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Jörg Roßkopf im Interview
"China macht Tischtennis langweilig“

Jörg Roßkopf: "China macht Tischtennis langweilig“
Jörg Roßkopf ist seit 2010 Tischtennis-Bundestrainer. FOTO: dpa, jew hak
Saarbrücken. Bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro im vergangenen Sommer gewann das deutsche Herren-Tischtennis-Team Bronze. Solche Erfolge könnten in Zukunft ausbleiben, da der Nachwuchs fehlt. Bundestrainer Jörg Roßkopf erklärt die Gründe und welche Rolle die Einzel-WM in Düsseldorf 2017 spielen soll. Von Patrick Scherer

Herr Roßkopf, wie bewerten Sie den aktuellen Stand im deutschen Tischtennis?

Roßkopf Wir sind weiter im Kampf mit Japan um die Nummer zwei der Welt. Die Japaner werden noch mehr investieren im Zuge der Olympischen Spiele 2020 in Tokio. Deshalb fällt es uns schwer, dagegenzuhalten. Für das, was wir aufbringen können, ist es schon erstaunlich, dass wir über die vergangenen Jahre bei Olympia großartige Erfolge gehabt haben. Nur: Die Mannschaft ist ein bisschen älter geworden. Wir müssen sehen, dass junge Spieler nachrücken. Für uns wird es 2020 sehr schwer, und 2024 unglaublich schwer, eine Medaille zu holen.

Probleme mit dem Nachwuchs beklagen alle Sportarten außer dem Fußball. Ist es nicht zu einfach als Ausrede, nur mit dem Finger auf den Volkssport Nummer eins zu zeigen?

Roßkopf Wir sind froh, dass wir den Fußball als Sportart Nummer eins in Deutschland haben. Aber natürlich nimmt er Talente weg. Für alle anderen Sportarten ist es schwierig, an die Talente heranzukommen.

Okay, aber wo liegen weitere Ursachen?

Roßkopf Unsere Regierung hat schon den Auftrag, den Sport generell mehr zu pushen. Der Schulsport und die koordinative Ausbildung sind nicht mehr so, wie sie vor 20 Jahren gewesen sind. Wir haben ein Problem mit Ganztagsschulen und damit, dass Kinder generell weniger Sport treiben. Kinder bewegen sich zu wenig. Und wenn sich ein Kind mal bewegt, kommen alle Sportarten und wollen das Kind haben.

Was kann der Deutsche Tischtennis-Bund tun?

Roßkopf Unsere Aufgabe ist es, Talente zu sichten. Wir fangen bei den Zehn-, Elf-, Zwölfjährigen an. Wir haben sehr viele erfahrene Trainer, die schon sehr viel geleistet haben. Für uns stellt sich aber vor allem das Problem, die Talente, die wir haben, auf ein hohes Niveau zu bringen. Das ist in Asien komplett anders.

Was muss sich ändern?

Roßkopf Wir sind in Deutschland sehr weit davon entfernt, dass sich Kinder dem Hochleistungssport verschreiben: Zweimal am Tag trainieren und alles dem Erfolg im Sport unterordnen.

Sie haben Asien angesprochen. Es gibt wohl keine Nation, die eine Sportart so dominiert wie die Chinesen das Tischtennis. Klingt nach Langeweile für den Zuschauer.

Roßkopf Das ist das Kernproblem unserer Sportart. Die Chinesen gewinnen zu viel. Du spielst und weißt, am Ende gewinnt ein Chinese. Es gibt nichts Langweiligeres für eine Sportart als solch eine dominante Nation. 1989 war Tischtennis so populär, weil die Schweden und wir WM-Titel gewonnen haben. Die Chinesen haben sechs Jahre lang keinen Titel gewonnen. Das war ein richtiges Miteinander um die Titel. Aber ich kann es den Chinesen heute nicht verübeln. Sie trainieren hart und haben die Titel verdient. Wir in Europa machen einfach zu wenig. Wir in Europa müssen uns zusammenschließen und uns fragen: Wie können wir Asien wieder angreifen? Jeder macht sein Ding, das kann nicht gut gehen.

Das ist also ein Strukturproblem?

