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Platz eins der Weltrangsliste
Kerber ist einfach Kerber geblieben

Alle Weltranglisten-Ersten bei den Damen
Alle Weltranglisten-Ersten bei den Damen FOTO: rtr, rd gma
New York/Düsseldorf. 19 Jahre nach Steffi Graf führt in Angelique Kerber wieder eine Deutsche die Weltrangliste im Damen-Tennis an. Von Gianni Costa und Patrick Scherer

Es kommt nicht oft vor, dass Angelique Kerber Einblicke in ihr Seelenleben gewährt. Sie ist in erster Linie Tennisspielerin. Viele ihrer Arbeitskolleginnen sind zu allererst Entertainerinnen. Kerber, 28, kann wenig damit anfangen, sich zu inszenieren. Auch der größte Erfolg ihrer Karriere änderte daran nichts. Nach dem Aus von Serena Williams im Halbfinale der US Open wird Kerber ab Montag die Amerikanerin als Nummer eins der Welt im Damen-Tennis ablösen. Kerber bekundete zwar ihren Stolz auf diese Leistung, verzichtete aber auf gestenreiche Jubelstürme. Schließlich steht ja noch ein Finale an. "Mir liegt es einfach nicht, eine Rolle zu spielen", hat sie einmal unserer Redaktion gesagt. "Natürlich ist es komisch, wenn du sportlich sehr erfolgreich bist und andere mehr Beachtung finden und in Shows eingeladen werden."

Sie musste keine Namen nennen. Andrea Petkovic und Sabine Lisicki waren ihr in der öffentlichen Wahrnehmung enteilt, weil sie es perfekt beherrschen, sich zu vermarkten. Die forsche Petkovic, die glamouröse Lisicki. Petkovic ist ständig mit Beichten in den Medien präsent, warum sie die Lust am Spiel verloren habe – und sich nun wieder herankämpfen will. Wimbledon-Finalistin Lisicki war durch ihre Beziehung zu Comedian Oliver Pocher zum Liebling der Klatschblätter geworden. So viel Einsatz zahlt sich aus – beide sind mit zahlreichen Werbeverträgen ausgestattet.

Fotos: Angelique Kerber – die Nummer eins im Damen-Tennis FOTO: ap, JJ PM FF

"Angie" hat alle überholt

Kerber ist einfach Kerber geblieben. Die Kräfteverhältnisse im deutschen Damen-Tennis haben sich längst verschoben – auch was die öffentliche Wahrnehmung angeht. Petkovic (Platz 43) und Lisicki (84) sind abgestürzt. "Angie" hat alle überholt. Ihr Fokus lag dabei immer darauf, ihr kämpferisches Naturell mit den sportlichen Fertigkeiten zu vereinen. Und diese Attitüde der bodenständigen Arbeiterin ohne Starallüren brachte sie auch auf die Überholspur der Sympathieskala. Mehr Talent hatten vielleicht andere. Kerber hat aus ihrem aber das Maximale herausgearbeitet. Das beste Beispiel: Kerber ist Rechtshänderin. In Kindestagen nahm sie den Schläger aber in die linke Hand, weil ihr Vater Linkshänder war und sie so die Übungen leichter nachmachen konnte. Das zog sie bis an die Weltspitze durch.

Slawomir Kerber trainierte Angelique bis zum 17. Lebensjahr, dann brach seine Tochter mit ihm. Die größten Erfolge, den Titel bei den Australian Open im vergangenen Januar und nun der Sprung an die Weltspitze, feiert sie mit einem anderen Trainer: Torben Beltz, der Norddeutsche mit der Aura eines "netten Krankenpflegers", wie einst der "Stern" schrieb. Kerber weiß, warum die Zusammenarbeit Früchte trägt. "Torben weiß genau, wie ich ticke. Wir kennen uns schon so lange, er kann auch mit meinen Emotionen umgehen. Ich bin nicht immer einfach", sagt sie. Auch das ist Kerber. Von Ehrgeiz getrieben.

Nun ist ein Kindheitstraum in Erfüllung gegangen. 19 Jahre nach Steffi Graf ist sie die zweite Deutsche, die den Tennis-Thron erklimmt. "Steffi ist bestimmt stolz auf mich", sagt Kerber. Vor dem Sprung auf Platz eins soll aber heute (22 Uhr, live bei Eurosport) gegen Karolina Pliskova zunächst der zweite Grand-Slam-Titel folgen.

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