Rituale für die Seele: Santiago - Pilgerziel Nummer eins im Heiligen Jahr
zuletzt aktualisiert: 13.04.2004 - 09:13Wenn der Tag des Apostels Jakobus auf einen Sonntag fällt, ist Heiliges Jahr in Santiago - und für Pilger jede Menge los. Nur alle paar Jahre findet dieses denkwürdige Ereignis statt. Am 25. Juli 2004 wird es wieder soweit sein.
Krank zu werden, kann sich Armando nicht leisten. Wenn er nicht auf den Beinen ist, werden tausende Pilger eines Erlebnisses beraubt, das seit Jahrhunderten zur Kathedrale von Santiago de Compostela gehört wie das Grab des Apostels Jakobus: Sie verpassen, wie der Botafumeiro geschwungen wird.
Zwei Männer sind nötig, um das 1,50 Meter hohe Weihrauchfass ins Kirchenschiff zu tragen. In der Vierung, wenige Meter vor dem Altar, wird es an einem dicken Tau aufgehängt. Und den Knoten, den darf nur Armando zuknüpfen. Er gibt auch die Kommandos, wenn acht Männer, die Tiraboleiros, in die Seile greifen, um das über 50 Kilo schwere Fass in Bewegung zu bringen. Erst langsam, dann immer schneller schwingt das Fass durchs Querschiff, von einem Seiteneingang zum anderen, fast bis unter die 28 Meter hohe Decke. Und wer in einer der Kirchenbänke zum Mittelgang hin sitzt, hält nicht nur den Atem an, sondern ist versucht, den Kopf einzuziehen. Mit 50km/h saust der Botafumeiro dahin.
Schauspiel vor dem Altar
Erst während das Fass auspendelt, beginnt der intensive Duft des Weihrauchs in der Nase der Gottesdienstbesucher zu kitzeln. Mit einem Hechtsprung bringt Armando den Kessel zum Stillstand, er löst den Knoten, das Schauspiel ist zu Ende. Seit über 40 Jahren obliegt dem 64-Jährigen diese Aufgabe - und noch nie ist etwas passiert. Überhaupt, so heißt es, ist der Botafumeiro seit dem Mittelalter erst dreimal zu Boden gekracht. Einmal direkt vor dem Altar, einmal vor dem Südportal und zuletzt, Ende des 19.Jahrhunderts, schlug er gegen eine Säule am Nordportal. Verletzt wurde nie jemand.
Seit dem 13. Jahrhundert pflegt man in der Kathedrale von Santiago den Brauch des Botafumeiro. Eine Blütezeit der Santiago-Pilger. Jedes Jahr suchten rund 500.000 Menschen aus ganz Europa den Weg nach Santiago (heute sind es bis zu 100.000), in die nach Jerusalem und Rom drittheiligste Stadt der Christenheit, um am Grab des Apostels Jakobus Beistand für Leib und Seele zu erbitten. Viele blieben ein Weilchen. An Ort und Stelle. Die Kathedrale des Mittelalters war ein einziges Hospiz für die Pilger aus der Ferne: Dort schliefen und kochten sie, wuschen sich und ihre Wäsche, erledigten ihre dringendsten Bedürfnisse, dort gebaren Frauen ihre Kinder. Der Gestank, der den heiligen Raum erfüllte, muss unglaublich gewesen sein. Deshalb begann man mit dem Weihrauch. Das ist die praktische Erklärung. Die geistliche lautet anders: Der wohlduftende Rauch soll nicht den Raum reinigen, sondern die Seelen. Und so wie der Rauch zum Himmel steigt, erheben sich die Seelen und Gebete der Menschen zu Gott.
So denkt man auch heute, da die Kirche nur noch Gotteshaus, nicht mehr Lebensmittelpunkt der Pilger ist. Ihre Bedeutung aber ist geblieben: Die Kathedrale von Santiago de Compostela ist das Herz der Stadt. Die dicht mit Moos und Farn bewachsene Fassade erzählt eine jahrhundertalte Geschichte - und vom Regen, der in den Wintermonaten unerbittlich und tagelang ununterbrochen auf die Stadt hinab sprüht. Kein Wunder, dass viele der Gassen von Bogengängen durchzogen sind - ein Schutz vor dem Wetter. Diese Gassen öffnen sich vor der Kathedrale zum Praza do Obradoiro, der die mächtige Fassade - in der Barockzeit vor das alte romanische Portal gesetzt - noch stärker wirken lässt.
Wer dort ankommt, hat in der Regel einen langen Weg hinter sich. Nicht jeder Pilger hat sich Wochen oder gar Monate zuvor in seiner Heimat auf den Weg gemacht. Aber jeder, der sich Pilger nennen und die Pilgerurkunde erhalten möchte, muss zumindest die letzten 100 Kilometer des Jakobsweges gegangen sein - Radler müssen 200 Kilometer schaffen. Vor der Kathedrale stehen, heißt aber noch lange nicht, am Ziel der Reise zu sein. Im Sommer stehen die Besucher oft stundenlang an, um endlich an das Grab des Apostels zu kommen. Erst, wer die Statue des Jakobus" umarmt und ihm seine Bitten oder seinen Dank zugeflüstert hat, ist angekommen.
Tatsächlich sind es aber nicht nur die Menschen, die aus aller Herren Länder nach Santiago gekommen sind, die in der Kathedrale Hilfe suchen. Die Marienkapelle im Seitenschiff ist fester Anlaufpunkt für junge Spanier. Dort steht eine Jesus-Figur mit geöffneten Händen. Manchmal quellen sie über vor kleinen Zettelchen, mitunter muss ein Korb neben der Statue aufgestellt werden. "Mathematik-Prüfung" steht auf diesen Zetteln beispielsweise ganz schlicht. In der Examenszeit nämlich bitten die Studenten um Beistand. 35.000 Hochschüler leben in Santiago, es gehört zu den wichtigsten Universitätsstädten Spaniens, besonders für Medizin, Pharmazie und Jura. Die Studenten machen aus Santiago mit seinen insgesamt gut 10.0000 Bewohnern eine lebhafte, junge Stadt. Und so pulsiert das Leben in den Tapa-Bars und Cafés der Altstadt, auch wenn der Regen fällt, die Hotels leer sind und nur eine Handvoll Pilger am Tag ankommt.
Vollkommener Sündenablass
In den kommenden Monaten aber werden sie zusammenrücken müssen. 2004 erwartet Santiago de Compostela besonders viele Pilger: Es ist Heiliges Jahr. Das wird in Santiago alle sechs, fünf, sechs und elf Jahre gefeiert - immer dann, wenn der Namenstag des Apostels Jakobus, der 25. Juli, auf einen Sonntag fällt. In einem Heiligen Jahr ist die Pilgerreise besonders ertragreich, dem Pilger wird der vollkommene Sündenablass gewährt. Für die Stadt bedeutet ein Heiliges Jahr: noch mehr Spektakel, Feste und Festivals.
Auch für den Hüter des Botafumeiro hat das Heilige Jahr Konsequenzen. Wird das Weihrauchfass in normalen Jahren nur zu besonderen Gottesdiensten in Bewegung gesetzt (oder wenn der Reiseleiter bereit ist, 250 Euro dafür zu bezahlen), gehört der Botafumeiro im Heiligen Jahr zu jeder Pilgermesse - und die wird täglich um zwölf Uhr mittags gefeiert. Schwerstarbeit für Armando. Krankwerden verboten.
Von Kristina Hellwig


