Rom!-Serie: 6. Teil: Roms magische Orte
VON JENS VOSS (TEXT) UND ANDREAS KREBS (FOTOS) - zuletzt aktualisiert: 12.12.2008 - 08:38(RP) Natürlich geht jeder Rom-Reisende zum Trevi-Brunnen, zum Petersplatz. Zu Recht. Die Magie von Roms Plätzen und Brunnen ist kein Klischee, sondern intakt – auch wenn man hier und da genauer hinsehen muss. Dann aber ergeben sich überraschende Verbindungen zum Rom der Kirche und des Glaubens.
Diese Brücke ist ein seltsamer Ort. Man geht auf die Engelsburg zu; vorbei an zehn Engeln aus Marmor, die in vollendeter Anmut den Weg säumen. Linker Hand entfaltet sich ein Panorama aus Brücken und dem Petersdom, das vor allem in der Dämmerung, wenn die Beleuchtung jeden Stein aller Schwere entkleidet, betörend schön ist. Brautpaare lassen sich dort gern fotografieren; vielleicht ja wegen der Engel.
Das Seltsame ist: Diese Engel erinnern eigentlich an eine blutige Geschichte, an die Passion Christi. Nichts davon teilt sich mit; man weiß es nur; die Brücke bleibt ein Ort der Leichtigkeit, wenn es heißt, die wahre Stunde Roms zu erleben, die „prima sera“, den frühen Abend, wenn die Arbeit getan ist und die Last des Tages von einem abfällt.
So richtig versteht man den Widerspruch erst, wenn man eine der lateinischen Aufschriften entschlüsselt und mitten in die Geschichte springt. „Potavaerunt me aceto“, sie haben mir Essig zu trinken gegeben. Der Engel dazu trägt einen Stab – das Ding an der Spitze stellt jenen Schwamm dar, den ein Soldat dem sterbenden Jesus am Kreuz reichte. Doch dieser Engel ist umflossen von antikem Faltenwurf und prachtvollen Flügeln und er hält den Stab so grazil, als wäre es ein Szepter aus Glas. Die Passion wird wie aus großer Ferne zitiert. Alles Blutige ist unsichtbar, wie aufgehoben in der Eleganz der Formen. Vielleicht ist das ja so, wenn Engel eine Geschichte erzählen. Vielleicht hat Gian Lorenzo Bernini (1598-168), der barocke Baumeister Roms und Schöpfer jener Engel, die Geschichte bewusst vom Ende her erzählt: als Trostgeschichte mit triumphalem Ausgang, Schönheit inbegriffen.
Rom ist reich an solchen Orten, wo Weltliches und Geistliches sich mischen. Die Engelsbrücke lehrt einen, achtsam zu sein, dem Flüstern der Dinge zuzuhören, wenn sie von beidem erzählen. Und zuhören ist so einfach nicht, denn all die Orte sind tausendmal in Bild und Film gesehen und tausendmal gepriesen wie billige Wurst auf dem Markt. Auf der Piazza Navona zum Beispiel gibt es ein „Caffe Dolce Vita“, das „Café Süßes Leben“. Man liest’s und wird ein wenig melancholisch – gute Restaurants heißen ja auch nicht „Zum guten Essen“. Das hat seinen Grund: Das Leben ist nur dann wirklich süß und köstlich, wenn Süße einen überfällt und überwältigt. Angekündigt ist alles nur halb so schön, wie ein Auftrag zum Abarbeiten: Na dann fühlt mal schön.
Am Trevi-Brunnen mündet dieser Effekt in Albernheit: ein dahingekreischter Münzwurf über die Schulter, ein gebrülltes Amore, ein gekrampftes Tänzchen; viel Aufgedrehtheit, als solle ja jedermann mitkriegen, dass einen jetzt gerade die Magie des Ortes überkommt. Die Polizei jedenfalls ist dort Tag und Nacht präsent, wohl um zu verhindern, dass Männer sich mit den Tritonen verbrüdern und Frauen als neue Anita Ekberg zum mythischen Bad der Venus in den Brunnen steigen.
Vielleicht muss man, um Magie zu spüren, Magie vergessen. Muss etwas erschöpft sein, ein bisschen müde, erfüllt vom Gefühl: Der Tag ist gelaufen. So wie nachts um halb eins, wenn man mehr zufällig am Trevi-Brunnen vorbeikommt. Wenn nur noch 20, 30 Übriggebliebene auf den Treppen lagern und nicht Hunderte wie am Tag. Wenn das Rauschen des Wassers fast alle Geräusche schluckt. Wenn man dennoch wispern möchte, weil dies die Stunde des Wisperns ist. Dann kann es sein, dass man beiläufig über ein Foto mit zwei Schwedinnen ins Gespräch kommt, die wahrhaftig Magnusson und Johansson heißen, auch sonst aus einem Schweden-Bilderbuch entsprungen sind und wunderbarerweise über Rom sagen: „Es ist wie ein Märchen.“ Das Gespräch driftet dahin; die Zeit driftet dahin, man selbst driftet innerlich auch dann noch, wenn man längst allein auf den Stufen sitzt und dem Brunnen zuhört. Das Leben als Entwarnung, als eine Stunde Müßiggang.
