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Umstrittene Weltmeister in Kasan
Dopingsperre – ist doch nur ein Knöllchen

Schwimm-WM: Dopingsperre – ist doch nur ein Knöllchen
Die WM-Teilnahme von Julija Jefimowa ist umstritten. FOTO: afp, mlm/rt/rc
Kasan. Die Russin Julija Jefimowa und der Chinese Sun Yang haben bei der Schwimm-WM in Kasan Gold gewonnen - beide sind überführte Dopingsünder, die nur wegen verkürzter Sperren starten durften.

Julija Jefimowa bescherte Russland unter dem ohrenbetäubenden Jubel ihrer Landsleute das erste WM-Gold in Kasan, Sun Yang schnappte Paul Biedermann Silber vor der Nase weg - aber eigentlich hätten beide gar nicht starten dürfen. Spätestens als die prominentesten Sünder der jüngsten Vergangenheit auf dem Siegerpodest standen, schlug das Thema Doping bei der Schwimm-WM hohe Wellen.

"Es ist immer schade, wenn die Regeln unterschiedlich ausgelegt werden", sagte Bundestrainer Henning Lambertz und bemühte sich um diplomatische Töne. Dass aber ausgerechnet die Schwimmhelden Russlands und Chinas mit verkürzten Sperren bevorzugt behandelt wurden, ärgerte auch den deutschen Chefcoach.

Doppel-Olympiasieger Sun Yang, der nach Gold über 400 m Freistil über die halbe Distanz hinter dem britischen Überraschungsweltmeister James Guy Zweiter vor Weltrekordler Biedermann wurde und am Mittwoch auch noch den Titel über 800 m holte, war nach einem positiven Test im Mai 2014 auf die verbotene Stimulans Trimetazidin nur für drei Monate aus dem Becken verbannt worden. Als der Fall bekannt wurde, war die Sperre längst abgelaufen und Sun bei den Asienspielen schon wieder gestartet.

"Die Welt meint, der Chinese sei gedopt"

Ursprünglich hatte es der chinesische Verband sogar bei einer Verwarnung belassen wollen. Die Nachfrage eines Schweizer Journalisten in Kasan brachte Sun auf die Palme: "Immer wenn ein Chinese Erfolg hat, meint die Welt, der Chinese sei gedopt. Das ist ein dreckiger Gedanke und ein Mangel an Respekt."

Jefimowa war Ende Oktober 2013 positiv auf das anabole Steroid Dehydroepiandrosteron getestet worden. Der Weltverband FINA sperrte sie im Mai 2014 rückwirkend für 16 Monate, so dass sie bei der Heim-WM an den Start gehen konnte. Sie habe ein verunreinigtes Nahrungsergänzungsmittel zu sich genommen und sich auf die Angaben des Verkäufers verlassen, beteuerte sie, die FINA glaubte ihr und verzichtete auf die übliche zweijährige Sperre. Im ZDF-Interview bemühte die 23-Jährige einen abstrusen Vergleich: "Wenn Sie einen Führerschein haben, fahren Sie irgendwann auch mal zu schnell, dann bekommen Sie einen Strafzettel."

Wie ernst der häufig kritisierte Schwimm-Weltverband das Thema Doping nimmt, wurde bei der offiziellen Halbzeit-Pressekonferenz deutlich. Auf die Frage nach der Anzahl der Tests antwortete Generalsekretär Cornel Marculescu zunächst: "3000." Auf die Nachfrage, ob damit jeder der gut 2500 Athleten kontrolliert würde, war sich der Rumäne dann nicht mehr sicher: "Vielleicht sind es auch nur 300, ich weiß es nicht genau."

Doping im Schwimmen hält John Leonard nicht nur für ein russisches oder chinesisches Problem. "Ich glaube, in unserem Sport betrügen heute mehr Leute denn je", sagte der Chef der US-Schwimmtrainervereinigung der FAZ: "Ich sehe, wie unser Sport unter die Räder kommt."

Als Jefimowa nach ihrem WM-Triumph in der Pressekonferenz über das erste Gold für Russland sprach, fehlte ihre geschlagene Konkurrentin Ruta Meilutyte. Die litauische Olympiasiegerin, die die Russin nicht mehr als "ehrliche Gegnerin" sieht, war beim Dopingtest.

(sid)
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