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Freiwasserschwimmerin Nathalie Pohl
Die junge Frau und das Meer

Nathalie Pohl: Die junge Frau und das Meer
Nathalie Pohl nach dem Weltrekord bei Gibraltar. FOTO: dvag
Marburg. Nathalie Pohl (22) will die großen sieben Passagen durchqueren, zuletzt schwamm sie die 34 Kilometer durch den Santa-Catalina-Kanal. Immer mit dabei: Ihr Vater. Von Robert Peters

Manchmal ist das Vertraute ganz weit weg. 25 Meter in diesem Fall. So weit entfernt ist das Boot, das Nathalie Pohl im Meer vor der kalifornischen Küste begleitet. In diesem Boot sitzt ihr Vater Andreas. Er schwenkt ein Blaulicht. Das ist für gut neun Stunden die Verbindung innerhalb der Kernfamilie Pohl. Denn Tochter Nathalie (22) durchschwimmt gerade den Santa-Catalina-Kanal, ein 34 Kilometer langes Stück Pazifik. Nathalie Pohl ist Freiwasserschwimmerin. Ihr sportliches Ziel ist die Durchquerung von sieben Meerespassagen auf der ganzen Welt, man nennt sie Ocean's Seven. Drei Langstrecken hat sie bereits gemeistert, vor dem Santa-Catalina-Kanal die Straße von Gibraltar (14 km) und den Ärmelkanal (34 km).

Jetzt sitzt sie in einem Büro in Marburg und fragt sich, wie sie einem normalen Menschen erklären soll, warum jemand auf verschiedenen Kontinenten ohne den schützenden Neopren-Anzug ins kalte Wasser steigt und lange Stunden seines Lebens damit verbringt durchzuhalten. Die Antwort: "Ich kann es eigentlich nicht erklären. Vielleicht ist es die Ahnung von dem Gefühl, wenn man es geschafft hat und darauf zurückblickt. Es ist schwer zu sagen, was in einem vorgeht. Manchmal zähle ich unterwegs meine Armzüge." Manchmal überredet sie den Körper, das Wasser warm zu finden. "Der Kopf", sagt Nathalie Pohl, "ist das Wichtigste."

Ihr Kopf muss über eine große Überredungsgabe verfügen. Denn ihr Körper lässt sich auch nicht beirren, als er in der Nacht in den Santa-Catalina-Kanal springen muss. "In der Nacht wird hier wegen der Strömung geschwommen, die ist dann nicht so stark", erklärt die Schwimmerin, "und wegen der Haie." Haie? "Ja, Haie, die leben schließlich da, es ist ihr Lebensraum, und ich schwimme darin. Nachts sind sie nicht so aktiv." Angst hat sie nicht, Respekt bestimmt.

Respekt ist eine Erfahrungssache. Denn Nathalie Pohl hat schon erlebt, wie es ist, wenn das Element stärker ist. 2015 scheiterte ihr erster Versuch, den Ärmelkanal zu durchschwimmen, weil sie im Wasser von einer Lungenentzündung ereilt wurde. "Ich hatte mich so lange vorbereitet, dann bekam ich eine Erkältung und habe Antibiotika genommen. Ich wollte es aber unbedingt schaffen", sagt sie, "aber mein Vater hat vom Boot aus gesehen, dass es mir schlecht geht und den Versuch abgebrochen. Ich bin nicht einmal mehr aus eigener Kraft ins Boot zurückgekommen. Das würde ich nie wieder machen. Man lernt schließlich dazu."

Vater Andreas ist bei allen Passagen dabei. "Das", sagt die Tochter, "ist sehr wichtig für mich." Andreas Pohl ist kein ängstlicher Mensch, er verbringt Teile seiner Freizeit bei eher abenteuerlichen Oldtimer-Fahrten in den Steppen Asiens. "Da schlaf ich dann im Zelt", sagt er. Auch vergleichsweise furchtlose Gesellen machen sich allerdings schon mal Sorgen.

Mitten in der Nacht im Meer vor Kalifornien zum Beispiel. 25 Meter entfernt schwimmt die Tochter, und plötzlich springt ein großes dunkles Wesen neben ihr aus dem Wasser. Es ist ein Delphin, und die Aufregung legt sich schnell. "Es waren am Ende bestimmt 20", erklärt Tochter Nathalie. Eine Zeitlang begleiten sie die Schwimmerin, dann wird ihnen das zu langweilig. Auch wenn Nathalie Pohl von den offiziellen Begleitern mit einer Endzeit von neun Stunden, neun Minuten und 35 Sekunden gestoppt wird (so schnell war an dieser Stelle noch keine Europäerin), legen Delphine ein ganz anderes Tempo vor.

