Adventsserie: Rom! Den Papst sehen
VON JENS VOSS (TEXT) UND ANDREAS KREBS (FOTOS) - zuletzt aktualisiert: 10.12.2008 - 08:57Rom (RP). Den Papst sehen heißt oft, ihn von weitem oder von hinten zu sehen. Selbst wenn man ihn nicht sieht, weiß man sofort, wo in der Menge er gerade ist. Die Sehnsucht so vieler Menschen, den Papst zu sehen, ist ein Lehrstück für sich. In Rom versteht man irgendwann: Am Ende geht es um ganz etwas anderes.
Das erste, was man sieht, ist ein weißer Zipfel. Seltsam genug: Die Basilika „St. Paul vor den Mauern“ ist dicht gefüllt mit Menschen, man steht weit links im Seitenschiff, hat mächtige Säulen vor sich und ein mächtiges Rauschen aus Stimmen über sich – und dennoch sieht man sofort und sehr klar diesen Zipfel knapp über all den Köpfen, und sofort und sehr klar spürt man: Da ist der Papst. Irgendwann öffnet sich dann eine Lücke, durch die man einen raschen Blick auf die Gestalt werfen kann, die da in Weiß leuchtet, gekrönt von einem Käppchen, dem Pileolus, das seinerseits gekrönt ist von jenem weißen Zipfel, den man zuerst sah und auch jetzt überraschend klar sieht – ein Komma, das den Raum teilt, als wäre er ein überlanger Satz.
Natürlich möchte man in Rom den Papst sehen. Im Kopf hat man zahllose Bilder und ein vages Gemenge aus Kritik: Personenkult? In seinem Tagebuch „Rom – protestantisch gesehen“ notiert der evangelische Theologe Hans-Martin Barth immerhin die Frage: „Der Antichrist – ein Papst?“ Luther hat den Papst gern als „Anti-Christ“ beschimpft, und das hallt bei Barth nach. Er warnt in einer etwas gewundenen Formulierung: Der Anti-Christ bleibe „als Möglichkeit umso gefährlicher, je mehr Macht jemand in der Kirche hat“. Macht? Welche Macht hat die Kirche oder jemand in der Kirche, und sei es der Papst? Die Frage lässt einen nicht mehr los, und das liegt auch daran, wie es ist, den Papst zu sehen.
Nun also in der Basilica Papale Di San Paolo Fuori Le Mura: Benedikt XVI. leibhaftig, vielleicht 70, 80 Meter weit weg. Das erste Gefühl ist nicht das von Macht, sondern das von Mitte. Wo die weiße Gestalt entlangdriftet, da ist die Mitte des Raums, die Mitte der Menge, die Mitte, in der sich alle Blicke treffen. Dabei bleibt es: Die Wiener Philharmoniker geben Bruckners 6. Sinfonie; man hat Mühe, sich auf die Musik zu konzentrieren. Später wird der Papst die Musiker als „liebe Freunde“ ansprechen, ihnen sagen, dass es ihnen immer wieder gelinge, „die Herzen eurer Zuhörer anzurühren“, und schließlich danken mit einem „Vergelt’s Gott“. Er sagt tatsächlich dieses familiäre „Vergelt’s Gott“. Erst beim Hinausschlendern registriert man, dass dieser Bayern-Gruß ein Stück Verkündigung war: von sich wegweisen; weg vom Konzert, weg von der Basilika, weg von Rom – ein Wort als Fingerzeig nach ganz oben.
Den Papst zu sehen heißt meist, ihn erst einmal nicht zu sehen. Geht man abends über den Petersplatz, brennt rechter Hand oben in dem Palast mit den Gemächern des Papstes meist noch Licht: ein einziges Fenster, das zweite von rechts, erleuchtet in einer langen Reihe dunkler Öffnungen, mehr nicht. Und jedesmal, wenn man im Dunkeln vorbeikommt, blickt man hoch und grüßt im Stillen den Mann, der dort noch keinen Schlaf gefunden hat. Wiederum gilt: Das Gefühl von Macht will sich nicht einstellen. Was auch daran liegt, dass der Palast, wenn man ihn denn so nennen mag, so gar nicht wie ein Palast wirkt, wie verwinkelt hingestellt neben den Petersplatz mit seiner makellosen, mächtigen Symmetrie. Der Papst immerhin bleibt unsichtbar gegenwärtig – ist das Macht? Und wenn ja – welche?
