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Dressurreiten
Aachen hofft auf Totilas

Fotos: Totilas beeindruckt beim CHIO
Fotos: Totilas beeindruckt beim CHIO FOTO: dpa, ua
Aachen. Für Vorstandschef Frank Kemperman ist der Hengst ein Star, wie ihn sich der Reitsport nur wünschen kann. Von Martin Beils

Frank Kemperman hat sein Büro mit Fotos aus dem Reitsport dekoriert. Klar, er ist der Vorstandschef des Aachen-Laurensberger Rennvereins. Er lebt in Belgien, also hängt dort ein Bild des belgischen Springreiters Jos Lansink. Er arbeitet in Deutschland, also eins der deutschen Vielseitigkeitsreiterin Ingrid Klimke. Und er ist Niederländer, deshalb ein Foto des Dressurreiters Edward Gal. Und zwar auf Totilas, dem Hengst, mit dem Gal vor fünf Jahren in Kentucky drei WM-Titel holte, der anschließend für zehn oder mehr Millionen Euro in deutschen Besitz überging, der für einen Trubel sorgte wie noch nie ein Pferd in Deutschland und der an diesem Wochenende in Hagen am Teutoburger Wald endlich, endlich sein Comeback geben soll.

"Wir brauchen Stars im Reitsport", weiß Kemperman (60), der seit 21 Jahren die Geschäfts des ALRV führt und nun auf die Europameisterschaften, die vom 11. bis 23. August in der Soers stattfinden, hinarbeitet. Totilas ist so ein Star. "Ich hoffe, Totilas schaffte es ins Team. Ich hoffe, dass er es noch einmal packt", sagt Kemperman. Er lässt Zweifel durchklingen. Schließlich sei das Pferd schon 15 Jahre alt, fünf Jahre älter als zu Zeiten seiner großen Erfolge für Oranje.

An diesem Wochenende müssen der Hengst und Reiter Matthias Rath Bundestrainerin Monica Theodurescu ("Totilas ist ein schwieriger Fall, was die Gesundheit angeht") beweisen, dass sie in Form für höchste Aufgaben sind. Ein Duell zwischen Rath mit Totilas und der Britin Charlotte Dujardin mit dem seit 2012 die Szene dominierenden Valegro wäre Kempermans Traum. Vor 40 000 Zuschauern auf einem eigens für die EM aufgeschütteten Dressur-Viereck im Hauptstadion.

Totilas letzter Start liegt rund ein Jahr zurück. Beim CHIO in Aachen überzeugte er, ehe kurz darauf die Absage für die Weltreiterspiele in der Normandie folgte. Auch in den Jahren zuvor hatte das Paar vor der EM im dänischen Herning und vor den Olympischen Spielen in London zurückgezogen. "Die Europameisterschaft in Aachen ist natürlich unser Ziel. Alles andere wäre gelogen", hatte Rath zuletzt gesagt. Er spricht damit ganz in Kempermans Sinn. Der Niederländer, der dem Springen immer enger verbunden war, ist der erste Mann im Dressursport weltweit. Er steht seit sechs Jahren dem Dressur-Komitee des internationalen Verbandes FEI vor. Dabei galt er als Dressur-Hasser - und tat auch einiges für diesen Ruf. Zu Beginn seiner Tätigkeit in der eher künstlerisch angehauchten Sparte des Reitsports sagte er mal: "Ich schaue lieber dem Gras beim Wachsen zu, das ist spannender als Dressur." Und die FEI verbreitete genüsslich die Geschichte, dass Kempermans Frau bei der WM im vergangenen Jahr in der Normandie eine Sonnenbrille trug, damit sie während der Dressur-Vorführungen unbemerkt die Augen schließen konnte. Kemperman liebt die Provokation. Er weiß, dass die Dressur nur eine Zukunft hat, wenn sie sich entwickelt, wenn die Wettkämpfe spannender und für das breite Publikum nachvollziehbarer werden. Das ist in diesem konservativ geprägten Genre nicht einfach. Als vor Jahren die Kür auf Musik eingeführt wurde, liefen die Altvorderen Sturm. Heute ist der Wettbewerb ein Höhepunkt jedes Championats und ein Pfund, mit dem die Dressurreiter wuchern können, wenn es um ihre olympische Zukunft ab 2024 geht.

Ein nachvollziehbareres Wertungssystem fehlt noch. "Wann kommt ihr denn endlich aus dem Quark?", hatte die fünfmalige Olympiasiegerin Isabell Werth aus Rheinberg Kemperman kürzlich gefragt. Der Dressurchef gibt jetzt die Antwort: voraussichtlich im nächsten Jahr. Bislang wissen die bis zu sieben Richter nicht, welche Übungen die Paare in der Kür bieten. Künftig müssen die Reiter ihre Kür vorab melden. Die Elemente bekommen - ähnlich wie beim Turmspringen - einen Ausgangswert. Die Richter müssen während des Wettbewerbs nur noch entscheiden, inwieweit die einzelnen Passagen gelungen sind. Entwickelt wurde das Verfahren von Dressurrichterin Katarina Wüst und Reiter Daniel Göhlen. Kemperman meint: "Ich gehe davon aus, dass es im nächsten Jahr beim CHIO in Aachen und beim Weltcupfinale in Göteborg zum Einsatz kommt, bei den Olympischen Spielen wohl noch nicht."

Zwei Probeläufe hat das System erfolgreich hinter sich gebracht. Bei Reitern, Richtern und Trainern sei es gut angekommen. Und das sei keine Selbstverständlichkeit in der gemeinhin streitlustigen Dressurszene, in der sich Kemperman als Agent provocateur wohlfühlt.

Quelle: RP
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