Erfurter Dopingaffäre: Bach: "Schattenseiten des Sports"
zuletzt aktualisiert: 31.01.2012 - 16:21Düsseldorf (RPO). DOSB-Präsident Thomas Bach fordert im Zuge der Erfurter Dopingaffäre eine schnelle und lückenlose Aufklärung. "Wir haben in diesen Tagen die Nachricht erhalten, dass in Erfurt ein Arzt offensichtlich oder möglicherweise verbotene Dopingpraktiken an Sportlern angewendet hat. Wir vertrauen aber den zuständigen Behörden, dass der Fall zügig aufgeklärt wird und die NADA genügend Informationen bekommt, um so schnell wie möglich reinen Tisch zu machen und alles auf den Tisch zu legen. Dann können entsprechende Sanktionen folgen", sagte Bach beim Neujahrsempfang des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) in Frankfurt/Main.
Der DOSB-Präsident äußerte sich trotz des aktuell laufenden Verfahrens gegen den Erfurter Sportmediziner Andreas Franke überraschend offen zu den möglichen Dopingfällen. "Das sind die Schattenseiten des Sports. Für den DOSB und den Sport kommt es jetzt darauf an, das sportärztliche Betreuungssystem zu verbessern. Zudem ist die Anwendung von verbotenen Dopingpraktiken durch einen Arzt nicht mit dem beruflichen Ethos vereinbar. Wir müssen schauen, wie wir proaktiv gegen solche Entwicklungen steuern können, damit wir in Zukunft solche Dinge ausschließen können", sagte Bach.
Die Nationale Anti Doping Agentur (NADA) erwägt die Einleitung weiterer Verfahren. Betroffen von der Affäre sind insgesamt 30 Sportler. Namen wurden bislang nicht offiziell genannt. Andreas Franke, der am Olympiastützpunkt Erfurt Vertragsarzt ist, wird vorgeworfen, Sportlern Blut entnommen, dieses einer UV-Behandlung unterzogen und anschließend den Athleten wieder zugeführt zu haben. Im Code der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) ist die Abnahme, Bestrahlung und Rückführung von Eigenblut seit dem 1. Januar 2011 verboten.
Franke drohen drei Jahre Haft
Franke wehrt sich gegen den Vorwurf des Dopings. Er habe ausschließlich Reinjektionen von Blut in kleinen Mengen und zum Zwecke der Behandlung von Infektionen durchgeführt. Ihm droht eine Geldstrafe bzw. eine Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren. Bei einer Durchsuchung bei Franke war im April 2011 nach Angaben der Staatsanwaltschaft "ein Haufen Beweismittel" gesichert worden.
Unterdessen hat Prof. Wilhelm Schänzer die Wirksamkeit einer UV-Behandlung mit geringen Blutmengen bestritten. "Wenn man das nur mit 50 Millilitern durchführt, hat das keinen leistungssteigernden Effekt", sagte der Leiter des Kölner Instituts für Biochemie dem Sport-Informations-Dienst (SID). "Aber", so der Dopingjäger weiter, "macht man das mehrmals am Tag oder mehrere Tage hintereinander? Das wäre schon etwas anderes."
Einen Dopingeffekt könne diese Methode laut Schänzer nur dann haben, wenn sie kurz vor einem Wettkampf und mit größeren Mengen durchgeführt würde. Der Biochemiker verwies jedoch auf eine interessante Wirkung der UV-Behandlung des Blutes. Dadurch würde der Retikulozytenwert gesenkt. Retikulozyten sind die Vorgängerzellen der roten Blutkörperchen, die für den Sauerstofftransport zuständig sind. Die Zahl der Retikulozyten erhöht sich bei Blutdoping, was zu einer möglicherweise gefährlichen Verdickung des Blutes führen kann.
Daher ist im Sport ein Grenzwert für Retikulozyten (2,4 Prozent) eingeführt worden. Ist dieser überschritten, wird der Athlet mit einer Schutzsperre belegt. Laut den WADA-Ausführungsbestimmungen gelten erhöhte Retikulozyten allein aber nicht als zwingendes Kriterium für Blutdoping mit Epo.
Rückendeckung für Kittel
Der deutsche Radprofi Marcel Kittel ist derweil von seinem Rennstall Project-1t4i gestützt worden. Der Arnstädter war in Zusammenhang mit den Erfurter Ermittlungen gebracht worden. "Marcel Kittel steht nicht unter Verdacht, gegen die Anti-Doping-Regeln verstoßen zu haben. Er ist ebenfalls kein Verdächtiger in den Untersuchungen", teilte das Team mit. Kittel habe den Arzt in 2007 und 2008 bei Krankheit aufgesucht, da er als Sportler aus der Region unter Obhut dieses Olympiastützpunktes gefallen sei.
Weil Kittel "an einer Infektionskrankheit" litt, habe er damals die UV-Behandlung an Eigenblut erhalten. Seit 2008 sei die Behandlung nicht mehr erfolgt. Der Arzt sei der "offizielle Ansprechpartner" gewesen. Dies habe auch für Kittels Teamkollegen Patrick Gretsch (Erfurt) und John Degenkolb (Gera) gegolten, die den Arzt ebenfalls bei Erkrankungen aufgesucht hätten, da sie dem Stützpunkt Erfurt ebenso angehörten. Gretsch habe sich wie Kittel wegen einer "Infektionskrankheit" der UV-Behandlung unterzogen. Das sei 2010 geschehen. Degenkolb dagegen habe die Behandlung "nie erhalten".
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