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Städtchen in der Provence auf etwa 200 Gemälden: Van Gogh machte Arles weltberühmt

VON HELGE SOBIK - zuletzt aktualisiert: 10.06.2003 - 11:24

Auf etwa 200 Gemälden und über 100 Zeichnungen hat Vincent van Gogh Szenen aus Arles und Umgebung festgehalten. Heute, 115 Jahre nach ihrer Entstehung, zählen sie zu den teuersten Gemälden der Welt. Gebäude, Gärten, Menschen - gehandelt auf spektakulären Auktionen, ausgestellt in den bedeutendsten Museen rund um den Globus - lauter farbintensive Visitenkarten für das Reiseziel Südfrankreichs.

Viele kann der Tourist noch heute wieder entdecken. Eine Kleinstadtstraße auf 60Quadratzentimeter ist 30 Millionen Euro wert. Ein südfranzösisches Wohnzimmer auf weniger als einem halben Quadratmeter, das nichts als den Hintergrund für einen Mann mit Mütze bildet, bringt es auf mindestens 20Millionen Euro. Eine Klappbrücke am Kanal auf einem Stück Leinwand ist vollends unbezahlbar.

Von Februar 1888 an hat der Mann aus Holland insgesamt 444Tage in Arles gelebt und gemalt. Dabei ist der 35-jährige van Gogh nur durch Zufall in das provençalische Städtchen am Rhône-Delta geraten. Wer heute dorthin reist, tut es mit Absicht und ist oft auf den Spuren des Malers unterwegs. Van Gogh wollte damals in den Süden, wollte das besondere Licht dort genießen, sich davon inspirieren lassen - und er wollte ausdrücklich nicht an die Küste. An der letzten Station vorm Mittelmeer stieg er aus dem Zug, 45 Kilometer vom Strand entfernt - auf dem Bahnhof von Arles. "Im Süden", hat er gesagt, "werden die Sinne erregt, wird die Hand gewandter, das Auge schärfer, das Hirn klarer."

Das gelbe Haus am Place Lamartine 2, in das er damals einzog und das er auf einem seiner Bilder festhielt, steht nicht mehr. Die Bomben des 2.Weltkriegs haben es zerstört. Für zwei Monate hatte er dort Besuch vom Malerkollegen Paul Gauguin, dessen Zimmer er gelb gestrichen und mit Sonnenblumenbildern dekoriert hatte. Das cremefarbene Nachbargebäude und die Platanen davor gibt es noch. Eine wetterfeste Reproduktion des Gemäldes dieser Gebäudegruppe von 1888 ist mittlerweile auf ein Gestell neben dem Fußweg montiert - am "Van-Gogh-Pfad" durch Arles. Es ist eines von neun solchen Motiven im Stadtzentrum. Diesen Morgen hockt ein junger Mann aus Italien mit Staffelei daneben, hält in der linken Hand eine Coladose, in der rechten einen Pinsel und malt die Szene nach. Den Farbkasten balanciert er auf den Knien. An vielen Straßenecken sieht man heute Künstler die Perspektiven ihres Idols erkunden - zu verschiedenen Tageszeiten, in unterschiedlichsten Stilen, von naiv bis expressiv, von detailgenau bis abstrakt.

Der Mann, mit dem die Arlesianer einst nichts anfangen konnten, lockt heute Besucher aus aller Welt in das 50000-Einwohner-Städtchen im Hinterland der Camargue und sorgt nebenbei für gute Geschäfte mit Sonnenblumenpostkarten und Souvenir-T-Shirts mit den Motiven seiner Werke auf Brust oder Rücken.

Mit seinen Bildern hat van Gogh Spuren gelegt - zu wenige für die vielen van Gogh-Pilger der Gegenwart. Und so legten die Arlesianer nach und nach weitere frei - oder schaffen sie erst: Das längst geschlossene "Café de la Nuit", in der van-Gogh-Version eine der weltweit meistverkauften Poster-Reproduktionen, ist neu entstanden - in bester Lage am Place du Forum. Es ist ein Straßencafé geworden mit sattgelben Markisen, wallenden Baldachin-Stoffbahnen, kleinen Bistro-Tischen und besonders teuren Getränken. Durchaus ein Laden mit Atmosphäre, zugleich einer voller Touristen. Käme heute jemand vom Schlag Vincent van Goghs daher geschlendert, er würde sich über die Farben, über das knallige Gelb freuen und wahrscheinlich weiter gehen müssen, weil wie immer kein Platz frei ist und Introvertiertheit ohnehin besser in eine der stilleren Seitengassen passt.

Bis vor ein paar Jahren gab es an derselben Stelle nichts als ein unscheinbares Geschäft für Geschirr, ehe der Laden nach dem Vorbild des van Gogh-Gemäldes zum Café umgebaut und zur Goldgrube zurechtrenoviert wurde. Demnächst soll in den Räumen im ersten Stock dieses und der angrenzenden Gebäude ein kleines Hotel entstehen. Ein teures zudem, denn jedes Zimmer soll einem Gemälde des menschenscheuen Niederländers nachempfunden sein. Das Haus wird wohl meist ausgebucht sein - ungeachtet aller Preise.

Froh über den Maler

Van Gogh soll ein Sonderling gewesen sein, ein Trinker, ein unbeherrschter und zugleich vergeistigter Typ mit rotem Bart und Sommersprossen. Einer, der in Südfrankreich sofort auffiel und nicht leicht Anschluss fand. Einer, der von anderswo sein musste, gut Französisch, aber kein Provençalisch sprach und ständig irgendwo in den Straßen seine Staffelei aufbaute, die Trinquetaille-Brücke über die Rhône malte, das Café de la Nuit, den Garten im Innenhof des Stadtkrankenhauses. Das alles in einem Stil, zu dem die Einheimischen beim Blick über die Schulter des Künstlers keinen Zugang fanden. Heute sind die Arlesianer froh, dass der spleenige Mann, der sich eines Nachts ein Ohr abschnitt, ihrer Stadt ein Denkmal für die Ewigkeit gesetzt hat.

Zu Lebzeiten hat er nur ein einziges Bild verkauft. Nach seinem Tod änderte sich das schlagartig. 59,8Millionen Euro brachte inzwischen sein "Porträt des Dr.Gachet" - das bis heute teuerste Gemälde aller Zeiten. Kein einziges van Gogh-Original ist in Arles geblieben - nichtmal das, das sein Arzt einst geschenkt bekommen und zum Abdichten seines Hühnerstalls verwendet hat. Schlimm ist das nicht, denn die Stadt ist auch so untrennbar mit dem Werk des niederländischen Impressionisten verbunden: Wo sonst kann man Gemälde erwandern, kann durch zeitlose Szenarien hindurchstapfen, die man aus Kunstbildbänden kennt, kann dasselbe Licht erleben, dieselben Farben sehen, die Düfte atmen wie van Gogh. Könnte man malen, dort würde man es tun. Kann man es nicht, ist Arles der richtige Ort, es dennoch zu versuchen. Eher als jeder andere.


 
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