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Turn-WM
Schäfer turnt auch ohne "Schäfer" zu WM-Bronze

Fotos: WM-Bronze für Pauline Schäfer am Schwebebalken
Fotos: WM-Bronze für Pauline Schäfer am Schwebebalken FOTO: dpa, sam
Pauline Schäfer staunte noch bei der Siegerehrung. Als ihr Englands lebende Turnlegende Elizabeth Tweddle zur Bronzemedaille gratulierte, waren ihre Freudentränen schon wieder getrocknet. Auch auch ohne die von ihr kreierte Höchstschwierigkeit, genannt "Schäfer", hatte sie bei den Kunstturn-Weltmeisterschaften in Glasgow völlig überraschend das erste Edelmetall für den Deutschen Turner-Bund (DTB) gewonnen.

Der 18-Jährigen aus Pflugscheid-Hixfeld reichte am Schwebebalken eine stabile Sicherheitsübung zum dritten Platz und zu grenzenlosem Jubel bei der bislang nicht vom Erfolg verfolgten DTB-Delegation.

"Beim Warten auf das Wettkampfende habe ich mich vor lauter Aufregung mit Wasser betrunken. Es war eine gute Entscheidung, den 'Schäfer' wegzulassen. Er war im Training nicht stabil genug", berichtete die Saarländerin nach dem Wettkampf ungläubig staunend und überglücklich zugleich. Ihre Taktik hatte sich als richtig erwiesen, mehrere höher eingeschätzte Konkurrentinnen verdarben sich ihre Chancen durch Stürze vom "Zitterbalken".

Ohne ihre Höchstschwierigkeit, einen Seitwärts-Salto mit halber Drehung, schien ein Medaillengewinn eigentlich utopisch zu sein. Aber die wackligen Rivalinnen halfen kräftig mit. Schäfer euphorisiert: "Mein erstes WM-Finale und gleich eine Medaille - das kann ich nicht fassen."

Ein paar Tränchen vergoss auch Teamchefin Ulla Koch. "Medaillen werden im Training gemacht und Pauline hat sich diesen Erfolg verdient", sagte die Bundestrainerin, die ihrem Schützling dringend empfohlen hatte, auf Sicherheit zu turnen. Dies bescherte Schäfer nicht nur Rang drei, sondern auch die persönliche Olympia-Qualilkation für Rio de Janeiro 2016.

Eine Klasse für sich war nur Mehrkampf-Weltmeisterin Simone Biles aus den USA, die den Wettkampf vor 8000 Zuschauern im SSE Hydro mit 15,358 Punkten souverän gewann. Sanne Wevers aus den Niederlanden (14,333) holte sich die Silbermedaille vor Schäfer (14,133).

Bereits am Samstag war dagegen die Chemnitzerin Sophie Scheder im Finale am Stufenbarren mit dem achten und letzten Platz klar an den Medaillen vorbeigeturnt. Ein verstolperter Tsukahara-Abgang warf die 18 Jahre alte Sportsoldatin entscheidend zurück: "In diesem Moment wollte ich einfach zu viel."

Die vier Final-Qualifikationen des Wochenendes konnten indes nicht verdecken, dass die Hauptziele des Deutschen Turner-Bundes (DTB) verfehlt wurden. Anders als noch bei der WM 2011 in Tokio verpassten beide Riegen die direkte Olympia-Qualifikation und müssen nun beim Olympic Test Event Mitte April 2016 in Rio de Janeiro im zweiten und letzten Versuch ihre Chance nutzen.

"Es war schon ein mittlerer Betriebsunfall. Unsere Produktionslinie ist von der Qualitätskontrolle gestoppt worden", sagte DTB-Sportdirektor Wolfgang Willam. Die Zahl der Lehrgänge müsse gesteigert werden, speziell bei den Frauen sei der Teamgeist zu optimieren: "Da wirkten die Männer deutlich geschlossener."

Zu einem Novum kam es bei der Entscheidung am Stufenbarren. Erstmals in der 112-jährigen Geschichte der Kunstturn-Weltmeisterschaften teilten sich gleich vier Athletinnen den ersten Platz. Die vier Goldmedaillen gingen an die beiden Russinnen Viktoria Komowa und Darja Spiridonowa, Madison Kocian aus den USA sowie die Chinesin Fan Yilin.

Abschied nehmen hieß es in Glasgow für Bruno Grandi. Der 81 Jahre alte Italiener, seit 1996 an der Spitze des Turn-Weltverbandes FIG, wird im kommenden Jahr nicht mehr als FIG-Präsident kandidieren.

Die Welttitelkämpfe 2017 werden vom 2. bis 8. Oktober in Montreal ausgetragen. Doha ist Schauplatz der WM 2018, ehe 2019 die Weltmeisterschaften zum dritten Mal nach 1989 und 2007 in der Stuttgarter Hanns-Martin-Schleyer-Halle stattfinden.

(old/dpa/sid)
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