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Interview mit einem Superfan
"Rugby ist wie Fußball – nur ohne dessen Schattenseiten"

"Rugby ist wie Fußball – nur ohne dessen Schattenseiten"
Don't call it Randsportart: 99.124 Zuschauer sahen das Finale der französischen Top14-Liga – im legendären Fußballstadion Camp Nou in Barcelona, wohin es wegen der Fußball-EM verlegt worden war. Vor dieser Rekordkulisse besiegte Racing 92 Toulon mit 29:21. FOTO: Frank
Die Franzosen lieben Rugby so sehr, dass 100.000 das Liga-Finale sehen – auch wenn es nach Spanien verlegt wird. Den Deutschen ist es so egal, dass Adidas nicht mal umsonst das Nationalteam sponsert. Eine Bestandsaufnahme mit Rugby-Spieler und -Journalist Denis Frank. Von Tobias Jochheim

Freitag, der 24. Juni, war bei der EM spielfrei. Wie kam es, dass Sie trotzdem mit fast 100.000 französischen Fans in einem Stadion ein wichtiges Spiel verfolgt haben?

Denis Frank Wegen der Fußball-EM wurde das Finale der französischen Rugby-Liga "Top 14" aus dem Stade de France in Paris ins Camp Nou nach Barcelona verlegt. Das war mutig; niemand wusste, wie viele Fans es nach Spanien locken würde. Letztlich war die Partie aber schon ein halbes Jahr vor Anpfiff ausverkauft. Es war ein tolles Spiel mit einer gigantischen Atmosphäre. Ich hatte mir sofort nach der Ankündigung drei Tickets der billigsten Kategorie gesichert, für 100 Euro insgesamt. Damals wusste ich überhaupt nicht, ob ich es überhaupt hinschaffen würde. Aber es war ein einmaliges Erlebnis. Noch nie haben mehr Menschen ein Vereinsspiel live miterlebt. Die Partie selbst war vom Niveau her nicht ganz so gut wie der knappe Sieg von England gegen Australien zur selben Zeit, aber äußerst spannend: Der Außenseiter hat sich trotz einer Roten Karte nach 20 Minuten am Ende durchgesetzt.

Nur wenige Tage zuvor hätte Deutschland beinahe das letzte Ticket für die Rugby-Variante mit sieben Spielern und 14-minütigen Spielen ergattert, die eine Disziplin bei den Olympischen Spielen in Rio ist.

Frank Das war der Wahnsinn und noch vor wenigen Jahren völlig undenkbar. Beim Qualifikationsturnier in Monaco haben wir Kanada geschlagen. Im Halbfinale gegen Samoa, das regelmäßig Weltklasseteams wie Neuseeland besiegt und nur aus Profis besteht, lag unser Haufen aus Studenten und Sportsoldaten zur Halbzeit vorn. Am Ende haben wir diese Partie unglücklich verloren, aber im Finale hätte Spanien gewartet, das wir in den beiden Duellen davor geschlagen hatten. Deutschland war nur drei Halbzeiten von Olympia entfernt!
 
Umso langweiliger waren die Vorrunde und auch diverse K.O.-Spiele der Fußball-EM, wegen der diese Rugby-Nachrichten in Deutschland völlig untergingen. Spüren Sie da Schadenfreude?

Frank Schadenfreude ist das falsche Wort. Die Uefa hat sich mit der Aufstockung des Felds auf 24 Teams, von denen 16 weiterkommen, ganz offensichtlich verspekuliert. Und umso größer war der Kontrast zu "meinem" Rugby-Spiel in Barcelona. Aber grundsätzlich bin ich das Gegenteil eines klassischen "Fußball-Hassers", ich liebe diesen Sport und habe sogar eine Dauerkarte für Borussia Dortmund.

Die absolute Vormachtstellung des Fußballs stört Sie nicht?

Frank Doch, das eben schon. Egal, ob man nach Frankreich, England oder in die USA schaut – überall koexistieren mehrere Sportarten. In Deutschland gibt es nichts außer Fußball. Andere Sportarten außer Fußball, Formel 1 und Wintersport sieht man buchstäblich nur alle Schaltjahre – nämlich bei den Olympischen Spielen. Da sehe ich die öffentlich-rechtlichen Sender in der Pflicht, die sich ja nicht nach Einschaltquoten richten müssen. Die übertragen aber nur Fußball, Fußball, Fußball bis zu den Pokalwettbewerben in den Bundesländern – und stecken ihr Geld statt in die Übertragung der Handball-WM lieber in Honorare für Experten wie Mehmet Scholl und Oliver Kahn.

