Adventsserie Rom!: 2. Teil: Rom! Auf den Spuren der ersten Christen
VON JENS VOSS - zuletzt aktualisiert: 09.12.2008 - 19:39Düsseldorf (RPO). Als das Christentum nach Rom kam, kam es in der Mitte der Welt an. Der Blick auf die Anfänge macht die ganze Stadt zum Gleichnis: für das, was standhält. Ob in den Katakomben oder vor dem Sarkophag des Paulus: Rom lehrt, dass am Ende Worte mächtiger sind als das Schwert.
Vor dem Reich der Toten liegt Arkadien: Wiesen, Schafe, Pinien, ein milder Tag, alles gerahmt von altem Mauerwerk, das mehr Fürsorge als Abwehr ist. Irgendwann kommt der Eingang zu den Domitilla-Katakomben, um die sich viele Legenden ranken - und viele Fakten: dass Römer zum Beispiel im Schnitt 1,56 Meter groß waren und nur 36,8 Jahre alt wurden. Start des Spaziergangs zu den Katakomben ist die kleine Kirche Santa Maria in Palmis, die sich ebenfalls einer Legende verdankt: Dort soll Petrus auf der Flucht aus Rom Christus getroffen und ihn gefragt haben: Quo vadis, domine?, wohin gehst du, Herr. Der antwortete: „Eo Romam iterum crucifigi“, ich gehe nach Rom, um mich erneut kreuzigen zu lassen. Petrus kehrte daraufhin um und erlitt das Martyrium.
Es sagt sich so dahin: auf den Spuren der ersten Christen sein. Es mag paradox klingen, aber Rom macht es einem nicht einfach. Das, was man auf Schritt und Tritt überwältigend klar sieht, ist die Geschichte eines Erfolgs, nicht die Geschichte eines Anfangs.
Natürlich weiß jeder um diesen Anfang, um die Rolle Roms, aber man sieht und fühlt es nur selten. Steht man im Petersdom vor dem Bernini-Baldachin über dem Petrusgrab, so steht man vor einer Verehrung, die schwer ist von Wissen: wissend um eineinhalbtausend Jahre Geschichte, wissend um den Glanz einer Kirche, die aus einem Anfang so klein wie ein Senfkorn zur Weltgröße wurde. Nein, Bernini zeigte keine Spuren. Er zeigte Triumph.
Die Katakomben immerhin blenden all das gründlich aus. Nichts mehr von der lichten Pracht Roms, ein Ort des Memento Mori. Wie sagte Don Antonio, Priester und Leiter des deutschen Pilgerzentrums: „Rom ist ein Ort, an dem man sich Gedanken machen kann über das Vergängliche und das Bleibende.“ Dennoch, selbst in diesen niedrigen Gängen, die sie so direkt vom Verbleib der Toten erzählen, gilt: Rom ist so leicht nicht zu entschlüsseln. Was ist vergänglich, was bleibend? Die Katakomben sind da, aber sind sie bleibend? Sie flüstern im Dunkeln mehr von Vergänglichkeit; und dass es die Gänge mit den Grabhöhlen noch gibt, spendet keinen Gramm Trost. Der Petersdom? So unerschütterlich fest er auch anmutet, so sehr verweist er über sich hinaus - auf Ewiges. Bleibend ist am Ende nicht der Stein, sondern der Geist, der Gedanke, dem er Ausdruck verleiht.
So ist es oft in Rom, und vielleicht kommt Don Antonio dieser Wahrheit ja sehr nahe, als er einmal beiläufig einen seiner Lieblingsgedanken erwähnt: dass er in den Brunnen vor dem Petersdom ein Gleichnis sieht. „Jeder Tropfen ist eine Note; und diese Noten sagen allen Menschen willkommen.“ Rom, Stadt der Gleichnisse. Die Katakomben jedenfalls erzählen so eindeutig vom Tod, dass es schwerfällt, mehr als den Tod zu sehen. Und so überwiegt bald ein historisches Interesse, das kühl ist wie die Gänge, durch die man mit eingezogenem Kopf stapft. Mag jeder selbst nach Gleichnissen in den Fakten suchen.
Der zentrale Mythos, den wohl jeder im Kopf hat - die Katakomben als heimliche Gebetsräume für die ersten Christen - ist eine Legende des 19. Jahrhunderts, eine Erfindung der Romantik. In Wahrheit waren die Katakomben zu eng, zu erfüllt vom Geruch des Todes und zu sehr eine Falle, um als Versteck dienen zu können. Das Totenreich war wirklich ein Totenreich, sonst nichts. 63 Katakomben gibt es in Rom. Allein die Domitilla-Katakomben sind vier Stockwerke unter die Erde getrieben und bargen auf 17 Kilometer langen Gängen 120000 Tote, darunter viele Kinder, denn drei von fünf Neugeborenen starben im alten Rom innerhalb des ersten Lebensjahres.
