Deutschland ist schön: Trauben Tour durch Rheinland-Pfalz
VON CARLHEINZ TÜLLMANN - zuletzt aktualisiert: 23.06.2007 - 05:45Düsseldorf (RPO). Nur knapp eineinhalb Stunden Autofahrt vom niederrheinischen Wohnort entfernt sieht die Welt ganz anders aus: Steillagen statt Flachland, Rebenreihen statt Rübenfelder, Fachwerk statt Betonfassade, Frühburgunder statt Alt oder Pils.
Über Wirtschaftswege tuckern Mini-Traktoren hinauf zu den Trauben, drunten in den Dörfern stellen die Wirte der Gutsschänken die Gartenstühle vor die Tür. Und im mit üppig blühenden Orleander geschmückten „Hofgarten” vom Weingut Meyer-Näkel in Dernau wird Wildschweinschinken mit Zwiebelconfit zum Bauernbrot gereicht.
Das Personal füllt dazu „Us de la Meng” ins Glas, „eine rheinische Cuvée”, wie es schelmisch dazu auf der Karte heißt. Wir sind im Ahrtal. An der mehr als 300 Jahre alten Steinbrücke in Rech steht Ulla Dismon vor der Statue des Hl. Nepomuk. Die Gästeführerin begrüßt ihre Besucher am Mittellauf der Ahr, nahe an jenen Abschnitten, in denen das Flüsschen die engsten Schleifen zieht.
35 Kilometer langer Rotweinwanderweg
Dies sei das Herzstück des 35 Kilometer langen Rotweinwanderwegs, sagt die Wegweiserin, und sie deutet an, was Winzer und Wanderer im Hochsommer erwartet: Bis zu 40 Grad in den von der Sonne aufgeheizten schroffen Schiefer- und Grauwackeböden.
„Immer der roten Traube nach”, lautet die Devise für Spaziergänger oder Dauerläufer, die Deutschlands nördlichste Rotweinregion zu Fuß erkunden und erleben möchten. Der Einstieg dazu kann beispielsweise an der Burgruine Are in Altenahr gegenüber dem Rathaus oder in den anderen zwölf weinseligen Ortschaften bis Bad Bodendorf erfolgen. Meist geschieht das bequem, mitunter jedoch sind auch sportliche Fähigkeiten erforderlich, wie beim Aufstieg zur Are.
Das Schönste an dieser Strecke durch Trauben-Terrassen: Sie schlängelt sich in Panoramahöhe über dem Flüsschen entlang. Von hoch droben sehen die Altstadt von Ahrweiler, die Weinstuben von Dernau oder der imposante Weinkeller der Winzergenossenschaft Mayschoß wie eine putzige Spielzeuglandschaft aus.
Auch nicht zu verachten: Die Durststrecken sind erträglich. Straußwirtschaften laden in Gute-Laune-Abständen zur Einkehr ein. Erfreulich: Den Haustrunk gibt es noch zu moderaten Preisen. Von der Nepomuk-Brücke in Rech ein Wechsel hinüber zum Weingut Jean Stodden in der Rotweinstraße 7: Hinter dem Haus steigen knorrige Rebstöcke zum Wanderweg hoch.
Topweine von der Ahr
Drinnen, zwischen kleinen Eichenholzfässern und modern gestalteter Vinothek (geöffnet Mo-Fr von 9 bis 12 und 13 bis 18 Uhr, Sa 10 bis 14 Uhr) wird deutlich, in welcher Liga Top-Ahrweine mitspielen: Der 2005er Spätburgunder „Alte Reben” steht bei Gerhard Stodden für 75 Euro je 0,75-l-Flasche in der Liste. Und ein zehn Jahre alter Trester (0,5 l) bringt es auf 55 Euro. Tröstlich: Einen frischen „Fierowend”-Roten für neun Euro gibt es auch.
Kulinarischer Seitensprung von einem mit Leckerbissen reichlich gesegneten Tal nach Remagen. Dort haben Carsten und Nicky Dorhs eine Kochschule („La cucina”) eingerichtet. Gebrutzelt wird am Platz an der alten Post 1 auf Vergnügen komm raus. Der junge „Lehrmeister” hantiert mit Zuschauern und Zutaten so geschickt, dass die „Schüler” beim Verzehr der Medaillons vom Rehrücken in Wacholderjus davon überzeugt sind, das hätten sie selbst gezaubert. (Tel. 02642/9939539, www.carsten-dorhs.de)
Rückkehr in das (fast) nagelneue, moderne Hotel des Weinguts „Burggarten” in Heppingen. Mit dem Zimmerschlüssel geht’s ab in die Kellerbar. Dort kann jeder Gast Flaschen nach Lust und Laune für Kleingeld entkorken. Wie eingangs erwähnt, eineinhalb Stunden von zu Hause entfernt sieht die Welt ganz anders aus.


