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Schach-WM in New York
Die Jugend ist am Zug

Porträt: Magnus Carlsen: Schach-Wunderkind und norwegischer Popstar
Porträt: Magnus Carlsen: Schach-Wunderkind und norwegischer Popstar FOTO: Facebook
Solingen/New York. In New York spielen zwei Mittzwanziger um den WM-Titel im Schach. Der Kampf richtet den Fokus auf einen Sport, der jünger wird und das Internet für sich zu nutzen weiß. In Deutschland ist trotzdem kein Boom in Sicht. Von Stefan Klüttermann

Ein 25-jähriger Norweger und ein 26-jähriger Russe sitzen am Tisch irgendwo am East River in Manhattan, New York. 2016 geht das als normale Begebenheit durch, schließlich packt eine Backpacker-Generation weltweit schon seit Jahren ihre Rucksäcke und bereist den Globus. Doch der Norweger und der Russe, die sich ab heute im Fulton-Market-Gebäude gegenüberhocken, sind keine normalen Twens. Sie werden stundenlang nicht miteinander reden, und auf dem Tisch stehen auch kein Bier und ein Steak mit French Fries, sondern ein Schachbrett und wohl zwei Gläser stilles Mineralwasser.

Titelverteidiger Magnus Carlsen und Sergei Karjakin spielen um die Schach-WM. Und diese WM ist weit davon entfernt, eine Hinterhof-Veranstaltung für vergeistigte Nerds zu sein. Es geht um mindestens eine Million Euro Preisgeld, und das Publikum ist auch nicht gerade klein: Mehr als eine Milliarde Zuschauer erwarten die Veranstalter. Als Carlsen 2014 seinen Titel erstmals verteidigte, sahen 1,2 Milliarden zu - vor dem Fernseher und im Internet. "Schach ist eine Internet-Sportart geworden", sagt Oliver Kniest. Er ist Vorsitzender der Schachgesellschaft Solingen, des aktuellen deutschen Mannschaftsmeisters.

Was Kniest meint, wird auf der Internetseite der Schach-WM deutlich. Zuschauer können die Kämpfe mittels virtueller Realität verfolgen, über verschiedene Kameras im Raum dabei sein und sich von Großmeistern live die einzelnen Züge erklären lassen. Dazu gibt es Live-Statistiken, Foren und Analysen. Eine Sportart entstaubt sich gehörig. Das Ganze hat natürlich seinen Preis: zwischen umgerechnet 13,50 und 90 Euro muss man zahlen. Viele werden es tun.

Der Charakter des WM-Kampfes ist indes heute ein anderer. 1972: Bobby Fischer gegen Boris Spasski, USA gegen Sowjetunion, das war Kalter Krieg am Brett. 1984: Anatoli Karpow gegen Garri Kasparow, das sowjetische Duell war Parteilinie gegen Aufbruchstimmung. 2016: Carlsen gegen Karjakin - das könnte doch zumindest jung gegen jung, hip gegen hip sein, oder? Taugt es denn nicht zum Zugpferd für Schach-Nachwuchs, wenn sich zwei Mittzwanziger duellieren? Kniest ist da skeptisch: "Ich glaube nicht, dass das einen großen Einfluss auf den Zulauf von Jugendlichen in den Vereinen haben wird. Schon gar nicht in Deutschland", sagt er, der auch Jugendwart in Solingen ist.

Der WM-Kampf ist also nicht die erhoffte große Lösung, nach der Schachvereine seit Jahren suchen, wenn es um Konzepte zur Nachwuchsgewinnung geht. Diese Konzepte bleiben auch nach den Tagen von New York andere. Bewährte. Das glaubt Kniest zumindest. "Man muss immer über die Schulen gehen", findet er. Schach-AGs, Angebote im offenen Ganztag - nur so kommt der Sport in Kontakt mit den Kindern. Im heimischen Zimmer tut er das jedenfalls nicht. Da regieren Spielekonsolen. Immerhin: Gut 27 Prozent der 89.000 in Vereinen organisierten Spieler sind 18 und jünger. Das ist nicht so schlecht.

"Einen nachhaltigen Schub würde es hierzulande aber nur geben, wenn Schach Schulfach würde", sagt Kniest, weiß aber, dass es unrealistisch ist, etwas zu fordern, was im Iran, China oder Indien Realität ist. Ansonsten gibt es noch Versuche wie den von Sebastian Siebrecht. Er ist ein Schach-Animateur, der auf Tour geht, den man buchen kann, der mit Showprogramm auftritt. Das funktioniert ziemlich gut.

Carlsens Heimat Norwegen ist ein Land ohne große Schachtradition, aber seit Carlsen die Schachwelt erobert, überträgt das Fernsehen daheim die Kämpfe live und in voller Länge. Die Einschaltquoten sind gut. "Man muss aber abwarten, welchen Effekt dieser Hype in 15 Jahren für die Schachvereine in Norwegen hat", sagt Kniest. Wobei er nicht verschweigt, dass auch Deutschland ein junger Weltmeister gut täte. "Uns fehlt ein deutscher Magnus Carlsen", sagt Kniest. Vincent Keymer könnte vielleicht mal einer werden. Er ist elf und spielt gerade bei der Jugend-WM in Russland. "Wenn es einer schaffen kann, dann er", sagt Kniest über den Rheinland-Pfälzer. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Auch im Schach.

Quelle: RP
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