Winzige Teilnehmerfelder und wenig Zuschauer: Anschub-WM: "Peinliche Veranstaltung"
zuletzt aktualisiert: 04.07.2004 - 11:28Leipzig (rpo). Die Anschub-WM in der einstigen Olympiabewerberstadt Leipzig war ein einziges Desaster. Selbst Weltmeisterin Kerstin Jürgens übte herbe Kritik. "Das war eine peinliche Veranstaltung, sowas habe ich noch nirgendwo erlebt."
"Keine Werbung, der schlechteste Platz in der ganzen Stadt und keine Ideen für das Umfeld. Das hätte jede Studententruppe besser organisiert", schimpfte die Skeletonfahrerin aus Königssee. Statt der von Leipzigs Sportbürgermeister Holger Tschense vollmundig angekündigten 20.000 Zuschauer kamen an zwei Tagen höchstens 1000 Leute an die lieblos abseits auf einem Parkplatz aufgebaute Metallschienen-Strecke. "Die meisten haben bestimmt gedacht, das ist eine Baustelle", mutmaßte Jürgens. Diejenigen, die stehenblieben, erlebten winzige Teilnehmerfelder wie im Skeleton der Damen, wo Jürgens ihre einzige Konkurrentin Anja Huber mit 14 Hundertstelsekunden Vorsprung besiegte.
"Es ist mir schon ziemlich peinlich, dass ich gegen eine deutsche Konkurrentin fahre und Weltmeisterin genannt werde", sagte Jürgens. Bei der pompösen Siegerehrung mit Nationalhymne bekam die Championesse wider Willen vor 20 Zuschauern mit Regenschirmen einen goldenen Löwen und einen warmen Händedruck. "Die haben hier so viel für die Olympiabewerbung rausgeschmissen, da hätten sie uns wenigstens eine Prämie zahlen können", moserte Jürgens.
Preisgelder waren in dem hauptsächlich von der Stadt finanzierten Sparetat von 170.000 Euro auch für die Damenbob-Dritten Claudia Schramm/Stefanie Szczurek (Oberhof) nicht enthalten. Leipzig kämpft mit immer neuen Millionenlöchern im Haushalt und hat als Erbe des geplatzten Olympiatraums Minus-Veranstaltungen wie die Gewichtheber-EM, die WM im Bogenschießen und den Weltcup der Modernen Fünfkämpfer am Hals. Bei der Anschub-WM mussten sich die Teilnehmer an Biertischbänken im Freien umziehen, dazu tönte aus den Lautsprechern der Song "Ich bin chronisch pleite."
"Wir hätten uns schon gewünscht, etwas mehr im Mittelpunkt zu stehen. Aber mehr sage ich nicht, sonst kriege ich vom Weltverband eins auf Dach", meinte Christoph Langen vielsagend. Der Olympiasieger und Weltmeister war als einziger großer Winterstar am Start und gab mit mit Platz sechs im Zweier sowie einer Disqualifikation im Vierer einen Hinweis auf den sportlichen Wert der Veranstaltung. Der Weltverband FIBT macht sich nun Gedanken über die Zukunft der Anschub-WM. Georg Werth: "Das war schon enttäuschend. Es macht keinen Sinn, etwas zu organisieren, was die meisten nicht wollen."
Bob und Skeleton, Anschub-WM in Leipzig, Endstand nach drei Läufen:
Herren, Viererbob: 1. Ivo Danilevic/Milos Vesely/Roman Gomola/Jan Kobian (Tschechien) 15,25 Sekunden, 2. Nicolae Istrate/Adrian Duminicel/Flavius Trulescu/Paul Munetan (Rumänien) 15,28, 3. Alex Gorlatschew/Alexei Seliwerstow/Philippe Jegorow/Igor Bolberkin (Russland) 15,36, ... Thomas Florschütz/Markus Hopf/Rene Tiefert/Sascha Schelter (Oberhof) und Christoph Langen/Christoph Heyder/Mirko Petzold/Alexander Metger (Unterhaching) disqualifiziert
Zweierbob: 1. Alexei Seliwerstow/Philippe Jegorow (Russland) 14,82, 2. Milos Vesely/Jan Kobian 15,22, 3. Winston Watt/Garnet Jones (Jamaika) 15,27, ... 6. Christoph Langen/Christoph Heyder (Unterhaching) 15,45, ... Thomas Florschütz/Rene Tiefert (Oberhof) disqualifiziert
Damen, Zweierbob: 1. Nicola Gautier/Jacqueline Davies (Großbritannien) 16,92, 2. Maria Spirescu/Viorica Tigau 16,99, 3. Chlaudia Schramm/Stefanie Szczurek (Oberhof) 17,21, 4. Sandra Prokoff/Berit Wiacker (Winterberg) 17,21
Skeleton, Herren: 1. Alexander Tretjakow 13,71, 2. Alexander Archipenko (Russland) 14,56, 3. Daniel Maechler (Schweiz) 14,81, 4. Frank Kleber (München) 15,04, 5. Michi Halilovic (Berchtesgaden) 15, 12
Damen: 1. Kerstin Jürgens (Königssee) 16,32, 2. Anja Huber 16, 46
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