Traditionelle Osterfeiern auf Zypern: Zum Fest duften die Flaounes
VON KLAUS THIELE - zuletzt aktualisiert: 03.06.2003 - 10:23Auf Zypern kann der Tourist in kleinen Dörfern noch miterleben, wie die Zyprioten traditionell das Osterfest feiern.
Rauch steigt in den Tagen vor Ostern über Dörfern wie Agros, Kalavasos oder Tochni auf Zypern auf. Die Männer heizen die alten Lehm-Backöfen mit Zweigen von Oliven-, Kiefern- und Eukalyptusbäumen an. Holzscheite kommen in den Ofen und brennen 30 Minuten - bis sie verglüht sind. Der Vorgang wird wiederholt - bis der Backofen die richtige Hitze hat. Dann kommen die Frauen mit ihrem Ostergebäck. Flaounes, die Oster-Käsekuchen, die es nur auf Zypern gibt, werden in den Ofen geschoben.
Flaounes - das sind betörend duftende Hefeteigtaschen mit einer Füllung aus Ei, Halloumi-Ziegenmilchkäse und einem speziellen Flaouna-Käse, der nur zu Ostern hergestellt wird. Dazu kommen Minze, Rosinen und Sesam. Niemand darf naschen, wenn die Flaounes verlockend aus dem Ofen kommen - noch ist Fastenzeit. Für die Kinder werden extra kleine Teigtaschen gebacken. Die können sie in die Tasche stecken, wenn es am Samstag um 23 Uhr zur Ostermesse geht - und dann nach Mitternacht sofort mit dem Schlemmen beginnen. Jede Hausfrau hat ihr kleines, von der Großmutter übernommenes Rezept-Geheimnis für die Flaounes. Das allerwichtigste aber nennt Nicholas Andilios, der ein Büchlein über Zyperns österliche Speisetraditionen veröffentlicht hat: „Man muss die Menschen lieben, für die man kocht“.
Abseits der Ferienzentren
Ostern ist das wichtigste Fest der orthodoxen Kirche, für die Zyprioten das Familienfest des Jahres. Die häuslichen Vorbereitungen, wie zum Beispiel das Färben der Ostereier in einem Wurzelsud, wird man als Urlauber in den größeren Ferienzentren kaum mitbekommen. Anders ist es in den Orten, die sich dem Agrotourismus verschrieben haben. Dort wohnt der Fremde familiär in restaurierten alten Bauernhäusern und wird mit einbezogen, wenn es ans Backen geht, wie zum Beispiel in Tochni, wo Sofronis Potamitis als „Motor“ des Agrotourismus manchmal sogar den Fachmann Andilios seinen Gästen die Osterbräuche erklären lässt. In diesem Jahr kann man wieder einmal die Flaounes-Düfte genießen und dennoch vorher Ostern in Deutschland erleben. Denn die orthodoxe Kirche, die sich nach dem Julianischen Kalender richtet, feiert Ostern bis zu fünf Wochen später. 2003 fällt der Ostersonntag in Zypern auf den 27. April.
50 Tage fasten müssten die gläubigen Zyprioten eigentlich vor Ostern. Inzwischen beschränken sich die meisten nur noch in der Karwoche. Fasten heißt: Kochen völlig ohne Fleisch, Fisch, Eier und Milchprodukte. Sogar Olivenöl ist nicht erlaubt. Nur Gemüse und Hülsenfrüchte stehen auf der Speisekarte. In den Kirchen Zyperns werden am Gründonnerstag die Ikonen mit schwarzen Tüchern verhüllt. Am Karfreitag kommen Frauen und Mädchen in die Kirchen, um den Epitaph, das symbolische Grab Christi, mit den schönsten Frühlingsblumen zu schmücken. Er wird am Abend in einer feierlichen Prozession durch den Ort getragen. Höhepunkt der Oster-Feierlichkeiten ist der Abend des Ostersamstags. Vor einigen Kirchen brennt das Osterfeuer „Lambratzia“. Judas wird symbolisch verbrannt. Zur besonders feierlichen Auferstehungsmesse kommen viele Einheimische und Urlauber in das Kloster Agios Neophytos bei Pafos. Wie in allen Kirchen erlöschen dort vor Mitternacht die Lichter, bis der Priester in völliger Dunkelheit die Auferstehung Christi verkündet. Alle Gläubigen haben eine Kerze mitgebracht, die sie der Reihe nach an der Altarkerze entzünden beziehungsweise untereinander die Flamme von Kerze zu Kerze weiter reichen. Jeder trägt dann sein Osterlicht nach Hause. Die Osternachtsmesse heißt „o kalos logos“, was „das gute Wort“ bedeutet. Dieses Wort wird um Mitternacht verkündet: „christos anesti“, Christus ist auferstanden, ruft der Priester. „alithos anesti“, er ist wahrhaftig auferstanden, antwortet die Gemeinde.
Suppe, Eier, Lamm
Daheim machen die Zyprioten sich dann über die Ostersuppe Margeiritsa und die roten Ostereier - das Blut Christi symbolisierend - her. Die Kinder klicken ihre Ostereier gegeneinander. Früher, als Lebensmittel noch knapp, und deshalb wertvoll waren, durfte der Sieger dieses Spiels die beschädigten Eier seiner Konkurrenten als Beute mitnehmen. Heute kann jeder sein zerdeppertes Osterei behalten. Denn wirklich Hunger hat kurz nach der Ostermesse keiner mehr - und am Sonntag gibt es dann ja auch noch traditionell im Familienkreis das eigentliche Festessen - das Osterlamm.



