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Kinder bei Wettbewerb ins Ziel gezerrt
Das sagen unsere Leser zum falschen Ehrgeiz der Eltern

Falscher Ehrgeiz der Eltern nimmt den Kindern den Spaß am Sport
Viele Väter und Mütter nehmen ihren Kindern den Spaß am Sport. FOTO: Ferl
Düsseldorf. Eltern, die ihre weinenden Kinder bei einem 40-Meter-Lauf ins Ziel zerren - die Diskussion um die Auswüchse bei einer Laufveranstaltung in Österreich schlug hohe Wellen. Viele unserer Leser schrieben uns ihre Meinung.

Doris El Jouhari, Düsseldorf: Das Titelbild trifft es genau. Als Mutter und medizinische Fachangestellte in einer pädiatrischen Praxis erlebe ich diesen Wahnsinn beinahe täglich. Eltern, die besser damit klarkommen, ein Kind mit Krankheitsbildern wie ADHS, Dyskalkulie oder Legasthenie zu haben, als ein "normales" Kind mit Schwächen. In der Musikschule begegnen mir Eltern, die eigene Ministühle zum Unterricht mitschleppen oder den Lehrer wechseln, weil dieser einem Linkshänder empfahl, die Saiten zu tauschen. Der Sprössling würde dann womöglich nie im Orchester spielen können. Und Sport betreibt man nur der Leistung wegen, Spaß macht es wohl nur noch den wenigsten Kindern.

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Karl-Heinz Josten: Es geht auch ganz anders. Wenn jeder Verein sich die Mühe machen würde, mit den Eltern darüber (u.a. über falschen Ehrgeiz etc.) zu reden, dass man es nicht duldet, wenn herumgeschrien und palavert wird, würde er sehr schnell erfahren, wie schön Kinder- und Jugendfußball sein kann. Würden sich die überehrgeizigen und übermotivierten Trainer einmal den Slogan "Erlebnis-Fußball statt Ergebnis-Fußball" zu Herzen nehmen, würde es auf den Fußballplätzen ruhiger zugehen.

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Jürgen Zimmermann, Langenfeld: Das Foto auf der Titelseite besagt doch wohl alles. Sind diese Eltern noch zu retten? Eltern, die ihre Kinder derart (über) fordern, gehören auf eine Psychiater-Couch. Kein Wunder, dass Kinder zu aufmüpfigen und/oder renitenten Jugendlichen werden, wenn sie schon in diesem Alter derart unter Druck gesetzt werden. Ein derartiges Fehlverhalten bereitet doch dem Nachwuchs der Ellenbogen-Gesellschaft das Feld.

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Gudrun Müller: Bereits zu Beginn der Kindergartenzeit werden Kinder nach Leistung, Sozialverhalten und gesundheitlichem Zustand von der Kindergartenorganisation beurteilt. Passen die vom Kind erbrachten Leistungen in den jeweiligen Sparten nicht zu den Vorstellungen der Prüfer, wird eine Hilfsaktion zum Physiologen, Psychologen, Ergotherapeuten, Zahnarzt, Augenarzt, Ohrenarzt usw. eingeleitet. Welche Eltern können sich solche Aktionen erlauben, wenn ihr Sprössling etwas mehr Persönlichkeit im Leben zeigt. Also werden Kinder über die Ziellinie geschleppt, und es wird nicht darauf geachtet, was für das eigene Kind geeignet ist.

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Brigitte Heyden, Mühlheim/Ruhr: Bei vielen Laufveranstaltungen werden auch für Drei- bis Sechsjährige Bambini-Läufe angeboten. Dagegen ist auch nichts einzuwenden, wenn keine Zeitnahme stattfindet und jedes Kind im Ziel eine Medaille oder ein kleines Präsent erhält. Dann ist auch jedes Kind stolz und glücklich. Leider gibt es viele Vereine, die eine Zeitmessung vornehmen oder die ersten sechs im Ziel ehren. Aber wie soll denn ein Dreijähriger einen Sechsjährigen schlagen? Ferner beobachte ich bei vielen Laufveranstaltungen Eltern, wie sie ihre Kinder in die erste Reihe stellen, obwohl sie von vielen schnelleren Kindern überholt werden und es dann zu Rempeleien und Stürzen kommt. Der falsche Ehrgeiz bei Eltern und Trainern nimmt nicht ab, sondern zu.

