"Sehne mich nach normalem Leben": Anke Huber kündigt Karriereende an
zuletzt aktualisiert: 22.07.2001 - 16:45Hamburg (rpo). Kein Happy-End für Anke Huber: Durch die 6: 4, 3:6, 10:12-Niederlage gegen Paola Suarez geriet Deutschland im Fed-Cup gegen Argentinien nach drei Einzeln mit 1:2 in Rückstand. Barbara Rittner schaffte die Wende nicht mehr: Ihr 2:6, 7:6 (9:7), 2:6 gegen Maria Emilia Salerni bedeutete das 1:3, damit hatte Deutschland die Endrunde im November in Madrid verpasst.
Am Morgen hatte Anke Huber in einem Interview mit der Welt am Sonntag ihren Rücktritt im Januar 2002 angekündigt, sie wurde von den 4.300 Fans gefeiert und unterstützt. Doch die Nerven hielten nicht, der Arm war schwer, sie verlor trotz gewonnenem ersten Satz und einem großartigen Kampf im dritten Durchgang das Match. Nach 2: 39 Stunden verwandelte Paola Suarez ihren dritten Matchball, nachdem Anke Huber zuvor ebenfalls drei vergeben hatte.
Ihr bevorstehender Rücktritt kam völlig überraschend. Bundestrainer Markus Schur und der Deutsche Tennis Bund (DTB) erfuhren davon erst am Samstagabend um 22.00 Uhr. Die letzte Leitfigur der deutschen Nachwuchsspielerinnen fällt damit aus, die letzte Protagonistin aus der größten Ära des deutschen Tennis. Zwölf Turniersiege hat sie in ihrer Karriere errungen, 1992 an der Seite von Steffi Graf in Frankfurt gegen Spanien den Fed-Cup gewonnen. "Ich kann Anke Huber verstehen", sagte DTB-Präsident Georg von Waldenfels: "Wer so lange dabei war, der muss irgendwann überdenken, was er tut."
Es musste ja auch einfach mal passieren, jeder wusste es, doch niemand glaubte, dass es jetzt schon passiert. Anke Huber ist immerhin erst 26 Jahre alt, im besten Alter also für eine Leistungssportlerin. Doch wenn man schon mit 14 Jahren und einem Monat Profi wird, dann ist irgendwann der Punkt erreicht, wo es nicht mehr weitergeht. "Ich glaube einfach, es reicht. Ich bin müde", sagte sie: "Ich habe in letzter Zeit das Gefühl, immer dasselbe zu tun."
Tennis spielen eben, aus dem Koffer leben, in der Weltgeschichte herumreisen. "Grundsätzlich sehne ich mich nach einem ganz normalen Leben", sagt sie. Das blonde Mädchen aus Karlsdorf ist in der Mühle des Turnierlebens immer normal geblieben. Keine Burn-Out-Symptome wie bei anderen Supertalenten, die ähnlich früh begonnen haben, kein Überschnappen angesichts der rund zehn Millionen Mark Preisgeld, Eltern, die sich stets im Hintergrund hielten. "Ich bin nicht geschädigt", meint sie und ist zu Recht stolz darauf: "Es laufen so viele Verrückte in der Szene rum, da ist es schön, zu wissen: ich bin o.k."
"Ich bin überzeugt, dass die Entscheidung richtig war"
Die fünfmonatige Zwangspause nach ihrer Handgelenksverletzung in New York im letzten September gab die Zeit zum Nachdenken über die Karriere und das Leben: "In dieser Phase habe ich die Entscheidung getroffen, und ich bin überzeugt davon, dass sie richtig war." Vor Wimbledon hat sie sich bereits von Trainer Boris Breskvar getrennt, der immer sowas wie eine sportlicher Ersatzvater war. Der Abschied von der Tour ist eingeleitet, bei ihrem Lieblingsturnier, den Australian Open, soll im Januar endgültig Schluss sein: "In dem Punkt bin ich etwas sentimental. Dort hat meine Karriere praktisch angefangen."
Immer stand sie in ihrer Laufbahn im Schatten der "Überfigur" Steffi Graf, immer war Anke Huber nur die Nummer zwei. Auch das hat sie weggesteckt, wenn auch manchmal mit Problemen: "Ich glaube schon, dass ich darunter gelitten habe. Es war immer ein enormer Druck", gibt Anke Huber zu: "Ich habe aber schon früh erkannt, dass ich nie Steffis Erfolge haben werde."
Sie spielten so nebeneinander her, nie gelang es Anke Huber, Graf zu schlagen, wenn es wichtig war. Nicht im Halbfinale der French Open 1993, nicht im Endspiel des New Yorker Masters 1995. Ein Verhältnis zwischen den beiden besten deutschen Spielerinnen gab es nicht: "Der Kontakt ist nie intensiv gewesen."
Als Nummer zwei hatte sie allerdings den Vorteil, etwas weniger öffentlich durch´s Leben zu gehen. Erst ihre Liason mit dem ukrainischen Spitzenspieler Andrej Medewedew vor zwei Jahren zerrte ihr Privatleben an die Oberfläche, und das nervte sie ungemein: "Ich habe es nicht so gerne, wenn mein Privatleben in der Öffentlichkeit diskutiert wird."
Eben dieses Privatleben soll nun endgültig in den Vordergrund treten, auch wenn sie zur Zeit nicht liiert ist: "Ich möchte eine normale Beziehung haben. Das steht für mich an oberster Stelle. Ich wollte nie einen Freund, der als Anhängsel mit mir reist."
Die Zukunft ist noch unsicher, sie weiß noch nicht, was sie tun wird, eben nur, was sie nicht mehr tun wird: "Natürlich habe ich Angst davor, in ein schwarzes Loch zu fallen. Ich will Zeit haben, mich auf das Folgende vorzubereiten." Von Waldenfels wird sich um sie bemühen: "Ich hoffe, dass sie dem deutschen Tennis irgendwie erhalten bleibt." Bei Anke Huber kann man es sich vorstellen, und es wäre gut für den Sport. Eines scheint jedenfalls klar: Spielerfrau in einer Ehrenloge wird sie nicht.
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