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Finale um deutsche Meisterschaft
Rugby-Hauptstadt Heidelberg

Heidelberg ist Deutschlands Rugby-Hauptstadt
Ohne Rücksicht auf Verluste: Das Endspiel um die deutsche Meisterschaft zwischen dem Heidelberger RK und TV Pforzheim im Mai 2015. FOTO: Imago
Heidelberg. In der Universitätsstadt im Südwesten Deutschlands spielen die meisten Rugby-Bundesligavereine. Hier steht das Förderzentrum der Nationalmannschaften. Ein Besuch in einer Stadt, in der der Fußball nicht die erste Geige spielt. Von Stefan Klüttermann

Die Trittstufen aus Beton hinter dem Zaun verwittern unaufhaltsam. Das Gestrüpp, das den Sportplatz an der Längsseite von der Straße dahinter trennt, überwuchert sie an vielen Stellen. Der Rasen selbst ist einer Wiese ähnlicher als einem Teppich. Es gibt Wurst im Brötchen und Bier in der Flasche. Das Bier ist lauwarm, weil es erst seit kurzem im Kühlschrank steht. Der Toilettenschuppen ist offen, allein das Licht tut es nicht. In einer Szenerie wie dieser spielen sich in Deutschland jedes Wochenende unzählige Fußballspiele in unteren Ligen ab. Aber hier findet weder ein Fußballspiel statt, noch handelt es sich um eine untere Liga.

Hier, zwischen Zoo und Uniklinik, tritt der SC Neuenheim heute gegen den SC 1880 Frankfurt in der Rugby-Bundesliga an. Hier, das ist Heidelberg. Und Heidelberg, das ist Deutschlands Rugby-Hauptstadt. "Wir sagen gerne Hochburg. Viele Jahre war es Hannover, jetzt kann man sagen, Heidelberg ist die Rugby-Hochburg. Das hat mit der Anzahl an Vereinen zu tun und nicht damit, wo der deutsche Meister zu Hause ist oder war", sagt Tobias Engels. Er ist Abteilungsleiter Rugby beim Heidelberger Ruderklub (RK). Der RK ist der erfolgreichste der vier Heidelberger Vereine, die in der Süd-West-Gruppe der 1. Bundesliga spielen. Zwischen 2010 und 2015 war er sechs Mal in Folge Deutscher Meister. Die Süd-West-Gruppe besteht aus acht Vereinen. Es gibt auch eine Nord-Ost-Gruppe, auch mit acht Vereinen. Jeder vierte Erstligist stammt also aus Heidelberg. Neben dem Heidelberger RK sind das die RG Heidelberg, der TSV Handschuhsheim und eben der SC Neuenheim.

Wer an diesem Samstagnachmittag das Heimspiel der Neuenheimer sehen will, zahlt als Erwachsener sieben Euro. Ein Kegelclub vom Niederrhein, der sich zum Spiel verirrt hat, verdoppelt die Zuschauerzahl mit einem Schlag auf gut drei Dutzend. Im Eintritt inbegriffen sind das Männerspiel, das die Gastgeber 22:29 verlieren, und im Anschluss der Auftritt der Neuenheimer Frauen. Die spielen ebenfalls in der Bundesliga und werden dem ASC Köln später im Nieselregen beim 46:0 eine Lehrstunde erteilen. Sechs Teams spielen in der Rugby-Bundesliga der Frauen. Zwei kommen aus Heidelberg. Neuenheim und der RK.

"Rugby hat in Heidelberg eine enorm lange Tradition. Die Vereine sind hervorragende Botschafter für die Sportstadt Heidelberg", sagt Oberbürgermeister Eckart Würzner. Um 1860 führte ein englisches College in der Stadt den Sport ein. Seitdem besteht der lokale Boom. Die Universitätsstadt am Neckar fördert den Standort Rugby. Heidelberg - 156.000 Einwohner - zählt zu den Großstädten hierzulande, in denen der Fußball nicht die erste Geige spielt. Es gibt die TSG Hoffenheim in der Nachbarschaft, aber der beste Fußballklub im Stadtgebiet selbst spielt in der Verbandsliga. Dann gibt es noch den neunmaligen Basketball-Meister USC - heute ein Zweitligist. Und gute Ruderer. Aber nationale Spitze ist die Stadt eben nur im Rugby. Das zieht zwar keine Touristenmassen an, aber es bildet seit jeher eine Facette im Image der Stadt.

Der Deutsche Rugby-Verband (DRV) fühlt sich wohl am Neckar. Kein Wunder, findet er doch hier inzwischen für seine Nationalmannschaften Bedingungen vor, wie er sie lange ersehnt hatte. "Es stimmt, da könnte es uns viel schlechter gehen", sagte DRV-Präsident Klaus Bank. Heidelberg ist Trainingszentrum für die 15er-Nationalmannschaft und Olympiastützpunkt für die 7er-Auswahl. Die 2007 gegründete "Wild Rugby Academy" im Stadtteil Kirchheim - seit 2014 Partner des DRV - verfügt heute über ein beheizbares Kunstrasenspielfeld, das teilweise überdacht ist, und baut den Standort für zehn Millionen Euro zum Spitzensportzentrum für Rugby aus. Möglich macht das Getränke-Milliardär und Mäzen Hans-Peter Wild ("Capri-Sonne"). Herzstück der Anlage ist der Fritz-Grunebaum-Sportpark, mit 5000 Plätzen Deutschlands größtes Rugby-Stadion. Hier trägt der DRV seine Länderspiele aus, hier spielt die RG Heidelberg in der Bundesliga.

In Heidelberg soll sich in den kommenden Jahren die Nationalelf dann auch so entwickeln, dass sie im internationalen Vergleich weiter vorstößt. Das 7er-Team der Männer verpasste Olympia in Rio knapp, die 15er-Auswahl steht auf der Weltrangliste aktuell noch auf Platz 25. Die vielgelobte Olympia-Rückkehr des Rugby hat sich in dosierter Form auch in der Stadt bemerkbar gemacht. "Erfreulich sind im Moment Anfragen von 20- bis 25-Jährigen, mal ein Training mitzumachen", sagt Engels.

An diesem Abend ist in Neuenheim auch das Frauenspiel im Nieselregen zu Ende gegangen. Frauen- und Männerteam des SC treffen sich später noch in einem nahen Irish Pub. In der Rugby-Hochburg kennt man eben auch eine dritte Halbzeit.

Quelle: RP
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