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Karsten Westerhoff: Seit fünf Jahren trainiere ich Kinder-Fußballmannschaften. Es macht riesigen Spaß, die Eltern unserer Mannschaft sind wirklich entspannt. Den in ihrem Artikel angesprochenen Fairplay-Gedanken kann ich nur teilen. Ich verstehe nur nicht, weshalb ein Schiedsrichter diesen aufheben soll. Gerade bei den ganz Kleinen, wäre ein Unparteiischer für alle Parteien vorteilhaft. Den Kindern können Regelverstöße erklärt werden. Sie sind schon mit ihrem Spiel beschäftigt und sollen sich dann mit Ecken- oder Freistoß-Entscheidungen auseinandersetzen? Durch klare Schiedsrichterentscheidungen werden die Emotionen der Eltern nicht so hoch gekocht.

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Gabriele Kluthe: Vor drei Jahren nahm ich an einer Laufveranstaltung mit einer Schülergruppe teil. Für mich stellte sich überhaupt nicht die Frage, ob die Eltern ihre Kinder auf der Laufstrecke begleiten. Die Kinder sollen ihren Erfolg beim Überlaufen der Ziellinie persönlich erleben. Allerdings erlebten wir am Start ein anderes Bild. Von Eltern wurden wir bedrängt und zur Seite geschubst. Wir kamen gar nicht an die Startlinie. Auf meine Aussage: "Hier sind sie falsch, das ist ein Kinderlauf, die Erwachsenen starten später", wurde ich beschimpft. "Die Kinder würden sich verlaufen und müssen begleitet werden." Wo sollen die Kinder denn hin? Die Strecke ist abgesperrt. Als der Startschuss fiel, stürzten schon die ersten Kinder, da ihre Eltern schneller reagierten. Sie wurden an der Hand haltend wieder hoch gezogen, teilweise beschimpft und über die Strecke gezogen. Ich habe viele weinende Kinder gesehen. Dabei sein, Erfahrungen sammeln und wenn ich schneller sein will, dafür trainieren. Diese Erfahrungen sind wichtig und nicht, weil Eltern wollen, dass man gewinnt.

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Marlies und Werner Kiehle, Wesel:

Das Titelbild hat uns als Eltern von drei Kindern und sechs Enkelkindern sehr erschüttert. Wir sind sprachlos über die Grausamkeit dieser Eltern, die ihre kleinen Kinder dermaßen antreiben, dass den Kindern der Spaß am Sport vergeht. Sind es Eltern, die selbst nichts leisten? Sind es Eltern, die ihre Kinder als Gegenstände sehen, die man ziehen, zerren und reißen kann? Sind es Eltern, die den Verstand verloren haben? Mein Mann ist selbst sportlich im Verein tätig und erlebt solche Fälle häufig. Uns tun nur die Kinder leid.

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Peter Rebehn, Schermbeck: Als Lauf-Experte möchte ich den Zieleinlauf nur fachlich betrachten. In der Leichtathletik sind Hilfeleistungen nicht zulässig. Bei Olympischen Spielen sind schon Marathonsieger wegen Hilfe beim Sturz kurz vor dem Ziel disqualifiziert worden. Bei Bahnläufen in einem Stadion sind sogar Anfeuerungen aus dem Innenraum der Laufrunde nicht zulässig. Ja, so streng sind die Bestimmungen, aber nur bei "echter" Leichtathletik. Im übrigen, wenn Kinder 42 Meter nicht alleine laufen können, dann sollte sie an so einem "Wettbewerb" nicht teilnehmen.

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Klaus Kuhlmann: Als Ausrichter von Ausgleichswettkämpfen in der Winterpause der Kanu-Vereine habe ich zahlreiche Langstreckenläufe organisiert. In den letzten Jahren wurde ich von den Vereinen dazu gedrängt Bambiniläufe (Kinder ab vier Jahren) anzubieten. Meine Erfahrungen entsprechen dem Bild auf ihrer Titelseite. Nicht nur ehrgeizige Eltern sondern auch Kindergärten haben Meldungen abgegeben. Der Artikel motiviert mich dazu, nur noch Kinder ab acht Jahren zu Wettkämpfen zuzulassen.

Quelle: RP
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