Die einfachste Art, den Papst zu sehen, ist eine Generalaudienz immer mittwochs, wenn Tausende zum Petersplatz strömen. Der Petersplatz ist morgens um neun, wenn das Licht noch dunstig ist und der Wassernebel über den Brunnen etwas Unwirkliches hat, ein zauberhafter Ort. Über den Säulenreihen sieht man Zypressen, Zeichen der italienischen Landschaft, die ja ein deutsches Seelen-Arkadien ist. Nach oben hin verschwimmt alles ein wenig, und unten auf hartem Pflastergrund sammeln sich Menschen über Menschen und formieren sich vor dem Petersdom. Mittendrin: heitere Unruhe; Vielfalt; Zufallsbegegnungen: ob nun mit einer Dirndl-Truppe aus der Pfarrei Litzeldorf im bayerischen Kleinholzhausen oder mit dem Australier Jeffrey Trew, 72 Jahre alt, der als Ritter vom Orden des heiligen Grabes von Jeruslaem (Knightly Order of the Holy Sepulchre of Jerusalem) nach Rom gekommen ist – mit seiner Frau Joan, auch sie 72 Jahre alt. Knightly was? Geduldig wiederholt er den Namen seines Ordens und erklärt: Er habe den Rang eines Knight Commander, und seine Frau sei ein Lady Commander. Sie quittiert die Bemerkung mit einem schelmischen Lächeln – Lady Commander könnte auch eine innereheliche Sprachregelung sein. Die Tracht der beiden jedenfalls ist prachtvoll – der weiße Umhang des Commanders liefert ein schönes Bild; Abglanz mittelalterlicher Pracht. Kein Zweifel: Es gibt noch Ritter in Rom.
Später, wenn die Pilgerguppen aufgerufen werden, jede in ihrer Sprache, fängt das Wort katholisch – allgemein, weltumspannend – an zu klingen: Indien, Ghana, Philippinen, Amerika, England, Schottland, Australien, Sri Lanka, Brasilien, Frankreich, Polen – die Welt ist da. Und mit ihr – Überraschung – der halbe Niederrhein. Ein Mittwoch in Rom also, und es sind dabei: Mitarbeiter des St.-Bernhard-Hospitals Kamp-Lintfort, die Priesterbruderschaft Düsseldorf-Gelsenkirchen, der Verkehrsverein Kevelaer, das Friedrich-Rückert-Gymnasium Düsseldorf, das Cusanus-Gymnasium Erkelenz, das Franz-Haniel-Gymnasium Duisburg, die Freiwillige Feuerwehr Emmerich, die Marienschule Xanten. Lauter Nachbarn.
Jede Pilgerguppe macht mit irgendeinem Jubelruf auf sich aufmerksam, und der jubelndste Jubelruf an jenem Vormittag steigt auf von den Schülern aus Xanten: so laut, so ansteckend jubelnd ist ihr Jubelruf, dass ein heiteres Raunen über den Platz geht und Benedikt XVI. später, als er die deutschen Pilger begrüßt, besonders die Xantener anspricht – so dass gleich noch ein Jubelruf über den Platz fegt. Das ist nicht geplant; Benedikt hat sichtlich die Stimmung auf dem Platz registriert und reagiert. Die Xantener werden das nie vergessen. Menschenfischen kann so einfach sein.
Auch zu Beginn der Audienz ist es so: Den Papst sehen heißt, ihn erst einmal nicht zu sehen. Mitten in der Unruhe vor dem Petersdom geht ein Ruck durch die Reihen, und es ist sofort klar: Das Papamobil hat seine Fahrt durch die Menge begonnen. Irgendwann fährt es auch an einem selbst vorbei, und zu Hause wird man erzählen: Ich war zwei Meter von ihm entfernt. Macht? Das Panorama der Pilgergruppen erzählt weniger von Unterordnung als von Dabeisein, von Zusammenkommen, von Bündeln, Sichtbarwerden, Zugehörigkeit. Der Papst reflektiert diesen Wunsch. Das räumliche Gegenüber zu den Gläubigen gewinnt einen tiefen Sinn: Er ist der Spiegel, in dem sich alle sehen und ihrer selbst vergewissern.
Protestanten zucken hier oft zusammen, wie übrigens auch Hans-Martin Barth, der beim Anblick der Säulenreihen am Petersplatz notiert, er werde den Eindruck nie ganz los, „als könnten sie sich schließen, und ich wäre gefangen“. Auf dem Platz teilt sich nichts von dieser Sorge mit. Die Kolonnaden umhegen den Raum, halten all die Vielfalt, all die Bewegungen zusammen und richten sie aus: nach vorn, dorthin, wo der Papst die Fülle der Gläubigen spiegelt und bündelt. Wer darin nur Personenkult oder Unterordnung zu sehen vermag, verkennt das Eigentliche an dieser Szene: Das Papstamt ist ein großes Angebot zur Identifikation mit einem Ganzen, das Welt und Zeit umgreift.
Am Ende versteht man dies: Nicht den Papst sehen, sondern gesehen zu werden ist das Wichtige. Dieses „Hier sind wir“, das die Xantener so ansteckend fröhlich herausgejubelt haben, spiegelt auf leichte Weise die Hoffnung, nicht verloren zu gehen in der Zeit, genannt, erkannt, aufgehoben zu sein, am Ende wohl: in Gott.
Andacht, Schriftlesung, Predigt in vielen Sprachen, Gebet, Segen – nach der Konzentration der Audienz herrscht Bewegung auf dem Petersplatz; die Menschen machen Abschiedsfotos oder formieren sich erneut: für den Tag in einer Stadt, über die der Protestant Hans-Martin Barth am Schluss seines Tagebuchs auch dies schreibt: Rom sei „eine Spur der Geschichte Gottes mit seinem Volk“. Und die Kolonnaden tun, was sie tun, seitdem es sie gibt: Sie bleiben weit offen – zur Stadt, zur Welt.
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