Eisschnelllauf-DM: Bahnrekord und Doppelsieg: Anni Friesinger wirbelt die Hierarchie durcheinander
zuletzt aktualisiert: 12.11.2000 - 13:23Berlin (dpa). Anni Friesinger hat gleich zu Saison-Beginn die deutsche Eisschnelllauf-Hierarchie kräftig auf den Kopf gestellt. Die Europameisterin aus Inzell überzeugte am Wochenende bei den Meisterschaften in Berlin mit dem Doppel-Triumph über 1 000 und 1 500 m gegen das deutsche Weltmeister-Trio mit Monique Garbrecht-Enfeldt, Gunda Niemann-Stirnemann und Claudia Pechstein.
Mit ihrem Bahnrekord von 1:58,51 Minuten über 1 500 m läutete die 23-jährige Inzellerin, die schon 1998 auf dieser Strecke Weltmeisterin war, möglicherweise eine Wachablösung in Deutschland ein und rückte endgültig in die vorderste Reihe der Weltelite auf. Bei ihrem Überraschungs-Erfolg auf der 1 000-m-Sprintstrecke am Sonntag stellte sie in 1:17,49 eine persönliche Bestzeit auf und verfehlte den Bahnrekord nur um 0,1 Sekunden. Auch ihr dritter Platz über 500 m in neuer Bestzeit (39,62) zeugte vom enormen Vormarsch der jüngsten deutschen Weltklasse-Läuferin.
«Wenn im Umfeld alles stimmt, in Familie, im Verein und mit dem Sponsor - dann läuft alles bei mir von ganz allein. Mein ganzes Dorf ist happy: Ich bin richtig gut drauf und habe auch keine Angst, dass es sich nur um eine Frühform handelt», plauderte die Bayerin am Sonntag, nach dem sie beim Zieldurchlauf demonstrativ die Fäuste in die Luft gestoßen hatte. «Ich bin endlich mal gesund über den Sommer gekommen. Die Zeiten sind ganz klar Ergebnis des harten Trainings», suchte sie nach den Ursachen ihrer Erfolge, die sie nun am kommenden Wochenende beim Weltcup-Auftakt international bestätigen möchte. «Ich schwebe zurzeit wie auf einer Wolke», meinte sie nach dem Gewinn ihrer nationalen Meistertitel drei und vier.
Über 1 500 m durchbrach Anni Friesinger eine seit acht Jahren währende Erfolgsserie von Gunda Niemann-Stirnemann bei deutschen Titelkämpfen. Die Erfurterin, die zuvor über 3 000 m ihren 32. nationalen Titel erkämpft hatte, war über ihren dritten Rang in 2:00,75 Minuten hinter Sprint-Weltmeisterin Monique Garbrecht-Enfeldt (2:00,73) aber nicht unzufrieden. «Die deutschen Frauen sind Weltspitze, da darf man sich auch über einen dritten Platz freuen», meinte die 34-Jährige, die aus dem Wechsel zum Chemnitzer Trainer Klaus Ebert neue Motivation für den Weg nach Olympia 2002 zieht, wofür auch die persönliche Bestzeit über 1 000 m (1:20,57) spricht.
Monique Garbrecht war müde
Der vorjährigen Sprint-Königin Monique Garbrecht-Enfeldt spürte man am Sonntag das kräftezehrende Meisterschafts-Programm mit vier Rennen an. Nach ihrem Titel über 500 und Platz zwei über 1 500 m musste die frisch gebackene «Eisschnellläuferin des Jahres» über 1 000 m mit Platz drei hinter Sabine Völker (Erfurt) vorlieb nehmen. Auf der Kurzdistanz hatte sie in 38,72 und 38,71 Sekunden überzeugt. «Ich will in diesem Jahr unbedingt meine drei WM-Titel auf den Sprintstrecken verteidigen. Da habe ich viel zu verlieren», meinte die Top-Sprinterin aus Berlin.
Den Doppel-Sieg verpasste auch ihr Vereinskamerad Michael Künzel. Nachdem er über 500 in 36,64 und 36,55 seinen neunten Titel gewonnen hatte, musste er sich am Sonntag dem Grefrather Christian Breuer beugen. In 1:12,47 Minuten dominierte der Mittelstrecken-Spezialist deutlich. Breuer, dessen niederländisches Privatteam Unit 4 sich Ende der Vorsaison aus dem Eisschnelllauf zurückgezogen hatte, war bereits tags zuvor über 1 500 m in 1:51,23 Minuten von keinem Gegner zu gefährden.