Am Ende lehren solche Zahlen vor allem dies: Nüchternheit. So sehr hat man das Rom der Geschichtsbücher im Sinn, dass man das Leben in den Gassen fast vergisst. Dort war Lebenszeit wohl knapp bemessen; der Tod war ein Arbeiter, ein Lastenträger, der viel wegzuschaffen hatte.
Es mag seltsam klingen, aber es gibt wenige solcher Aha-Effekte. Zu mächtig ist der Bildervorrat vom römischen Weltreich, und so sieht man oft nur das, was man zu sehen erwartet, also wenig. Im Forum Romanum zum Beispiel. In den Museen gibt es hübsche Büchlein zu kaufen, in denen man Bilder der Trümmer und Bilder mit den fehlenden Elementen übereinanderklappen kann. Und flugs steht dort, wo vorher drei Säulen waren, ein Tempel. Das ist verblüffend, ein Spaß, wie ein Treffen mit alten Bekannten - Ben Hur lässt grüßen.
Und doch kommt für jeden der Punkt, an dem man etwas vom Leben in dieser fernen Welt ahnt. Etwa beim Triumphbogen des Septimus Severus am Ende des Forum Romanum, dort, wo man die Treppen hochsteigt zum Kapitol. Reliefs zeigen römische Soldaten und Gefangene. Die Gefangenen - es sind Parther - tragen Mützen und Stiefel, sind gebunden mit Ketten; die Römer tragen Umhang und Schnürschuhe und halten die Ketten. Es ist ein Moment der Beklemmung. Der Bilderteppich im Kopf zerreißt, und dieses Wort Weltherrschaft klirrt auf einmal vor Kälte und Grausamkeit: Die Triumphzüge waren eben kein Theater; sie waren ein sehr direkter Akt des Herrschens. Die Gefangenen wurden vorgeführt wie Vieh und später, wie zu lesen ist, vielfach erdrosselt. Besiegte warf Rom zu den Toten.
Das also war die Welt, in der die ersten Christen zu leben hatten. Gnade war ein göttlich’ Gut, Liebe ein Lied des Himmels; auf Erden herrschte das Gesetz der Kette. Auf jeden Fall wussten die frühen Christen, dass sie in Rom bestenfalls römisches Recht, vielleicht politische Klugheit, keinesfalls aber Milde zu erwarten hatten. Als Paulus, der das römische Bürgerrecht besaß, nach Rom ging, um die Botschaft von Christus in die Mitte der Welt zu pflanzen, da wusste er, dass er sein Leben riskierte.
Und so gehört es zu den stärksten Eindrücken, wenn man vor dem Sarkophag des Paulus steht, der von einer der ergreifendsten Kirchen überwölbt wird, die man in Rom sehen kann: der Basilika St. Paul vor den Mauern (San Paolo fuori le Mura). Die Kirche besticht durch eine Halle, die ebenso schlicht ist wie überwältigend erhaben. Es ist, als falle man in ein Gemälde, in dem es nur Raum und Schatten und Säulen gibt. Am Hauptaltar geht es ein paar Stufen hinab. Von dort aus kann man einen Blick auf den Sarkophag des Apostels werfen. Die Öffnung zum Sarkophag ist gerahmt von Mauerwerk; das Ganze wirkt wie ein Schacht tief hinein in die Zeit.
Und wieder ist es, als falle man - diesmal aus jenem großartigen Gemälde zurück in die Welt aus Erde und Stein. Paulus wurde nach langem Prozess und langer Gefangenschaft hingerichtet; der Überlieferung nach geköpft. Wie üblich, werden die Römer die Leiche den Angehörigen zur Bestattung überlassen haben. Das Grab des Paulus war von Anfang an Stätte der Verehrung. Der Ort, an dem die Basilika steht, lag früher vor den Mauern Roms. Dort war ein Friedhof, und nichts, rein gar nichts spricht dagegen, dass dieser Sarkophag wirklich der von Paulus ist. Das ist ein sehr dichter Moment des Erinnerns, des Sehens: Worte, die als Heilige Schrift immer wie entrückt sind, kehren zurück zu einem Menschen aus Fleisch und Blut, der dem Auferstandenen begegnete und die Welt veränderte.
Seine Briefe waren am Ende machtvoller und beständiger als Roms Legionen; seine Worte haben das neue Rom gegründet, das Rom der Christenheit, das mit all seinem Glanz heute steht und prangt und doch nur dies ist: ein Gleichnis für Höheres.
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