Überwiegen für Sie die Gemeinsamkeiten zwischen Fußball und Rugby oder die Unterschiede?

Frank Rugby und Fußball haben dieselben Wurzeln und sind noch immer sehr eng miteinander verwandt. Seit dem späten 19. Jahrhundert sind die Unterschiede marginal: 15 statt 11 Spieler, 80 statt 90 Minuten Spielzeit, man zielt über statt unter die Querlatte des Tores, der Ball ist eiförmig statt rund und darf nicht nur gekickt, sondern auch mit der Hand gespielt werden. Im Rugby gibt es auch mehr Spielunterbrechungen durch Standardsituationen – aber in Maßen, nicht zu vergleichen mit American Football, in dem aus europäischer Sicht überhaupt kein Spielfluss zustandekommt.

Die maßgeblichen Unterschiede…

Frank ... haben sich erst in den letzten 30 Jahren eingeschlichen: extreme Kommerzialisierung vor allem, aber auch Respektlosigkeiten gegenüber dem Schiedsrichter – beim Rugby dürfen überhaupt nur die Kapitäne mit dem Schiedsrichter sprechen – Vergehen am Fairplay-Gedanken, Schauspielerei, Schwalben und das Simulieren von Verletzungen. All das ist in der Rugby-Kultur extrem verpönt und würde vom Weltverband auch hart bestraft. Außerdem sind im Rugby Einzelspieler nicht so entscheidend wie im Fußball: Früher oder später wird jeder von einem Gegenspieler getackelt – meistens früher. Außerdem sind im Rugby nicht nur allzu steile Pässe verboten wie beim Abseits im Fußball, sondern das Passen nach vorn generell. Abspielen darf man nur nach schräg hinten, maximal gerade zur Seite. Nur als Mannschaft kommt man zum Punktgewinn. Deshalb bin ich dem Rugby verfallen: Für mich ist es wie Fußball, nur ohne dessen Schattenseiten.

Zumindest auf den ersten Blick ist Rugby aber auch komplizierter. Es gibt die beiden Varianten mit 15 und 7 Spielern pro Team, es gibt unterschiedliche Arten zu punkten – und die offiziell "sechste" Runde, in der Deutschland bei der Qualifikation zur WM 2015 scheiterte, ist tatsächlich die zweite.

Frank Das Spiel selbst ist wirklich einfach. Es gibt eben fünf Punkte für das Ablegen des Balls hinter der "Torlinie" des Gegners, dazu zwei weitere, wenn man eine Art Bonus-Freistoß verwandelt. Straftritte und geschossene "Tore" aus dem Spiel heraus zählen je drei Punkte. Mit "Rugby" ist normalerweise die 15er-Variante gemeint, aber das 7er-Rugby gewinnt zurzeit enorm an Popularität. Unter anderem, weil es im 15er-Rugby teils elitär zugeht. In die höchste Spielklasse "Six Nations" etwa kann man nicht aufsteigen: Georgien hätte das spielerisch längst verdient, aber ein Umsastzbringer wären sie sicherlich nicht. Es kommt auch nicht von ungefähr, dass der Rugby-Weltverband mehr als 100 Jahre gebraucht hat, um 1987 die erste WM auf die Beine zu stellen.

Wie sind Sie denn zum Rugby gekommen?

Frank Nicht im Ruhrpott, wo ich aufgewachsen bin (lacht). Nach dem Abitur bin ich für sieben, acht Monate nach Australien geflogen. Erst dort ist mir klar geworden, dass es mehr Sportarten gibt, die in großen Stadien oder als TV-Übertragung attraktiv sind: Cricket, Rugby und das nur dort gespielte "Aussie Rules Football" haben dort einen gleich großen Stellenwert, noch vor Fußball. Rugby hat mich bei einem Besuch des Länderspiels Australien gegen Südafrika im Olympiastadion von Sydney gepackt. Die Härte und Schnelligkeit des Geschehens auf dem Platz haben mich fasziniert, und genau so die Fans, die ihre Rivalität friedlich mit Gesängen und Sprüchen auslebten.

