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Reit-EM in Aachen
Geschick, Vertrauen, Teamwork

Reit-EM in Aachen: Geschick, Vertrauen, Teamwork
Unterwegs im Gelände: Christoph Sandmann mit Tochter Anna und seinem Gespann. FOTO: Schroller
Lähden. Der Marathon ist die Königsdisziplin der Gespannfahrer. Christoph Sandmann bereitet sich in Lähden auf die EM in Aachen vor. Von Dominique Schroller

Dumpf trommeln die Hufe über den weichen Rasen. Die Pferde steuern auf den Teich zu. Das Wasser spritzt in Fontänen zur Seite, es schäumt und sprudelt. Der Wagen pflügt hinter ihnen durch die aufgewühlten Fluten. Die Tiere haben bereits das andere Ufer erreicht, ziehen kraftvoll bergan, eng um die Kurve, wieder bergab und erneut hinein ins Wasser.

Geschickt lenkt Christoph Sandmann sein Gespann, ohne das Temperament seiner vier Pferde zu sehr zu zügeln. Die Leinen fest in beiden Händen, sitzt er ganz gelassen auf dem Bock und steuert sein Team durch den Trainingskurs im niedersächsischen Lähden. Er scheint in sich zu ruhen. Selbst wenn es beim Turnier um entscheidende Millimeter geht, hält er seine Nerven im Zaum. "Vor dem Start gehört die Anspannung dazu, mehr aber auch nicht", sagt der erfolgreichste deutsche Vierspänner-Fahrer. Mit dieser Gelassenheit bereitet sich der dreimalige Weltmeister auf die Europameisterschaften in Aachen vor. In einer Woche steht die Geländeprüfung in der Aachener Soers auf dem Programm.

Sandmann lässt sein Gespann in großen Bögen bunte Tonnen im Teich umrunden. Rhythmisch platschen die Tiere durchs Wasser. Sie sind ganz auf ihre Aufgabe konzentriert. Die bunten Farben und der Springbrunnen über ihren Köpfen irritiert sie nicht. Mit Leichtigkeit ziehen die Pferde den Wagen aus dem Wasser, er wippt über das leicht unebene Gelände, während das Gespann gleichmäßig auf das nächste Hindernis zusteuert.

Acht dieser Geschicklichkeitsaufgaben müssen die Fahrer auch in Aachen auf dem Weg zur Medaille meistern. "Sie stehen verteilt auf etwa neun Kilometer, vorher haben wir eine Einlaufphase von sieben Kilometern", sagt Sandmann. Der Marathon ist seine Stärke. "Da geht es um Kraft, Dynamik und Schnelligkeit, da möchte ich möglichst viele Punkte herausfahren", betont der 48-Jährige. Vor dem Start wird er die Hindernisse ablaufen, sich jede Wendung präzise einprägen, die optimale Verbindung suchen und finden. "Die kürzeste Strecke ist nicht immer die schnellste. Jedes Gespann hat eine Schokoladenseite, und ich bin derzeit linksrum flotter."

Begleitet vom Rasseln der Metallteile an Kutsche und Geschirr fliegen die Latten und Pfähle im hölzernen Labyrinth seitlich vorbei. "Amigo!", ermahnt Christoph Sandmann sein rechtes Vorderpferd mit kräftiger Stimme, als der braune Wallach übermütig voran prescht. "Amigo!" Er verkürzt mit geübtem Handgriff die Leinen und lässt die Vorderpferde im 90-Grad-Winkel abbiegen. Die hinteren Pferde ("Stangenpferde") laufen noch einige Tritte weiter geradeaus und gehen dann erst in die Kurve, damit das Hinterrad nicht an einem der dicken Holzpfähle hängen bleibt. Während der Wagen gerade um die Ecke biegt, haben die Vorderpferde sich bereits in die nächste Kurve gelegt. Sandmann lehnt sich mit dem Oberkörper weit nach vorne, dreht sich, als der Wagen erneut wendet und tippt gleichzeitig mit der Peitsche auf die Kruppe seines linken Stangenpferdes. "Komm, Elmex!", fordert er den Braunen zusätzlich auf, der daraufhin noch näher an die Deichsel und seinen Partner heranrückt und mit kraftvollem Schub aus seiner muskulösen Hinterhand den Wagen um die Kurve zieht. Tief haben sich die Reifen in den weichen Boden gegraben. Sie ziehen eine schmale Spur hinter sich her, die Sekundenbruchteile später bereits in eine enge Linkswendung führt.

Athletisch wenden die Pferde das 600 Kilo schwere Marathongefährt diesmal fast um 360 Grad. Sie scheinen es geradezu um den Pfosten wickeln zu wollen. Geschickt und gehorsam müssen sie sein und gemeinsam mit dem Fahrer eine Einheit bilden. "Die Vorderpferde müssen vollstes Vertrauen zu mir haben, denn ich habe als Einwirkung nur die Leinen und meine Stimme", erklärt Sandmann. Sein Gespann ist acht Meter lang, der Frontantrieb scheinbar unerreichbar weit entfernt. "Ein gutes Fahrpferd zu finden, ist wie ein Sechser im Lotto. Sie brauchen sehr gute Bewegungen für die Dressur, müssen sich ganz genau steuern lassen und im Gelände unerschrocken und schnell sein."

Der Marathon ist die Königsdisziplin eines Triathlons auf vier Hufen und Rädern. Mit bis zu 30 km/h jagen die Gespanne im Galopp durch die 2,50 bis drei Meter breiten Tore der Hindernisse, durch Gräben und über Wälle. "Ähnlich wie die Vielseitigkeitsreiter absolvieren wir eine Dressurprüfung, einen Hindernisparcours und die Geländestrecke", erklärt Sandmann. Diese Herausforderung reizt ihn auch nach mehr als 30 Jahren auf internationalem Niveau. "Zu den Besten der Welt zu gehören, ist mein Ansporn."

Doch mit Blick auf die EM in Aachen bleibt der breitschultrige Unternehmer ganz gelassen. "Da ich mich gut einschätzen kann, würde ich nie sagen, ich werde Europameister. Für Bronze müsste es optimal laufen, der fünfte Platz wäre in Ordnung. Mit der Mannschaft fahren wir um eine Medaille", sagt er vor dem Höhepunkt der Saison. Die stärksten Konkurrenten sind die Holländer. "Das sind Profis", erklärt Sandmann, "sie haben mehr Zeit und besseres Material. Da können wir nicht mithalten."

Quelle: RP
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