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| 14.13 Uhr

Geschichtskunde
Auf Spurensuche mit Zeitzeugen

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges herrscht in Deutschland Frieden. Doch anderswo durchleben die Menschen gerade die schlimmsten Kriegsschrecken. Unsere Autorinnen sind der Frage nachgegangen, wie das Leben hierzulande damals war. Von Larissa Kreuels und Gina -Winzen, 8b, Realschule Jüchen

Im Rahmen des Zeitungsprojektes Texthelden haben wir viele Berichte über ISIS und Pegida gelesen. Dadurch stellte sich uns die Frage, wie die Leute frühere Kriege erlebt haben. Weil uns das Thema Zweiter Welt-krieg im Zusammenhang mit dem Holocaust sehr interessiert, fragten wir unsere Großeltern und Urgroßeltern nach Erinnerungen an diese Zeit. Wir erfuhren, dass Ginas Urgroßvater Briefe aus der Kriegs-gefangenschaft schrieb und ihm die Kriegs-auszeichnung "Eisernes Kreuz" verliehen wurde. Bei Larissas Großeltern in der Rosenstraße in Grevenbroich sahen wir uns einen freigeschnittenen Bunker an.
Um noch mehr zu erfahren, besuchten wir mit Larissas Großmutter die Ausstellung "Der Zweite Welt-krieg in Grevenbroich" in der Villa Erckens. Viele beeindruckende Bilder wurden ausgestellt. Doch nur Bilder zu betrachten, war uns zu wenig, daher verabredeten wir uns mit Maria Fassbender-Schmitz, einer Freundin von Ginas Großmutter. Bei Kaffee, Kakao und Kuchen beantwortete die Zeit-zeugin viele von unseren Fragen.
Maria Fassbender wurde 1933 in Bedburdyck geboren und wohnt auch jetzt noch dort. Sie schilderte uns ihren Alltag während des Krieges: Morgens besuchte sie die Schule, danach gab es Mittagessen. Anschließend arbeitete sie auf dem Feld, damit etwas zu essen angepflanzt und geerntet werden konnte. Auch um die Kaninchen kümmerte sie sich, weil man froh war, wenn es mal etwas Fleisch zu essen gab. Zur Kinder-kommunion wurden Essens-marken gesammelt, damit ausreichend Speisen vorhanden waren. Sonst aß man selbst gebackenes Mais-brot, und Weihnachts-makronen machte man aus Milch, Kakao und Haferflocken. Während des Krieges war die Schule nach dem siebten Schuljahr zu Ende. Als sie von der Schule abging, war Maria Fassbender 14 Jahre alt. Wegen des drohenden Bomben-alarms zog man sich abends nicht aus, hatte immer seinen Ruck-sack gepackt, und wenn die Sirenen los-gingen, rannte man mit dem Nötigsten in den Bunker. Besonders schlimm war es, als die Bauernhöfe von den Russen überfallen und die Frauen vergewaltigt wurden. Als dann die Amerikaner zur Befreiung kamen, musste Maria ihr Haus verlassen. Alle Nachbarn zogen gemeinsam in ein Haus und über-ließen den Amerikanern ihre Häuser. Nach dem Krieg ging Maria Fassbender in Jüchen bei Schwartz & Klein in die Schneiderlehre.
Noch heute erinnert sich Maria Fassbender an die Novemberpogrome. In der Nacht des 9. November 1938 zerstörten die Nationalsozialisten aus Hemmerden und Aldenhoven die Synagoge in Bedburdyck, die damals gegenüber der jetzigen Bürgerhalle stand. Während des Krieges fielen später zwei Bomben auf Bedburdyck, und zwischen Wallrath und Stessen stürzte ein Flieger ab.
In unserem Gespräch erzählte Maria Fassbender uns auch von Heinrich Schlösser. Als ehemaliges Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands wurde er von den Nationalsozialisten verfolgt und später zum Tode verurteilt. Dennoch versorgte er die Jüdin Berta Silber-blum heimlich mit Lebensmitteln. An Schlösser erinnert heute ein "Stolperstein", den der Künstler Gunter Demnig vor Schlössers ehemaligem Wohnhaus in Stessen gelegt hat.
Über ihre Freundin Berta konnte uns Maria Fassbender viel erzählen: Berta lebte in Bedburdyck und wurde nach dem Tod ihrer Mutter vom örtlichen Polizisten abgeholt. Damals habe man nichts der systematischen Ermordung der Juden gewusst und gedacht, sie kämen in ein Arbeitslager. Berta wurde nicht getötet, sie kehrte sogar nach Bedburdyck zurück. Doch in Gefangenschaft erlebte sie Schlimmes: Ihre Schwangerschaft sei im Konzentrationslager aufgefallen und man habe ihr das Baby ohne Betäubung aus dem Bauch geschnitten, berichtete Maria Fassbender. Berta Silberblums Bruder sei bei Experimenten gestorben, die Nazis mit Menschen vornahmen. Berta zog nach Tel Aviv, wo Maria sie 1995 besuchte. Die Freundschaft der beiden hielt bis zu Bertas Tod im Jahr 2001, als sie im Alter von 87 Jahren nach einem Sturz verstarb.
Wir haben während der Recherche viel Unglaubliches gelesen und von schrecklichen Dingen erfahren, die wir uns überhaupt nicht vorstellen können. Bedanken möchten wir uns bei Maria Fassbender-Schmitz für die vielen Informationen, die wir durch sie erhalten haben.