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Magnus Carlsen
Der Mozart des Schachs

Magnus Carlsen: Der Mozart des Schachs
Magnus Carlsen ist erst 19 Jahre alt. FOTO: ddp
Oslo/Düsseldorf (RP). Magnus Carlsen ist der Liebling der Schachfans und Turnierveranstalter: Wo der 19-jährige Norweger auftritt, stecken berühmte Großmeister reihenweise Niederlagen ein. Carlsens Fernziel: Er will Schach-Weltmeister werden. Von Wolfram Goertz

Lubomir Kavalek betreut seit Jahren die Schachspalte der "Washington Post". Er ist selbst Großmeister und gilt als brillanter Analytiker; sein Wort hat Gewicht. Also zuckte die Branche zusammen, als Kavalek im Jahr 2004 einen Jungen aus Europa als neuen "Mozart des Schachs" ausrief.

Amadeus hieß jetzt Magnus – Magnus Carlsen. Der hatte soeben überragend beim Corus-Turnier in Wijk an Zee gespielt, war einer der jüngsten Großmeister aller Zeiten – und erfüllte am Brett sämtliche Kriterien eines Wunderkinds. Magnus zeigte ein Elefantengedächtnis. Magnus dachte strategisch. Dabei kam Magnus nicht aus einer der Schach-Kaderschmieden des Ostens, sondern aus einem Kaff in Norwegen. Lommedalen, da spielt er noch heute in seiner Freizeit Fußball. Doch wann hat einer Freizeit, der mit den Größten der Welt für hohe Auftrittsgagen berufsmäßig Schach spielt?

Fast ohne Fehler

Wer sich Carlsens Spiel anguckt, sieht sogleich, dass Kavaleks Bemerkung über Mozart nicht salopp dahingesprochen war. Carlsen verfügt wie Mozart über die Kunst, in allen Phasen eines Werks (auch eine Schachpartie kann ein Kunstwerk sein) ebenso originell wie altmeisterlich zu denken. Fehler begeht er kaum, auch nicht unter härtesten Wettkampfbedingungen. Blitzpartien zeigen seine Ausgebufftheit in schier abenteuerlicher Geschwindigkeit, als werfe er – wie Mozart auf dem Billardtisch – mal eben nebenbei eine Schachsonate aufs Papier.

Mit Mozart hat er auch die Ahnung gemein, dass er mal ganz oben stehen wird. Daran arbeitet er generalstabsmäßig; derzeit lässt er sich von Ex-Weltmeister Garri Kasparow betreuen. Das schlauche ihn gewaltig, hat Carlsen unlängst in einem Interview eingeräumt. Aber er hat ja die Kraft der Jugend. Überhaupt, der Norweger verkörpert die Ideale jungen Schachspiels wie der ein paar Monate ältere Sergej Karjakin; beide sind im Computerzeitalter groß geworden.

Derzeit steht Carlsen mit 2801 Elo-Punkten ganz oben in der internationalen Rangliste, soeben hat er das London Chess Classic ungeschlagen vor Wladimir Kramnik gewonnen, das wird sich in der Januar-Weltrangliste auswirken: Carlsen wird sie anführen. Überhaupt hat Carlsen in diesem Jahr alle Spitzenspieler in den wichtigen Turnieren hinter sich gelassen oder jedenfalls nicht gegen sie verloren – weder gegen den Inder Viswanathan Anand noch den Bulgaren Veselin Topalov. Überirdisch waren seine acht von zehn möglichen Punkten beim Turnier von Nanjing.

Wie konnte das passieren? Nun, schon als Kind war Carlsen auffällig geworden, mit zwei Jahren konnte er Puzzle-Spiele legen, mit fünf Jahren kannte er Größe, Einwohnerzahl, Hauptstadt und Flagge der meisten Länder der Erde, am Schachbrett saß er im zarten Alter von acht Jahren. Nebenbei spielte er gern Fußball und sprang Ski. Und dann kam der Tag, als er mit 13 Großmeister wurde. Kasparow erinnert sich gut daran, wie der 14-jährige Magnus ihn in einer Blitzpartie an den Rand einer Katastrophe brachte; Kasparow konnte sich damals nur durch enorme Routine in ein Remis retten.

Diese Routine bringt Kasparow jetzt seinem Schützling bei, wenn sie mehrfach im Jahr miteinander trainieren. Immer dabei: Kasparows Laptop, auf dem angeblich 16 000 Partien, Variationen und Varianten gespeichert sind. Carlsens Fernziel ist unabweisbar der Weltmeistertitel. Auf dem Weg dorthin ist ihm die Sympathie seiner zahllosen Fans sicher. Sie sehen in ihm einen neuen Bobby Fischer.

Quelle: RP
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