Auch die Spanische Treppe ist ein Ort, der magische Momente bereithält, vielleicht am intensivsten, denn dieser Ort vereint die drei Elemente urbaner Zauberei: Platz, Treppe, Brunnen. Die Treppe ist weitläufig, und am Fuße ist die Fontana della Barcaccia, die an eine Tiber-Überschwemmung 1598 erinnern soll. Bernini, allgegenwärtiger Schöpfer des barocken Roms, schuf den Brunnen in Form einer Barke, die das Hochwasser bis dorthin geschwemmt haben soll. Dorthin also driften alle: Italiener nach der Arbeit; Pensionäre, die als Urbild alter Freundschaft auf den Stufen sitzen; junge Leute, die sich übermütig fürs Foto kopfüber auf die Treppe legen; Touristen; Familien; Verliebte oder Abgekämpfte, die ihren Tag sortieren. Vielleicht ist das Paradies in Wahrheit eine große schöne Treppe vor einem großen schönen Brunnen.
Zu Füßen der Treppe startet die Via dei Condotti, in der Rom zeigt, was Luxus heißt. Gucci, Prada, Dior, Bulgari – wenn ein Schaufenster mehr Lichtskulptur als Schaufenster ist, wenn dort nur ein Kleid und weit und breit kein Preis zu sehen ist, dann weiß man: Hier spielt Geld keine Rolle. Es ist eine Lust zu sehen, dekadenz-kritische Reflexe bleiben glatt aus. Das mag auch daran liegen, dass nach ein paar Schritten auf der rechten Seite das Caffè Greco liegt, jenes Café, das es dort seit 1760 gibt und Namen wie Goethe, Byron, Liszt oder Mendelssohn auf der Gästeliste hat. Es sieht im Innern aus wie ein Museum, das zufällig noch Café ist. Man geht vorbei an Malerei aus dem 19. Jahrhundert, vorbei an Künstlernamen wie Luigi Galli, Alessandro Faure oder Johann Nepomuk Schödlberger – Namen, die man nicht kennt, was man sofort bedauert; vorbei an Skulpturen, Plüschsofas, kleinen Marmortischen und hinweg über Marmorboden – bis man von Kellnern im Frack empfangen wird, die mit ihrer Noblesse den Verdacht schüren, dass man es wahrscheinlich nicht verdient hat, an einem solchen Ort einen Kaffee zu nehmen. Dann tut man es doch, und es wird Schluck für Schluck ein glücklicher Kaffee.
Ein erstaunlicher Ort, an dem man prompt erstaunliche Nachbarn hat; ein Freundeskreis aus Polen, der seit dem Tod von Papst Johannes Paul II. jedes Jahr einmal nach Rom reist. Eine der Frauen am Tisch, so stellt sich heraus, ist die Enkelin eines Malers, dessen Porträt keine zwei Meter an der Wand hängt: Wlodzimierz Przerwa Tetmajer (1861-1923) aus Krakau, Vertreter des polnischen Jugendstils. Man guckt auf die Wand, guckt auf den Tisch – und notiert alles zögernd. Kaum zu glauben.
Rom ist für die Polen die Stadt, in der Karol Wojtyla begraben liegt. Seit seinem Tod, so erzählt eine Frau in gutem Deutsch, erweisen sie ihm jedes Jahr die Ehre und reisen zum 16. Oktober nach Rom – zum Tag seiner Wahl zum Papst im Jahr 1978. Nicht weil sie besonders katholisch wären, sagt sie, „er bedeutet einfach sehr viel für Polen“.
Als das Stichwort Düsseldorf fällt, kommt Bewegung in ihre Stimme, Rührung. Freunde dort hätten sie in schwerer Zeit begleitet, als ihr Mann von den Kommunisten inhaftiert war. Plötzlich also Weltgeschichte: Der Maler aus Krakau, als Polen noch frei war. Weltkrieg. Ära des Kommunismus. Der Fall der Diktatur. Der Papst, der dazu beitrug und für eine kostbare Weltsekunde beides in sich versöhnte: Dienst am Vaterland und Dienst an der Weltkirche.
Beim Hinausgehen fängt dieses Wort Muße an zu klingen. Der Takt von Zeit und Wahrnehmung verlangsamt sich; am Ende ist Muße ein Zustand der Offenheit, in dem man genauer sieht und fühlt: das süße Nichts des Luxus ebenso wie einen Schimmer der Ewigkeit. Das gilt selbst für den Petersdom. Der Platz davor erzählt vom Zauber des Müßiggangs; die Strenge der Form führt einen am Ende zum Grab Petri, zur Geschichte des Kreuzes. Das süße Leben, der ferne Himmel: In Rom ist beides eng beieinander. Darin ist Stadt wie ein Gleichnis.
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