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Pünktlich zur Fußball-EM : Wroclaw will als Schmelztiegel punkten

VON INGA KILIAN - zuletzt aktualisiert: 02.02.2012 - 08:17

Breslau (RPO). In Breslau wird gebaut. Kräne soweit das Auge reicht; Presslufthammer und Bagger lärmen um die Wette. Die 700.000-Einwohner-Stadt putzt sich für die nahenden Großereignisse heraus. Wroclaw, deutsch Breslau, ist 2012 einer der Austragungsorte der Fußball-Europameisterschaft - und 2016 europäische Kulturhauptstadt.

Ein neues Stadion ist bereits eröffnet; ein großer Flughafen soll nicht nur Fußballfans, sondern auch Touristen in die Metropole Niederschlesiens bringen. Die Breslauer sind stolz auf ihre Stadt - die "Stadt der Begegnung", wie der polnische Papst Johannes Paul II. (1978-2005) sie bei einem Besuch 1997 nannte.

Schon ihre geografische Lage zwischen Berlin, Prag und Warschau macht Breslau zu einer Stadt, in der sich verschiedenste Einflüsse verbinden. Auch die Vergangenheit der Region, die abwechselnd unter polnischer und deutscher Herrschaft stand, trug dazu bei, dass Breslau zu einem Schmelztiegel der Kulturen wurde.

"Wir hier in Breslau sind sehr offen", meint Michal Moczulski. Er ist 30 - "ewiger Student", sagt er. Studiert hat er in Münster, Krakau und Straßburg. Zur Promotion ist er in seine Heimatstadt zurückgekehrt. Zwar sei er hier in der schlesischen Metropole geboren, schon seine Mutter habe ihre Wurzeln jedoch ganz woanders - wie viele andere Einwohner stammt sie aus dem heute ukrainischen Lviv (Lemberg). Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Polen von dort vertrieben und in Breslau angesiedelt - wie auch bis dahin in Breslau lebenden Deutschen ihre Heimat Richtung Westen verlassen mussten.

Kulturelle Vielfalt

Wer heute in Breslau lebe, schätze vor allem die kulturelle Vielfalt. "Wenn wir jemanden fragen, Woher kommst du? dann tun wir das nur, um ein Gespräch anzufangen", sagt Michal. Nicht nur im Bereich der Kultur - auch in Sachen Religion bemühen sich die Bewohner um Toleranz. Ein Beispiel dafür ist das sogenannte "Viertel des gegenseitigen Respekts". In nur 300 Metern Entfernung befinden sich hier vier verschiedene Gotteshäuser: der lutherischen Gemeinde, der katholischen und der orthodoxen. 2010 wurde darüber hinaus die jüdische "Synagoge zum Weißen Storch" wiedereröffnet. Vor allem sie ist ein Zeichen des Miteinanders.

Erst 1996 erhielt die jüdische Gemeinde in Breslau, die heute noch etwa 300 Mitglieder zählt, die Ruine der Synagoge zurück. Nationalsozialisten und Kommunisten hatten sie enteignet und dem Verfall überlassen. "Damals war die Synagoge in einem sehr schlechten Zustand", berichtet Bente Kahan. Sie ist Norwegerin, Jüdin, Künstlerin und zudem Direktorin und Gründerin der 2006 ins Leben gerufenen Bente-Kahan-Stiftung. Ihr Ziel: die Synagoge wieder zu altem Leben zu erwecken - ein Zentrum jüdischer Kultur und Bildung zu schaffen. Mit finanzieller Unterstützung der EU, der Stadt und der jüdischen Gemeinden gelang das 2,5 Millionen Euro teure Projekt.

Zwar sind Juden in Breslau nur eine kleine Minderheit - rund 97 Prozent der Polen sind katholisch. Trotzdem war der Wiederaufbau der Synagoge nie umstritten. "Viele Menschen haben sich an den Renovierungsarbeiten beteiligt", sagt Kahan. Besonders der damalige Kardinal Henryk Gulbinowicz habe sich dafür engagiert, dass die Juden ihre Synagoge zurückerhielten. "Die zerstörte Synagoge war für die Menschen ein Mahnmal - sie hat an das schlimme Schicksal der Juden erinnert", erklärt Kahan. "Die Menschen waren froh, als sich hier etwas getan hat."

Rund um die Synagoge wächst das Toleranzviertel weiter. Restaurants und Studentenkneipen haben sich angesiedelt. Um mehr Platz zum Flanieren zu schaffen, soll die Straße vor der Synagoge künftig für Autos gesperrt sein. Aus dem "Viertel des gegenseitigen Respekts" soll ein kulturelles Zentrum werden. Die Breslauer wollen nicht zuletzt das anstehende Fußballfest nutzen, um sich Europa und der Welt als Ort des Dialogs und der kulturellen Begegnung zu präsentieren.

Quelle: KNA

 
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