das Wassser tröpfelt, der Hebel der Dusche ist abgebrochen und doch spürt man allenthalben das Bemühen um den Gast: Geranien blühen, der Balkon ist frisch getüncht, und die Kellner harren auch dann geduldig, wenn nur noch zwei Gäste durchprobieren, zu welchem Getränk Schnaps wohl am besten schmeckt.
Das versöhnt. Dazu das Meer, das vor dem Fenster rauscht, der Ginster, der wie gekörntes Gold die Hänge überzieht und die alten Städte. Cetinje, die ehemalige Residenz des Königreichs Montenegro präsentiert in ihren Museen 42 von den Türken erbeutete Kriegsfahnen, die Orden des König Nikola, der es dank seiner neun Töchter zum „Schwiegervater Europas“ brachte, sowie den Billardtisch, den der Dichter Njegos sich über die enge Serpentinenstraße hatte hochschaffen lassen.
Die verwinkelten Altstädte von Budva und Ulcinj wurden beide beim großen Erdbeben 1979 bis zum Grund zerstört. Die in Budva wurde Stein für Stein wieder aufgebaut und beherbergt heute eine muntere Touristenkulisse aus Souvenirshops und Pizzabuden. In Ulcinj dagegen wurde mit viel Beton nicht immer ganz stilsicher neues altes Gemäuer zwischen Schutthaufen und Ruinen gestellt. Von den Terrassen aber rufen die Menschen: „Deutsche? Na prima. Wann kommt Ihr wieder? Wir warten.“ In fließendem Deutsch.
Fehlt schließlich nur noch die Natur, mit dem tief eingeschnittenen Fjord von Kotor, den türkisen Buchten hinter jeder zweiten Kurve, den Reihern und Kormoranen am Skutari-See. Abwechslungsreich ist das Land und wenig verbaut. Und manchmal ist man sogar geneigt, das so sorgsam gehütete Prädikat „Traumblick“ zu vergeben: Tief unten zieht der Skutarisee in einer mächtigen Schleife um einen karg bewaldeten Berg. Von den Seiten schieben sich graue Felskegel ins Bild, Seerosenfelder verkrauten die Uferzonen. Im Abendlicht spiegeln sich die Kämme der Berge im schwarzen Wasser, und dahinter verschwimmen die Ketten blassblauer Gipfel im Dunst, am Horizont, im nachtblauen Himmel.
Hoch oben aber, auf der Terrasse eines kleinen Hotels, steht der Entdecker und sinniert: Ob er ihnen wohl gelingen wird, der Spagat? Ob der Tourismus in zehn, 20 Jahren dem Land tatsächlich so viel Geld eingebracht haben wird wie sie erhoffen und trotzdem dieses Gesamtkunstwerk der Natur noch erhalten sein wird? Und, wenn ja: Ob sie dann immer noch gelassen am Nachmittag ihre Flasche Bier trinken und sich Hornhäute auf den Handrücken holen werden, die Menschen an der Bojana?


