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Jakobsweg: Von Dirnen und Pilgern

VON JENS VOSS (TEXT) UND ANDREAS KREBS (FOTOS) - zuletzt aktualisiert: 08.12.2007 - 10:43

Santiago (RP). Die Geschichte des Jakobsweges ist spannend wie ein Krimi. Der Camino erlebte im Mittelalter seinen ersten Massenansturm von Pilgern. Gauner und Prostituierte zogen nach. Schon im Mittelalter gab es auch Kritik am Pilgerwesen: als Warnung vor äußerlichen Bußübungen.

Die Frage ist: Wessen Gebeine liegen in Santiago de Compostela? Berichtet wird, dass am Beginn des 9. Jahrhunderts der Eremit Pelagius durch einen Stern am Himmel zu der Stelle geleitet wurde, an der die letzte Ruhestätte des Apostels Jakobus lag. Moderne Archäologen legen nahe: Es ist wahrscheinlich, dass in der Nähe von Santiago menschliche Überreste zu finden waren.

Der Name Compostela leitet sich nicht von „campus stellae” her (Feld des Sterns, der das Grab angezeigt haben soll), sondern von compostum oder compostela, Friedhof. Es kann also sein, dass man dort Gebeine eines Skeletts aus der Römerzeit gefunden hat. Dass dort eine Römersiedlung mit Friedhof war, ist archäologisch belegt.

Wie auch immer: In der christlichen Überlieferung hieß es, Jakobus der Ältere, Bruder des Johannes, habe in Jerusalem das Martyrium erlitten; er wurde unter König Herodes enthauptet. Der Leichnam soll dann von Jüngern nach Galizien gebracht und dort bestattet worden sein. Kein Zufall: Jakobus galt als Missionar Spaniens.

Die Nachricht vom Grab des heiligen Jakobus ­ Sant‘ Jago ­ gehörte seit Ende des 9. Jahrhunderts zum festen Bestandteil der Märtyrer- und Heiligenverzeichnisse. Das Grab war schon bald ein beliebtes Pilgerziel. Ab Mitte des 11. Jahrhunderts wird der Bau von Pilgerherbergen vorangetrieben; Pilgermassen sind ab dem 13. Jahrhundert dokumentiert.

Der Pilger-Ansturm rief nicht nur Fromme, sondern auch Unfromme auf den Plan: Räuber, Diebe, betrügerische Wirte, Prostituierte. Im mittelalterlichen Liber Sancti Jacobi, einem Pilgerführer, ist eine Predigt wiedergegeben, in der es heißt: „Ebenso treffe der Bann die Wirtsmägde, die sich aus Hurerei und Geldgier auf teuflisches Geheiß nachts den Pilgerbetten zu nähern pflegen. Die Dirnen, die zwischen der Mino-Brücke und Palas de Rey an waldreichen Orten den Pilgern entgegentreten, müssen nicht nur exkommuniziert, sondern geplündert und durch Abschneiden der Nase geächtet werden.”

Jakobsmuschel als Zeichen der Pilger

Wie genau die Jakobsmuschel zum Zeichen der Pilger wurde, ist nicht restlos geklärt. Die „concha venera” ist an den Küsten Galiziens beheimatet. Insofern lag es nahe, diese Muschel als Zeichen zu wählen.

Auch dazu gibt es eine Legende: Ein Prinz, der von seinem Pferd ins Wasser geworfen worden war, soll von Jakobus gerettet worden sein. Als der Prinz wieder auftauchte, soll er über und über mit den Muscheln bedeckt gewesen sein.

In Pilgerführern des 12. Jahrhunderts jedenfalls steht zu lesen, dass in Santiago Händler auf dem Platz vor der Kathedrale Muscheln -­ auch aus Metall, Blei oder Zinn ­- verkauften.

Schon im 13. Jahrhundert gab es auch kritische Stimmen zum Pilgerwesen, die vor Veräußerlichung warnten. Der Franziskaner-Mönch Berthold von Regensburg (berühmt als Buß- und Volksprediger) etwa schrieb: „Was findest du in Compostela? Sant‘ Iagos Leichnam? Es ist nur ein toter Körper und ein Schädel; das Beste von ihm selbst ist im Himmel droben.”

Berthold empfahl die sonntägliche Messe zu Hause: „Eben dort findest du den wahren Gott und den wahren Menschen, mit der Kraft und der Macht, die er im Himmel hat über alle Heiligen und alle Menschen.”

Luther warnte vor dem Jakobsweg

Der Protestantismus verschärfte diese Kritik. Luther riet drastisch zum Verzicht auf eine Reise nach Santiago: „Lauf nicht dahin, denn man weiß nicht, ob Sankt Jakob oder ein toter Hund da liegt.” Der Kern der Kritik aber lag nicht in Echtheitsfragen, sondern in der Verinnerlichung des Verhältnisses zu Gott. Der wahre Pilgerweg zum Herrn fand für Luther allein im Glauben statt.

Der Strom der Pilger schwächte sich in den Jahrhunderten danach ab, versiegte aber nie. Eine staatlich gelenkte Renaissance des Jakobsweges leitete der Diktator Franco ein.

Er wollte den Camino als nationales Symbol nutzen. Mit dem Ende seiner Diktatur (Franco starb 1975) und der Integration Spaniens in das demokratische Europa konnte der Jakobsweg zum europäischen Wahrzeichen werden.

1993 erklärte die Unesco den Weg zum Weltkulturerbe. Damit ist der Camino heute ein starkes religiöses und politisches Symbol: Zeichen für ein freies Europa, Zeichen für Europas christliche Wurzeln.

Schöner geht’s eigentlich nicht.

Unsere Redakteure Jens Voss (Text) und Andreas Krebs (Fotos) waren auf dem Jakobsweg unterwegs. Von ihren Erlebnissen und Eindrücken haben sie in einer Serie berichtet. Die einzelnen Teile der Serie können Sie unten nachlesen.


 
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