Die Schwimmerin ist wieder allein. Aber das kennt sie, und sie findet es nicht mal schlimm. "Ich schwimme ungern in Gruppen oder mit einem Partner, weil ich mein eigenes Tempo haben muss", sagt die 22-Jährige. Ausnahmen lässt sie bei den offiziellen Versuchen auf den sieben Ozeanen zu. Adam Walker, ebenfalls ein erfolgreicher Freiwasserschwimmer, darf "ein paar Stunden mitschwimmen, damit ich mein Tempo finde". Ein paar Stunden.

Vor Kalifornien ist Walker nur eine Stunde mit im Wasser, dann sitzt er wieder mit Vater Andreas Pohl im Boot. Dass Nathalie durch Schwärme von Quallen schwimmen muss, kann er nur ahnen. Denn es wird neblig. Dafür sind die Inseln vor der Küste Kaliforniens berüchtigt. "Manchmal glaubst du dann, du kommst nie an", sagt Nathalie Pohl, "aber nach acht Stunden stand die Insel plötzlich vor mir. Ich hab mich richtig erschrocken."

Fast genauso anstrengend wie das Schwimmen ist die "Landung". Die Regeln des Freiwasserschwimmens schreiben vor, dass der ganze Körper aus dem Wasser muss. Die Zielbucht aber besteht aus glatten Felsenbrocken, die von glitschigem Moos bewachsen sind. Und die Flut kommt. "Es hat gedauert, bis ich da oben war, ich hatte schließlich neun Stunden in den Beinen", sagt die Marburgerin.

Es wundert niemanden, dass es auch ein paar Tage dauert, bis solche Anstrengungen aus dem Körper sind. "Eine Woche" veranschlagt die Schwimmerin für Erholung und Physiotherapie. "Vor allem die Schultern leiden." Aber nach einer Woche geht es wieder ins Wasser, zum Training, morgens zwei, nachmittags vier Stunden, "vor den großen Passagen schon mal mehr". Dazu kommt Krafttraining. Und zwischendurch? Die Frage ist eher scherzhaft gemeint. "Da studiere ich ganz normal." Nach einem Studium generale studiert sie ab Herbst Sport. "Es macht mir einfach Spaß", sagt sie über ihren Terminplan. Und sie schaut tatsächlich so aus.

Das Wort Spaß ist ein zentraler Begriff in ihrem Wortschatz. Selbst die Strapazen im freien Wasser entlocken ihr kein Wehklagen. Nur das Beckenschwimmen gehört nicht dringend zu den liebsten Disziplinen. In derartige Anlagen begibt sie sich auch nur, wenn es nicht anders geht - im Winter zum Beispiel. Temperiertes Wasser ist jedoch schon lange nicht mehr ihr Ding. Ihre nasse Welt hat zwischen zehn und 15 Grad. "Ich dusche auch nur noch kalt", beteuert sie. Da zieht dann mal ein leichtes Frösteln durch den Hochsommer.

Unter der kalten Dusche spart Nathalie Pohl ihrer Familie zumindest ein bisschen Heizkosten. Darüber hinaus betreibt sie einen kostenintensiven Sport. Teure Flüge müssen bezahlt werden, Physiotherapeuten, der Trainer. "Schade", sagt sie, "dass es wenige Sponsoren in unserem Sport gibt. Viele Sportler können sich das Freiwasserschwimmen deswegen nicht leisten." Und wie so viele, die große Leistungen vollbringen und den größten Teil ihrer Zeit in den Sport investieren, schaut sie gelegentlich irritiert auf die Fußballer, die ihr Engagement fürstlich honoriert bekommen. Aber sie weiß, dass sich daran wohl nichts ändern wird. "Und ich mache es ja nicht fürs Geld. Man macht es ..." Kleine Pause. "Weil man's einfach macht."

So einfach ist das. Und jetzt geht's zum Training in den See, denn: "Ein Tag ohne Wasser ist okay, aber mehrere?" Dieser wird fast wie ein Tag im Paradies für Freiwasserschwimmer, mit schönen Außentemperaturen, ohne Nebel oder glitschige Felsbrocken am Ufer. Er wird auch keine neun Stunden dauern. Trotzdem versichert Andreas Pohl: "Ich bin immer wieder froh, wenn sie angekommen ist." So richtig besorgt klingt das dennoch nicht.

Quelle: RP
 
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