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Buchkritik "Game on"
Irre Typen, Raab-Kritik und Angst um die Seele des Darts

Elmar Paulke zeigt die irre Welt des Dartssports
Elmar Paulke zeigt die irre Welt des Dartssports FOTO: PDC Europe, Stefan Straßenburg
Düsseldorf. Elmar Paulke ist die Stimme des Dartssports in Deutschland. Für den TV-Sender Sport1 ist Paulke mehr als 200 Tage im Jahr unterwegs und berichtet von allen wichtigen Turnieren. Nun hat er sein zweites Buch geschrieben. In "Game on – die verrückte Welt des Darts" gibt Paulke Einblicke in eine Szene, die von ihren Typen genauso abhängig ist wie von ihren Fans. Von Stephan Seeger

1. Januar 2007. In der Circis Tavern im Nordosten Londons ist es brüllend heiß. Über 40 Grad herrschen in der Spielstätte, in der seit 1994 die Darts-WM ausgetragen wird und in der nun das letzte Match ansteht, bevor die Professional Darts Corporation (PDC) im kommenden Jahr in den Alexandra Palace umziehen wird. Und genau an diesem Montag erleben die 600 Zuschauer das wohl beste Darts-Match aller Zeiten. Die Protagonisten: Phil Taylor und Raymond van Barneveld. Es ist die erste WM, bei der die beiden Kontrahenten gemeinsam spielen, und sofort kommt es im wichtigsten Darts-Match des Jahres zum Showdown. Nur zehn Monate vorher war der Niederländer van Barneveld von der BDO zur PDC gewechselt, um sich mit den besten messen zu können. Und den Besten aller Zeiten trifft er 2007 im WM-Finale.

Taylor und van Barneveld liefern sich einen echten Krimi, der erst zum dritten Mal in der Geschichte der WM im Sudden Death Leg entschieden wird, einem allerletzten, entscheidenden Durchgang. 6:6 steht es nach Sätzen, 5:5 nach Legs. Vor dem Sudden Death Leg wird durch einen Wurf auf das Bullseye in der Mitte der Scheibe entschieden, wer beginnen darf und dadurch einen Vorteil hat. Van Barneveld trifft, wenige Minuten später holt er sich seinen ersten WM-Titel, Dominator Taylor ist geschlagen.

Sport, Party, Fußballgesänge und Verkleidung

Es ist nur eines von zahlreichen Matches, die Paulke in seinem neuen Buch beschreibt. In zehn Kapiteln nimmt der Kommentator den Leser mit auf eine Reise quer durch den Dartssport. Von den Anfängen über die die ersten professionellen Jahre in den 70ern bis hin zur Gegenwart wird die Geschichte der Sportart Darts beschrieben. Dabei geht Paulke der Faszination des Dartssport auf den Grund und versucht zu erklären, wieso die Einschaltquoten vor allem in Deutschland in den vergangenen Jahren stetig gestiegen sind. Beim WM-Finale 2016 saßen in der Spitze knapp zwei Millionen Zuschauer vor den Bildschirmen. "Für den Zuschauer ist die Faszination Darts ein Mix aus verschiedenen Komponenten: Sport, Party, Fußballgesänge, Genauigkeit, Verkleidung und ein nicht unwesentlicher Teil Ausgelassenheit und Selbstironie", schreibt Paulke.

Das Vorwort stammt von Michael van Gerwen. Der Niederländer ist derzeit die Nummer eins der Weltrangliste und dominiert die Darts-Szene seit ein paar Jahren. Van Gerwen verkörpert die neue Generation der Darts-Profis: Jung, hungrig, sehr schnell am Board. In seinem kurzen Vorwort schreibt van Gerwen natürlich auch über die Entwicklung des Dartssports in Deutschland. Genau dafür hat Paulke ihn "verpflichtet", und van Gerwen weiß, dass in Deutschland großes Potenzial schlummert. Was allerdings noch fehlt: Ein "Van-Barneveld-Faktor", wie Paulke es in seinem Buch beschreibt.