Roßkopf Wir haben in Deutschland gute Stützpunkte und gute Trainer. Aber jeder Stützpunkt macht erstmal seine Geschichte unter seinen Rahmenbedingungen, die wiederum in jedem Landesverband unterschiedlich sind. Wir helfen uns schon viel gegenseitig, aber in China läuft das alles viel mehr darauf hinaus, Spitzenspieler zu formen. Sie haben unheimlich viele gute Trainer, die in einem von oben gesteuerten System alle der Spitze zuarbeiten. Wir müssen zusehen, dass wir unsere Top-Talente zu den Top-Trainern und zu den Top-Bedingungen bringen. Und: Die Top-Spieler müssen zusammen spielen. Ich bin so gut geworden, weil ich mit den besten Schülern und Jugendlichen trainiert habe. Und ich hatte, seit ich 16 Jahre alt war, in Düsseldorf die besten Trainer. Wir müssen schon vor der eigenen Tür kehren. Wir haben weniger Mitglieder, weniger Zuschauer bei Bundesligaspielen. Wir müssen mehr pushen. Der Verband arbeitet in die richtige Richtung. Die Ungarn und die Schweden haben eine Generation verloren. Das darf uns nicht passieren. Von 1989 bis 2020 feiern unsere Generationen tolle Erfolge. Unser Ziel muss sein, dass es weitergeht.

Ist der Mitgliederschwund auch auf das Popularitätsproblem des Tischtennis zurückzuführen?

Roßkopf Das hatten wir schon immer. Wir haben uns immer schon schwer damit getan, uns auf unserem Kontinent zu vermarkten. Wir haben viel nach China geschoben. Wichtig ist aber, die Popularität in Deutschland zu entfachen. Aber wo bekommen Leute in den Medien noch Helden aus anderen Sportarten zu sehen? Es wird im TV doch lieber die vierte Liga im Fußball gezeigt. Alle anderen Sportarten bekommen mal fünf Minuten. Das ist ein großes Problem.

Ist das vor allem Kritik an den Öffentlich-Rechtlichen?

Roßkopf Meiner Meinung nach werden sie ihrem Auftrag nicht völlig gerecht. Wir hatten 2012 eine WM in Deutschland, und die Spiele wurden kaum übertragen. Man hat die WM einer tollen Sportart im eigenen Land vor 10.000 Zuschauern in der Westfalenhalle hat, und die Nation hat das Ziel, Weltmeister zu werden. Und am Ende gibt es zwar einige Hintergrundberichte und Nachrichten, aber live wird nur das Finale im WDR übertragen. Wo sollen die jungen Leute denn herkommen, wenn die Faszination und die Helden unserer Sportart nicht ausreichend gezeigt werden? Früher wurden Bundesliga-, Europapokal- oder EM-Qualifikationsspiele stundenlang gezeigt. Da passiert ja überhaupt nichts mehr.

Welche Rolle spielt dabei die Einzel-WM in Düsseldorf 2017?

Roßkopf Bei einer Einzel-WM ist es ein bisschen schwieriger, weil es unheimlich viele gute Einzelspieler gibt. Es kann sein, dass alle Deutschen im Achtelfinale, vielleicht auch früher ausscheiden. Es wird aber wichtig, dass die Spieler sich gut präsentieren und das Fernsehen uns überträgt. In und um Düsseldorf wird alles glatt laufen: der Standort, die Hallen, die Zuschauer. Das ist alles perfekt. Wichtig ist aber, dass es im TV nach außen getragen wird. Für Timo ist es ein Heimspiel und Dima [Ovtcharov, Anm. d. Red.] will die Chinesen jagen. Da gibt es viel Potenzial für spannende Spiele und Geschichten.

Timo Boll schätzt auch die Arbeit der Chinesen. Was er nicht schätzt, ist. dass die chinesischen Spieler die Beläge ihrer Schläger mit Chemikalien tunen. Boll fordert klarere Richtlinien. Was sagen Sie zu dieser Diskussion?

