| 10.40 Uhr

CHIO in Aachen
Der ewige Ludger Beerbaum

Steffi Graf trifft Ludger Beerbaum beim Derby
Steffi Graf trifft Ludger Beerbaum beim Derby FOTO: dpa, lus vfd
Aachen. Der 52-Jährige bestreitet seine siebten Olympischen Spiele. Beim CHIO in Aachen präsentiert er sich in guter Form. Von Stefan Klüttermann

Ludger Beerbaum gönnte sich einen Moment, bis er antwortete. Dann lächelte er süffisant und sagte in Richtung des US-Journalisten, der wissen wollte, welches seiner beiden Top-Pferde Beerbaum denn nun in Rio reite: "So gerne ich Ihre Frage auch beantworten würde, es wäre sehr dumm von mir zu diesem Zeitpunkt." Die Stimmung war gelöst an diesem Abend kurz vor Mitternacht, schließlich hatten Beerbaum und die deutsche Springreiter-Equipe soeben zum ersten Mal seit acht Jahren wieder den Nationenpreis beim CHIO gewonnen und damit Selbstvertrauen für die Olympischen Spiele getankt.

Zwar muss Bundestrainer Otto Becker bis morgen Abend entscheiden, welchen seiner fünf Weltklassereiter - Beerbaum, Meredith Michaels-Beerbaum, Marcus Ehning, Christian Ahlmann, Daniel Deußer - er erstmal nur als Ersatz für Brasilien meldet, aber dass Beerbaum diese undankbare Rolle zufällt, scheint quasi undenkbar. So wird der 52-Jährige im August seine siebten Sommerspiele bestreiten. Damit schließt er zum deutschen Rekordteilnehmer, Sportschütze Ralf Schumann, auf. 1988 war Beerbaum zum ersten Mal dabei. Da war sein heutiger Teamkollege Daniel Deußer sieben Jahre alt. In Seoul gewann Beerbaum Gold mit der Mannschaft, wie später auch 1996 und 2000. 1992 holte er Einzel-Gold.

Doch seitdem folgten bei Olympia bittere Momente: 2004 wurde dem Team der Titel nachträglich aberkannt, weil Beerbaums Pferd Goldfever positiv auf eine damals verbotene Substanz getestet worden war. 2008 wurde er im Einzel Sechster und das Team nachträglich disqualifiziert. London 2012 verpasste Beerbaum, weil seine Stute Gotha kurz vorher außer Form war.

Aus dieser Enttäuschung vor vier Jahren zogen er und sein Umfeld Konsequenzen. Beerbaums Mäzenin Madeleine Winter-Schulze kaufte im Vorjahr den Wallach Casello, um für die Medaillenjagd in Rio eine Alternative zum Plan A, der Stute Chiara, zu haben. "Ich bin in der glücklichen Lage, zwei Optionen zu haben", sagte Beerbaum in Aachen, wo er mit Casello beim Nationenpreis zweimal ohne Fehler blieb.

Die Qual der Wahl stand ihm später ins Gesicht geschrieben. "Ich weiß es noch nicht. Ich muss da noch eine abschließende Entscheidung treffen", sagte der Mann aus Riesenbeck im Tecklenburger Land. Bis morgen Abend muss er sie getroffen haben, denn nur ein Pferd pro Reiter darf im olympischen Areal in Deodoro in die Stallungen. Indes: Beerbaum teilt dieses Luxusproblem mit zwei Teamkollegen: Ahlmann muss zwischen Epleaser und Taloubet wählen, Ehning zwischen Pret a Tout und Cornado.

Heute in einem Monat startet der olympische Teamwettbewerb. Eigentlich sehr nah, aber für einen wie Beerbaum, der "nicht glücklich ist, wenn sein Tag nicht komplett ausgefüllt ist", wie seine Homepage verkündet, ist das noch weit weg. "Jetzt sind wir erstmal froh, dass wir in Aachen gewonnen haben, aber Richtung Rio sollten wir daraus keine falschen Schlüsse ziehen", sagte Beerbaum. "Denn für mich sind die Amerikaner dort die Favoriten."

Ob er nach Rio seine Karriere beendet, hat Beerbaum noch nicht entschieden. Dass er nicht mehr jahrelang weitermacht, ist dennoch keine gewagte Prognose. Sorgen machen, dass es ihm im sportlichen Ruhestand an Beschäftigung mangele, muss sich jedenfalls niemand: 2015 eröffnete Beerbaum in seiner Heimat ein internationales Reitsportzentrum, er fördert das Springreiten in China, er handelt, züchtet, bildet aus und verkauft Futter. Klingt nicht nach Langeweile.

Quelle: RP
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