Jana Kandarr erreicht die dritte Runde: Agassi glatt in drei Sätzen weiter
zuletzt aktualisiert: 19.01.2000Melbourne (dpa). Der Bericht von den deutschen Tennisspielern aus Melbourne liest sich mehr und mehr wie ein täglich erscheinendes medizinisches Bulletin. Am dritten Tag des Grand Slam-Turniers musste Rainer Schüttler gegen Tim Henman (Großbritannien) beim Stand von 2:6, 1:4 wegen einer Bauchmuskelzerrung aufgeben, der Bad Homburger bangt nun um seinen Einsatz im vom Daviscup in Leipzig gegen die Niederlande vom 4. bis 6. Februar.
Jana Kandarr erreichte zwar mit dem 1:6, 7:5, 6:3 über die Französin Emilie Loit als einzige deutsche Dame die Runde der letzten 32, erklärte dann aber, dass ihr schmerzendes linkes Bein nach dem nächsten Match gegen die Kanadierin Sonya Jeyaseelan "wohl amputiert" werden müsse.
Der Hamburger Axel Petzsch konnte eine 6:7 (6:8), 6:7 (6:8), 4:6- Niederlage gegen Richard Fromberg (Australien) nicht vermeiden und auch nicht mit einer Blessur begründen. Angesichts des deutschen Tennis-Lazaretts hofft er nun darauf, zumindest als Ersatzmann beim Daviscup dabeizusein. Einen Tag vor dem Einsetz der beiden deutschen Spitzenspieler, des an der Hüfte verletzten Thomas Haas und Nicolas Kiefer (bisher gesund), verlor Marlene Weingärtner (Berlin) 5:7, 3:6 gegen Alina Jidkowa (Russland). Die größte Sensation des bisherigen Turniers gelang Patty Schnyder. Die Schweizerin schaltete mit Vorjahresfinalistin und Sydney-Gewinnerin Amelie Mauresmo (Frankreich) eine der am Höchsten gehandelten Titelanwärterinnen aus.
Bei Schüttlers Match war es nur eine Frage der Zeit, wann er das Handtuch werfen würde. Seine Aufschläge segelten so langsam durch die Luft, dass ihm bei seinen wenigen Netzattacken die Returns um die Ohren flogen. So war gegen den Weltklassespieler aus Oxford natürlich kein Blumentopf zu gewinnen. Daviscup-Kapitän Carl-Uwe Steeb forderte verzweifelt: "Gib auf, hör auf!"
"Ich hab es halt versucht, aber es ging nicht", sagte Schüttler. Die Blessur, die er sich beim Saisonstart in Doha zugezogen hatte, wird ständig mit Elektrotherapie und Massagen, behandelt. Schüttler hofft, bald wieder fit zu sein, über seine Bereitsschaft zum Daviscupeinsatz gibt es überhaupt keine Zweifel: "Ich finde, es ist eine Ehre, für Deutschland zu spielen."
Foto: Andre Agassi.
Vielleicht hätte sich Schüttler so vorbereiten sollen wie Kandarr. "Ich war auf Weihnachtsmärkten und habe Glühwein getrunken", gab sie ihr verblüffendes Rezept preis. Die aus Leipzig stammende 23-Jährige holt derzeit in Karlsruhe ihr Abitur nach und war hauptsächlich nach Australien gereist, weil ihr das Land so gut gefällt. In Melbourne erwarb sie sich inzwischen den Ruf der Marathon-Frau, denn sowohl die drei Spiele in der Qualifikation als auch die beiden Partien im Hauptfeld gewann sie erst nach drei Sätzen. Doch nun geht ihr langsam die Puste aus. "Bei jedem anderen Turnier wäre ich wahrscheinlich schon nicht mehr dabei, aber dies ist schließlich ein Grand Slam", erklärte sie ihren großen Einsatz. Mit dick bandagiertem Oberschenkel überstand sie das Match.
Nun trifft die 1,80 Meter lange Blondine auf die nur 1,57 Meter kurze Kanadierin, die von Indern abstammt und nach Kandarrs Worten "ein kleiner Wirbelwind" ist. Jeyaseelan schaltete mit der Französin Nathalie Tauziat immerhin die an Nummer fünf gesetzte Spielerin aus. "Das wird bestimmt ganz lustig, wir haben nämlich letzte Woche Tag und Nacht zusammen verbracht", berichtete Kandarr. Sie und Jeyaseelan hatten beim Turnier an der Gold Coast zusammen Doppel gespielt und sich auch privat gut verstanden.
Auf der Weltrangliste sind sie ebenfalls fast Nachbarn, auch die Kanadierin hatte sich erst durch die Qualifikation ins Hauptfeld gekämpft. Aber ausser dem Spass geht es auch noch um viel Geld: Umgerechnet 36 000 Mark sind beiden schon sicher. Der Siegerin winken gar 64 000 Mark. Keine schlechte Prämie für eine zukünftige Abiturientin.
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