Auf den langen Strecken ist nach wie vor Frank Dittrich das Maß aller Dinge. Der Chemnitzer drückte am Sonntag in 13:46,87 Minuten über 10 000 m den Bahnrekord gleich um fast zehn Sekunden und erkämpfte damit seinen neunten nationalen Titel. Bereits zum Auftakt am Freitag war ihm auch der Erfolg über 5 000 m geglückt.
Ergebnisübersicht der deutschen Einzelstrecken-Meisterschaften:
Damen:
500 m, Endstand nach zwei Rennen: 1. Monique Garbrecht-Enfeldt (Berlin) 77,43 Punkte (38,71 Sekunden/ 38,72 Sekunden), 2. Sabine Völker (Erfurt) 78,39 (39,18/39,21), 3. Anni Friesinger (Inzell) 79,25 (39,63/39,62), 4. Marion Wohlrab (Pfaffenhofen) 80,53 (39,98/40,55), 5. Christina Zummack (Berlin) 80,64 (40,20/40,44), 6. Jenny Wolf (Berlin) 81,02 (40,47/40,55)
1 000 m: 1. Anni Friesinger (Inzell) 1:17,49 Minuten, 2. Sabine Völker (Erfurt) 1:18,28, 3. Monique Garbrecht-Enfeldt (Berlin) 1:18,43, 4. Marion Wohlrab (Pfaffenhofen) 1:19,79, 5. Gunda Niemann-Stirnemann (Erfurt) 1:20,57, 6. Heike Hartmann (Erfurt) 1:21,06
1 500 m: 1. Anni Friesinger (Inzell) 1:58,51 Minuten (Bahnrekord), 2. Monique Garbrecht-Enfeldt (Berlin) 2:00,73, 3. Gunda Niemann-Stirnemann (Erfurt) 2:00,75, 4. Sabine Völker (Erfurt) 2:01,34, 5. Claudia Pechstein (Berlin) 2:01,80, 6. Marion Wohlrab (Pfaffenhofen) 2:03,90
5 000 m: 1. Claudia Irrgang (Chemnitz) 7:31,69 Minuten, 2. Lucille Opitz (Berlin) 7:32,24, 3. Nadja Gipser (Erfurt) 7:40,23
Herren:
500 m, Endstand nach zwei Rennen: 1. Michael Künzel (Berlin) 73,19 (36,55/36,64), 2. Jan Waterstradt (Berlin) 74,35 (37,27/37,08), 3. Andreas Behr (Erfurt) 74,74 (36,85/37,89), 4. Georg Taubenrauch (Erfurt) 75,67 (37,84/37,83), 5. Marian Thoms (Berlin) 75,78 (37,65/38,13), 6. Jörg Dallmann (Erfurt) 76,06 (37,83/38,23)
1 500 m: 1. Christian Breuer (Grefrath) 1:51,23, 2. Jörg Dallmann (Erfurt) 1:53,66, 3. Uwe Tonat (Inzell) 1:54,01, 4. Alexander Baumgärtel (Berlin) 1:54,17, 5. Jan Friesinger (Inzell) 1:54,50, 6. Oliver Arlt (Berlin) 1:54,59
1 000 m: 1. Christian Breuer (Grefrath) 1:12,47, 2. Michael Künzel (Berlin) 1:13,23, 3. Andreas Behr (Erfurt) 1:14,02, 4. Jan Waterstradt (Berlin) 1:14,58, 5. Sven Joesten (Berlin) 1:15,17, 6. Stefan Heythausen (Grefrath) 1:15,25
10 000 m: 1. Frank Dittrich (Chemnitz) 13:46,87 (Bahnrekord), 2. Knut Morgenstern (Chemnitz) 13:58,57, 3. Jens Boden (Dresden) 14:00,93, 4. Olaf Kotva (Inzell) 14:04,12, 5. Daniel Stahlkopf (Berlin) 14:24,00, 6. Andre Unterdörfel (Berlin) 14:26,60
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