Was er damit meint: Deutschland braucht einen Spieler, der ein großes Turnier, am besten die WM, gewinnt, um richtig anzukommen in der Welt des Darts. "Weil bei uns in den Niederlanden der Darts-Boom rund 15 Jahre früher eingesetzt hat, sind wir verständlicherweise den Deutschen noch ein, zwei Schritte voraus. Ich glaube, dass Darts in Deutschland noch mehr Potenzial hat und könnte mir vorstellen, dass in ein, zwei Jahren auch ein Premier-League-Spieltag nach Deutschland kommt", schreibt "MvG".

Kritik an Stefan Raab

Den Profis widmet Paulke am Ende seines Buchs ein eigenes Kapitel. Vor der WM im vergangenen Jahr machte sich der Kommentator von München aus mit einem Bulli auf zum Ally Pally und besuchte zwischendurch viele Profis, die an der WM teilnehmen. Mit Max Hopp war er sogar bei einer der letzten Sendungen von "TV Total", doch an Gastgeber Stefan Raab lässt er kein gutes Haar. "Als wir im Dezember 2015 zu Besuch bei TV Total waren, passierte der Klassiker: Stefan Raab sprach von Tattoos und dicken Bäuchen und fragte Max, warum er nicht so aussehe. Tja, auch der Maximiser achtet eben auf Ernährung und Fitness", schreibt Paulke. Weiter heißt es: "Raab zeigte, ehrlich gesagt, nicht besonders viel Interesse am Thema Darts, am 19-jährigen Profispieler Max Hopp und mir. Raab ist natürlich ein beschäftigter Mann, er wird von der Redaktion zu einem Thema gebrieft und geht mehr oder weniger vorbereitet in ein Gespräch. Dass Max kurz zuvor Juniorenweltmeister geworden war, als erster deutscher Spieler überhaupt, hätte man aber vielleicht wissen können.".

Doch es ist die einzige wirkliche Kritik, die der Kommentator in seinem Buch äußert. Paulke beschreibt zu Beginn, wie er vom Tennis- zum Dartkommentator wurde und kommt den Stars der Szene auf seiner "Road to Ally Pally" am Ende sehr nahe, wird von einigen sogar zu einer Übernachtung bei Paradiesvogel Peter Wright eingeladen.

Paulke äußert aber auch ein bisschen Angst. Angst davor, dass der Dartssport seine Seele verlieren könnte, wenn die Preisgelder zu schnell und zu hoch steigen. Denn es gibt schon jetzt viele Nachwuchsspieler, die nicht mehr wie typische Dartsspieler aussehen. "Immer mehr junge Kerle versuchen, sich über körperliche Fitness Vorteile zu verschaffen", schreibt Paulke: "Es ist also ein Spagat, den die PDC da hinbekommen muss. Auf der einen Seite sollen Darts und die Tour bezüglich Preisgeld und Anzahl an Profispielern größer werden. Auf der anderen Seite darf der Sport nicht seinen größten Trumpf verspielen: die Nische. Darts braucht seine Typen, braucht Unverwechselbarkeit, um auf dem Markt aufzufallen und langfristig zu bestehen."

Bis der Nachwuchs aber so weit ist, kann es noch ein paar Jahre dauern. Und mindestens so lange können sich die verkleideten Fans in den Hallen oder vor den Fernsehern noch an den richtigen Typen erfreuen. Und allen, die dem Sport (noch) nicht viel abgewinnen können, rät Paulke dazu, der Sache Zeit zu geben. "Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass man eine Weile braucht, um Darts zu verstehen."

Es scheint, als würden von Jahr zu Jahr mehr Menschen die Faszination des Spiels begreifen.

"Game on! Die verrückte Welt des Darts", 224 Seiten, Broschur Format 13,5 x 21,5 cm € 16,95 (D) / € 17,50 (A) ISBN 978-3-8419-0480-5 Auch als E-Book erhältlich

(seeg)
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