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Darts-WM
Anderson peilt Hattrick an – nur van Gerwen trübt das Glück

Darts kein Sport? Das sagen unsere Leser
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Düsseldorf/London. Nach zwei schweren Schicksalsschlägen hatte Gary Anderson die Lust am Darts-Sport verloren. Nun ist der Schotte Doppel-Weltmeister. Kraft gibt ihm sein kleiner Sohn Tai. In dem sehen einige Wettverrückte schon den künftigen Darts-Champion. Von Antje Rehse

In Anderson setzte sich in einem spannenden, wenn auch nicht immer hochklassigen Finale am Sonntagabend der beste Spieler der Darts-WM durch. Vor allem im Viertelfinale und im Halbfinale lieferte der 45-Jährige beeindruckende Leistungen ab, zeigte in der Vorschlussrunde den ersten und einzigen Neun-Darter des Turniers. Das heißt, Anderson brauchte nur die minimale Anzahl von neun Würfen auf das Board, um von 501 auf null zu checken. Im Endspiel gegen den Engländer Adrian Lewis zeigte sich Anderson dann beim 7:5-Sieg in den entscheidenden Momenten nervenstärker als sein 15 Jahre jüngerer Konkurrent.

Rückblick: Im Januar 2011 erreicht Anderson erstmals das Finale der Darts-WM, im folgenden Frühjahr gewinnt er die auf der Insel sehr populäre Premier League. Doch dann folgt der große Karriereknick. Anderson scheidet bei den größeren Turnieren meist früh aus, rutscht in der Weltrangliste ab und wirkt auf dem Oche, der Bühne der Dartsspieler, zunehmend verunsichert und abwesend. Die Gründe dafür liegen im Privaten. Innerhalb weniger Monate verstirbt zunächst Andersons jüngster Bruder Stuart, der süchtig nach Heroin war und mit nur 35 Jahren einem Herzinfarkt erliegt, und dann sein Vater an Krebs. "Ich wollte damals einfach nicht auf der Bühne stehen", erinnert sich Anderson.

Nach zwei schwachen Jahren 2012 und 2013 kämpft sich der ehemalige Kaminbauer und spätere Kneipenbesitzer zurück. Sein gutes Jahr 2014 krönt er bei der WM mit seinem ersten Titel, den er am Sonntagbend erst als dritter Spieler in der Geschichte erfolgreich verteidigt.

Seine Rückkehr in die absolute Weltelite hängt eng zusammen mit dem wiedergewonnenen Glück im Privatleben. Im April 2014 brachte Andersons langjährige Lebensgefährtin Rachel Söhnchen Tai zur Welt. Es ist das erste Kind des Paares, das zusammen in Süd-England lebt. Anderson hat noch zwei ältere Söhne aus einer früheren Beziehung. "Als der Kleine auf die Welt kam, habe ich mich wieder aufgerafft", sagte Anderson im Interview mit "The Guardian". "Ich habe jetzt ihn und meine zwei anderen Jungs zu versorgen. Hoffentlich kann ich ihnen etwas Besonderes bieten." Finanzielle Sorgen dürfte die Familie Anderson vorerst nicht haben. Der erneute WM-Titel brachte "Ando" das Rekordpreisgeld von 300.000 Pfund (rund 400.000 Euro) ein.

Der kleine Tai ist mit seinen nicht mal zwei Jahren auf dem besten Weg, seinem Daddy Konkurrenz zu machen. "Darts, Darts, Darts – von morgens bis abends. Er kann an nichts anderes denken", sagt Anderson über die Begeisterung seines jüngsten Sohnes für den Sport, der mittlerweile auch in Deutschland ein Millionen-Publikum vor die Bildschirme lockt. Eigentlich hätte er Tai ja lieber auf dem Golfplatz gesehen, aber seitdem der Kleine von Onkel und Tante ein Dartsboard geschenkt bekommen hat, ist die Entwicklung nicht mehr aufzuhalten. "Ich musste ihm nicht einmal zeigen, wie es funktioniert. Er hat mich so oft spielen sehen, dass er sofort wusste, wie er sich hinstellen muss und dass er drei Mal auf die Scheibe werfen muss", sagt Anderson. "Seit er 13 Monate alt ist, spielt er Darts."

Diese Leidenschaft ist auch den Fans des Doppel-Weltmeisters nicht entgangen. Im wettverrückten Vereinten Königreich kann man sogar schon Geld darauf setzen, dass Tai vor Vollendung seines 30. Lebensjahres Darts-Weltmeister wird. "Und das haben sogar schon Leute gemacht. Und die gehören nicht mal zur Familie", berichtet Tais Mutter lachend.

Porträt: Gary Anderson – Schotte, Kaffeetrinker, Darts-Weltmeister FOTO: dpa, sd ss

Bei der WM in London war Tai nur einmal live mit dabei. Beim Viertelfinale gegen James Wade (5:1). "Die Abendspiele sind zu spät für ihn, da schläft er schon", sagte Anderson im Interview mit "Sport1". Dort verriet er auch, was ihn an der Darts-Leidenschaft seines Sohnes besonders stört. "Er ist ein Fan von Michael van Gerwen, das geht mir enorm gegen den Strich", sagte Anderson, um grinsend einen Grund für den Hochverrat zu liefern: "Naja, vermutlich liegt es an den hellgrünen Shirts, die Michael trägt."

Der Niederländer führt die Weltrangliste trotz seines Achtelfinal-Aus bei der WM noch immer souverän an. Doch "MvG" blieb bislang verwehrt, was Anderson durch seinen erneuten Triumph im "Ally Pally" nach Phil Taylor und Finalgegner Lewis nun erst als drittem Spieler in der Geschichte der WM gelang: die Titelverteidigung. "Das fühlt sich fantastisch an", sagte Anderson, der im nächsten Jahr den Hattrick anpeilt. "Das wäre wirklich etwas Besonderes. Aber ich werde nicht jünger. Ich werde einfach weiter schuften und sehen, was passiert." Mit Tai steht ein möglicher Nachfolger ja schon in den Startlöchern.

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