Und als die Zeit in Australien zuende ging…

Frank …habe ich in Münster ein Studium begonnen und hatte großes Glück, dass der Hochschulsport dort Rugby anbietet. Während meines Austauschjahrs in Riga habe ich in der Ersten lettischen Liga gespielt – was nicht viel heißt, das Niveau ist nicht sehr hoch. Es hat mir aber auch sehr bei der Integration geholfen. Viele Erasmus-Studenten bleiben ja unter sich, ich hatte schnell eine Art "Rugby-Familie". Wer erwähnt, dass er Rugby spielt, wird ganz anders wahr- und sofort gut aufgenommen. Das ist mir auch schon in Frankreich und Südafrika passiert – und ich wette, in Argentinien, Neuseeland oder Samoa wäre es genauso.

Wie gut ist die Erste Liga in Deutschland? Spielen dort Profis?

Frank Vergangene Saison habe ich mit dem ASV Köln in der Ersten Liga gespielt. Gegen den Heidelberger RK haben wir mit 3:115 verloren. Dort und auch beim TV Pforzheim gibt es etliche Spieler, die bezahlt werden – wie gut, ist schwer zu sagen, zumal sie oft auch beim Verein als Trainer angestellt sind oder einen Job beim Hauptsponsor haben. Vier, fünf Mal pro Woche muss man auf diesem Niveau jedenfalls schon trainieren.
 
Mit Köln sind Sie nun in die Zweite Liga abgestiegen, müssen also nicht mehr so viel trainieren und zu Auswärtsspielen auch weniger weit fahren. Die frei gewordene Zeit füllen Sie seit zweieinhalb Monaten als Chefredakteur der deutschen Website totalrugby.de.

Frank Ja, das mache ich neben meiner eigentlichen, freiberuflichen Arbeit in der PR-Branche. Der Aufwand ist nicht zu unterschätzen, weil wir so viel abbilden wollen: Die deutschen Ligen, die Nationalmannschaften der beiden Varianten 15er- und 7er-Rugby, das internationale Geschehen – da kommt einiges zusammen. Daran sitze ich sicher drei Stunden pro Tag.

Haben Sie das unterschätzt, als Sie den Job übernommen haben?

Frank Nein, Rugby ist zu einer so großen Leidenschaft für mich geworden, dass ich es sehr gern mache. Es ist mir eine große Ehre und ich lerne viel dazu. Was das Geschehen in Deutschland angeht, die Strukturen und Akteure bin ich als Fan, der zuerst vom neuseeländischen Nationalteam "All Blacks" begeistert war und heute das Potenzial der Siebener-Variante sehe, quasi Quereinsteiger.

Die "All Blacks" werden von Adidas gesponsert, mit dutzenden Millionen Euro, bei der Rugby-WM werben auch BMW und DHL. Wie gut ist die Unterstützung durch die deutschen Konzerne?

Frank Hans-Peter Wild ("Capri-Sonne") hat das deutsche Rugby sehr viel zu verdanken. Er steckt sehr viel Geld in den Sport und bezahlt nicht nur eine große Akademie mit Trainingszentrum in Heidelberg, sondern auch Kobus Potgieter, den südafrikanischen Trainer der 15er-Nationalmannschaft. Mittel- bis langfristig muss der Sport trotzdem auf eigenen Beinen stehen können, aber andere Großsponsoren gibt es nicht. Besonders enttäuschend ist das im Fall von Adidas, das schon seit Jahrzehnten im Rugby aktiv ist. Die Spieler aus Neuseeland wurden eigens eingeflogen und ausgemessen, sodass sie maßangefertigte Trikots bekommen. Dem deutschen Verband hat Adidas gesagt: "Sucht euch ein Trikot aus dem Katalog aus und bezahlt dafür wie jeder andere auch. Wir drucken dann euer Logo drauf." Am Ende ist dann der australische Hersteller BLK eingesprungen.

Schweißt dieses Außenseiter-Dasein auch zusammen?

