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Zerreißprobe mit dem DOSB
"Athleten Deutschland" streben nach Autonomie

Zerreißprobe mit dem DOSB: "Athleten Deutschland" streben nach Autonomie
Max Hartung, der Vorsitzende der DOSB-Athletenkommission. FOTO: Augusto Bizzi
Köln . Die Pläne für eine eigenständige Interessenvertretung der deutschen Sportler werden immer konkreter, am kommenden Sonntag soll der Verein "Athleten Deutschland" gegründet werden. Der DOSB schaut sich das Treiben (noch) schweigend an.

Der Verein soll "Athleten Deutschland" heißen, der Entwurf der Satzung ist fertig, in einer Woche wird abgestimmt: Die deutschen Spitzensportler sind auf ihrem Weg zu mehr Einfluss und Eigenständigkeit auf die Zielgerade eingebogen. Was da am kommenden Sonntag im Olympiastützpunkt Rheinland in Köln von der Vollversammlung der deutschen Athletenvertreter beschlossen werden soll, hat das Potenzial für eine Zerreißprobe zwischen Sportlern und Deutschem Olympischem Sportbund (DOSB).

"So wie wir im Moment aufgestellt sind, sind wir überfordert und genügen unseren eigenen Ansprüchen nicht", sagt Säbelfechter Max Hartung, der Vorsitzende der DOSB-Athletenkommission. Mit seiner Stellvertreterin, der Kanutin Silke Kassner, hat der Europameister im vergangenen Jahr das Konzept eines eingetragenen Vereins vorangetrieben und nebenbei aus dem Ehrenamt heraus viel Zeit in Lobbyarbeit für die Athleten investiert - eine Mammutaufgabe, die künftig auf mehrere Schultern verteilt werden soll.

Die DOSB-Athletenkommission soll bestehen bleiben, ihr Vorsitzender soll weiterhin qua Amt ein Platz im Präsidium des Dachverbandes einnehmen. Zusätzlich aber soll es "Athleten Deutschland" geben, ausgestattet mit einer Geschäftsstelle und drei hauptamtlichen Mitarbeitern, die operative Aufgaben übernehmen. Der Verein soll den Athleten auf sportlicher und politischer Ebene mehr Gehör verschaffen, er soll Sprachrohr sein und helfen, dass Spitzensportler in Zukunft besser gefördert und abgesichert werden. Zum Vereinszweck gehören auch der Kampf gegen Doping und sexualisierte Gewalt im Sport.

"Wir wollen auf Augenhöhe mit den anderen Akteuren des Sports sprechen können. Das war bisher nicht der Fall", sagte Hartung der Sportschau, und Kassner fügte hinzu: "Es ist einfach an der Zeit, dass auch die Verbände akzeptieren, dass die Athleten ein wirklich valider Gesprächspartner auf Augenhöhe sind und nicht nur ein Feigenblatt in einer Satzung." Sätze, die klarmachen, dass der Status quo die Athletensprecher eher frustriert.

Die Spitzen der Nationalen Anti Doping Agentur (NADA) und der Sporthilfe haben den Athleten bereits ihre Unterstützung zugesagt. Der DOSB wollte sich auf SID-Anfrage nicht zu den Emanzipationstendenzen äußern. Man bitte um Verständnis, dass man erst die internen Beratungen der Athleten am kommenden Wochenende abwarten wolle, hieß es. Das Schweigen erhöht auch die Spannung innerhalb der Athletenvertreter, die sich fragen, ob der DOSB das alles wohl mitmacht.

Vor etwa einem Jahr, als das Thema erstmals öffentlich diskutiert wurde, hatte DOSB-Präsident Alfons Hörmann noch relativ gelassen, aber durchaus vielsagend reagiert. "Wir empfinden die Zusammenarbeit mit der Athletenkommission als wertvoll und gut. Auch wenn wir der Meinung sind, dass beide Seiten von einer intensiven Einbindung in den organisierten Sport profitieren, steht es den Athleten selbstverständlich frei, ihre Zukunft eigenständig zu organisieren", sagte Hörmann: "Seitens des DOSB werden wir unbenommen vom Ausgang dieser Diskussionen auch weiterhin alles dafür tun, die Interessen unserer Sportler bestmöglich zu vertreten."

Ob die DOSB-Spitze die Interessen der Athleten ebenso definiert wie die Athleten selbst, ist fraglich. Der Dachverband würde nicht nur Einfluss auf seine Sportler verlieren, sondern in strittigen Themen wie der Frage des Umgangs mit dem russischen Dopingskandal oder den Bestechungsfällen innerhalb des IOC auch ein Stückweit die eigene Deutungshoheit.

Und es geht wohl auch ums liebe Geld. Über einen stabilen sechsstelligen Betrag, den das Bundesinnenministerium den Athleten nach SID-Informationen bereits in Aussicht gestellt hat, würde der Dachverband viel lieber selbst bestimmen. Der DOSB kämpft im Zuge der Spitzensportreform derzeit um jeden Cent, das Verhältnis zum größten Geldgeber aus der Politik ist angespannt, die Sportpolitik hat bereits viel Macht an Berlin verloren. Noch mehr Einbußen in Richtung Athleten könnte des Guten zuviel sein.

(sid)
 
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