Roßkopf Auch dass sie den besten Belag gefunden haben, haben sich die Chinesen verdient. Das Hauptproblem ist nicht, dass ein Boll oder ein Ovtcharov im Alter von 26, 27 Jahren auf einem Niveau mit den Chinesen sind. Das Problem ist, dass die Chinesen mit fünf Jahren schon fünf- bis zehnmal die Woche trainieren. Sie trainieren fünf Jahre lang Schläge, bevor ein deutscher Junge überhaupt mal den Schläger in die Hand nimmt. Da hat der Chinese bereits einige Millionen Mal den Vorhandschlag geübt. Die Belagdiskussion gilt nur für die Bolls und Ovtcharovs. Auf dem Top-Niveau macht das dann eventuell den Unterschied aus. Die entscheidende Lücke liegt aber im Alter von fünf bis 15 Jahren. Wenn ein Spieler mit 18 Jahren zu mir in den Kader kommt, hat der noch technische Probleme. Das gibt es in China nicht. Ein Chinese kann mit 18 Jahren Weltmeister werden. Das kann keiner von unseren Jungs.

Dennoch scheint der Ärger von Boll dann doch berechtigt, wenn es am Ende zum großen Teil am Belag liegen sollte, warum er den Chinesen unterliegt, oder?

Roßkopf Ja. Der Unterschied durch die Beläge wurde mit der Umstellung von Zelluloid- auf Plastikball so extrem groß. Timo wiederum muss sich aufgrund einiger Verletzungen erst wieder an sein Top-Niveau heran kämpfen und merkt zusätzlich durch sein extremes Feingefühl, dass es eindeutige Materialunterschiede gibt. Ich habe ihn neben seinen spielerischen Fähigkeiten auch deshalb so gerne in meiner Mannschaft, weil er den Mund aufmacht und seine Meinung sagt. Und das hat er auch in diesem Fall getan.

Muss der Weltverband dann nicht eingreifen und für eine Vereinheitlichung sorgen?

Roßkopf Das sollte passieren, ja. Es gibt viele Gespräche, aber es passiert noch zu wenig. Die Chancengleichheit muss da sein.

Kann Timo Boll noch mal an sein Top-Niveau herankommen?

Roßkopf Er ist so ein Ausnahmetalent, dass er jeden Tag an sein Top-Niveau herankommen kann, wenn er verletzungsfrei bleibt.

Also ist auch die fehlende olympische Einzelmedaille noch möglich?

Roßkopf Hoffentlich probiert er es 2020 noch einmal. Ich werde ihm immer den Weg freihalten. Ich sehe ihn noch nicht am Ende, wo ihn einige bereits sehen wollen. Ich glaube nicht, dass er die Karriere nach der WM 2017 beendet. Wir sprechen viel, aber nie über seinen Rücktritt. Ziel der anderen muss aber sein, dass er 2020 nicht mehr dabei ist. Die jungen Spieler müssen versuchen, ihn und Bastian Steger rauszuhauen. Timo muss den Druck spüren, dass einer nachkommt. Das ist unser Problem: Es gibt zu wenig Druck.

Wie viel Lust haben Sie noch auf ihren Job?

Roßkopf Es macht mir noch Spaß mit den Jungs. Wir müssen in Deutschland aber generell den Job des Trainers überdenken. In allen Sportarten verdienen Trainer zu wenig Geld. Ich mache den Job, weil ich in der Karriere viel Geld verdient habe, unseren Sport liebe und so noch viel unterwegs und eng mit Tischtennis verbunden sein kann. Ich bin auch froh, dass der Verband mir Vieles ermöglicht. Aber 200 Tage im Jahr 24 Stunden von zu Hause weg zu sein, ist schon ein Kaliber. Ich bin als Trainer mehr weg als zu Zeiten als Spieler. So kann ich das nicht ewig machen. Früher waren es weniger Spiele, weniger Turniere, weniger Druck. Frühere Bundestrainer konnten den Job einfach länger machen, weil die Belastung nicht ganz so hoch war. Das ist heute anders. Ich gehe offen damit um: Irgendwann kommt der Punkt, an dem die Spieler oder ich sagen, es geht nicht mehr. Ich mache den Job sehr gerne, aber ich bin nicht abhängig ihm. Auch für mich wird die WM 2017 noch mal ein Höhepunkt. Ich habe lange dort gelebt und bin gerne in Düsseldorf dabei. Trainer denken immer in Olympiazyklen. Der nächste endet nach Tokio 2020. Mal sehen, wie es danach für mich weiter geht.

Bemüht sich der Verband genug um Sie?

Roßkopf Ja. Der Verband macht gute Arbeit. Aber dem Verband sind dann irgendwann die Hände gebunden. Und der Verband muss sich auch um Timo Boll bemühen. Er muss in der Sportart gehalten werden. Als Teammanager, als Repräsentant, als was auch immer.

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