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Schachboxen
Vier Fäuste für ein Schachmatt

Schachboxen: Vier Fäuste für ein Schachmatt
Trainer Justin Hentschke (l.) bereitet Jens Beyer auf einen Kampf vor. FOTO: Red
Köln/Berlin. Vor 13 Jahren erfindet der Niederländer Iepe Rubingh Schachboxen. Grundlage dafür ist ein Comic. Inzwischen werden auf der ganzen Welt Kämpfe organisiert. Im Februar will auch der Kölner Jens Beyer in den Ring steigen. Von Nicole Scharfetter

Wenn Jens Beyer mit seinem Trainer und Sparring-Partner Justin Hentschke (25) in den Ring steigt, haut er in der ersten Runde nicht wie wild ein auf seinen Gegner. Die erste Runde ist reine Kopfsache - im wahrsten Sinne des Wortes. Selbst auf seine Boxhandschuhe verzichtet der 33-Jährige dann. Die erste Runde läuft anders ab als bei einem gewöhnlichen Boxkampf. Beyer trainiert Schachboxen, eine Sportart, die der Niederländer Iepe Rubingh vor 13 Jahren erfunden hat. Über elf Runden geht ein Kampf, in dem die Sportler im Wechsel je drei Minuten Schach spielen und dann wieder drei Minuten boxen.

Von seinem Vater hat Beyer das Schachspielen gelernt, als er ein Kind war. Bald besuchte er die Schach-AG, die in seiner Schule angeboten wurde. Er lernte dort Züge und Kniffe, um seinen Gegner aus dem Konzept zu bringen, ihn möglichst schnell matt zu setzen. Spaß hatte Jens Beyer am Schachspielen solange, bis er ein Teenager wurde. Zumindest offiziell. "Schach war irgendwann uncool", sagt er. Weil Schach für die Coolen wenig mit Sport gemein hat, aus deren Sicht sind Schachspieler Streber mit zwei linken Füßen und wenig Sinn für Hand-Augen-Koordination.

Spätestens, als die Mädchen interessant wurden, hatte sich das mit dem Schachspielen für Beyer erledigt, bis zum Studium rührte er keine Figur mehr an. "Dann habe ich wieder angefangen, mit Kumpels an den Wochenenden", sagt der Sportwissenschaftler, weil Schach gut für die Konzentration ist. "Es ist die beste Methode für einen Sportler, mental zu trainieren."

Vor ein paar Jahren traf Jens Beyer auf Iepe Rubingh. Beyer saß im Publikum bei einem Schachboxkampf im Gloria-Theater. Zu diesem Zeitpunkt trainierte der Kölner MMA - Mixed Martial Arts. Ein Sport, bei dem verschiedene Kampfkünste kombiniert werden. "Bis heute habe ich aber noch nie einen richtigen MMA-Kampf gehabt", sagt Beyer, der sich noch nie geprügelt hat. Manchmal aber fehlt ihm die Erfahrung, einem Fremden gegenüber zu stehen, nicht zu wissen, was passiert, nicht zu wissen, welche Bewegung der Gegner macht, wie hart der nächste Schlag ausfällt. Und weil Beyer ganz fit ist im Schach, will er diese Wettkampfsituation nachholen - in einem echten Schachbox-Kampf. "Ich glaube, dass ich eher jemanden schachmatt setze als K.o. schlage", sagt Beyer.

Mit Kumpel Hentschke, der gleichzeitig sein Trainer ist, bereitet er sich auf den 10. Februar vor, dann soll Beyer in den Ring steigen. Den Kampf organisiert Rubingh, der nun Schachbox-Promoter ist. Der Niederländer lebt in Berlin, dort hat der Sport schon eine beachtliche Anhängerschaft. Der größte Verband, der der "World Chess Boxing Organisation" angehört, kommt aber aus Indien. "Mehr als 500 Kämpfer sind dort gemeldet", sagt Rubingh. Selbst Kinder trainieren in Indien schon Schachboxen.

Gekommen ist Rubingh die Idee in einem Café in Amsterdam, als er sich mit einem Freund traf. Beide hatten unabhängig mit dem Boxen angefangen, erzählten sich von ihrem Training. "Plötzlich dachte ich an den Comic ,Froid Équateur' des französischen Zeichners Enki Bilal", sagt der Erfinder. Im Comic wird eine Weltmeisterschaft im Schachboxen ausgetragen. Die Kontrahenten boxen erst zwölf Runden, treten dann im Schach an. "Wir haben verschiedene Varianten durchprobiert", sagt der 42-Jährige, der sich für das Regelwerk vom Schach- und Boxverband der Niederlande hat beraten lassen. Irgendwann waren sich die Planer einig: Elf Runden soll ein Kampf dauern, mit Schach beginnt der Kampf, mit Schach endet er. Dazwischen wechseln die Disziplinen. "Eine Runde aussitzen ist nicht erlaubt", erklärt der Promoter. Wer beim Boxen wegläuft oder beim Schach Zeit schindet, der wird vom Ringrichter angezählt.

"Schachboxen ist die Kunst, Adrenalin und Testosteron unter Kontrolle zu bringen", sagt Rubingh. Beyer bereitete sich in seinem Sportstudio "Noch 3" in Köln, das er nach dem Studium eröffnet hat, vor. Im Augenblick ist der 33-Jährige noch ganz entspannt. Aber die Aufregung wird kommen. Da ist sich Beyer sicher. Spätestens, wenn er im Ring steht und zum ersten Mal einen echten Gegner vor sich hat.

Quelle: RP
 
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