Frank Ja, die Rugby-Gemeinde hält ihre Werte hoch. Auch nach dem härtesten Spiel laden die Gastgeber ihre Gäste zum Essen ein und alles ist vergessen. Es geht unglaublich familiär zu. Das Pokalfinale im Fußball haben Bayern und Dortmund im Berliner Olympiastadion bestritten, wobei das Spiel über die Schlammschlacht um Mats Hummels fast zur Nebensache wurde. Das Pokalfinale im Rugby haben Handschuhsheim und Neuenheim ausgespielt, Erzrivalen aus benachbarten Stadtteilen im Heidelberger Norden. Dass 2.000 Zuschauer da waren, wurde als riesiger Erfolg gefeiert.

Das klingt toll als Gegenentwurf zum Fußball, aber hat diese Traditionsgebundenheit auch Nachteile?

Frank Vielleicht ist in den Rugby-Hochburgen Heidelberg oder Hannover die Ambition nicht so groß, Rugby in ganz Deutschland größer zu machen. Aber inzwischen sprießen überall Vereine aus dem Boden, in Paderborn etwa oder in Coburg. Dort sind dann oft Leute aktiv, die wie ich eben nicht in den etablierten Strukturen zuhause sind. Diese Mischung tut sicherlich gut.

Wie groß ist die Rugby-Community in Deutschland? Der Deutsche Rugby Verband gehört mit knapp 14.000 Mitgliedern nicht einmal zu den 50 größten Sportverbänden im Land.

Frank Das Finale der Rugby-WM haben in Deutschland rund 750.000 Zuschauer verfolgt. Die Wahrheit liegt also irgendwo dazwischen. Totalrugby.de hat etwa 100.000 Leser.

Sie sind fast zwei Meter groß und über 100 Kilo schwer. Ist im Rugby auch Platz für Kleinere, Dünnere?

Frank Auf jeden Fall! Man sagt zu Recht, Rugby sei ein "game for all shapes and sizes". Der Neuner beispielsweise muss vor allem schnell laufen und präzise passen. Auch auf dem Profi-Level wiegen viele Neuner weniger als 80 Kilo, mein Mannschaftskamerad in Köln wiegt bestimmt sogar weniger als 70. Im direkten Duell könnte ich ihn natürlich von den Beinen holen – aber dafür müsste ich ihn erstmal erwischen. Größe, Gewicht und Kraft sind immer ein zweischneidiges Schwert. Im Rugby findet sich für jeden eine Position.

Was empfehlen Sie denjenigen, die sich vom Rugby anfixen lassen wollen?

Frank Werbung für das 7er-Rugby wird bei den Spielen in Rio gemacht, die besten internationalen Spiele im 15er-Rugby gehen erst im Herbst wieder los. Mit spektakulären YouTube-Videos kann man Stunden verbringen. Das andere ist, bei einem lokalen Verein vorbeizuschauen. Die Düsseldorf Dragons haben ein wunderbares Gelände in Lörick, von dessen Terasse man die Spiele bei Bier und Bratwurst verfolgen kann. Andere Clubs sind die Solingen Zebras, der ASV Köln oder Grashof Essen.

Was sind die größten Probleme des Rugby in Deutschland?

Frank Durch fehlende Medienaufmerksamkeit und mangelndes Sponsoring ist es schwierig, professionell zu arbeiten. Auch hat Rugby, das anderswo als Charakterschule gilt, hierzulande einen schlechten Ruf – zu Unrecht. Studien beweisen, dass Rugby nicht gefährlicher ist als Fußball, gerade weil nicht wie beim American Football Schutzkleidung und ein Helm zu gefährlichem Spiel herausfordern. Das erste, was man im Rugby lernt, ist: Der Kopf hat im Tackling nichts zu suchen, er wird zur Seite gedreht, während ich die Beine des Gegners mit beiden Armen umklammere. Das richtige Tackling und Fallen werden immer wieder geübt. In zehn Jahren hatte ich nicht eine Gehirnerschütterung – und ich kenne einen Professor für Chirurgie, der seinen Sohn schon mit vier im Rugbyverein angemeldet hat.

Werden Sie dasselbe tun, wenn Sie selbst einmal Vater eines Sohnes sind?

Frank Definitiv. Auch, falls ich Vater einer Tochter werde.

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