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Bundestrainer Chris Fleming
Diktator mit Herz

Porträt: Chris Fleming: Vom Meistermacher zum Bundestrainer
Porträt: Chris Fleming: Vom Meistermacher zum Bundestrainer FOTO: dpa, ebe
Berlin. Basketball-Bundestrainer Chris Fleming soll in der Nationalmannschaft einen Generationenwechsel einleiten. Von Eckhard Czekalla

Lange, bevor die Spieler in die Halle kommen, ist Chris Fleming mit seinen drei Assistenten schon da. Der Ablauf wird noch mal durchgesprochen, letzte Details werden festgelegt. "Es macht einfach Spaß, beim Training zuzuschauen", sagt Ingo Weiß. Seit 1. Dezember 2014 arbeitet der US-Amerikaner als Bundestrainer beim Deutschen Basketball-Bund (DBB), an dessen Spitze Weiß steht. Die EM ist sein erster Job als Nationaltrainer. Auf Vereinsebene hat der 45-Jährige in Quakenbrück, wo er mit seiner Familie lebt, und Bamberg perfekte Arbeit abgeliefert. Nun soll er auch mit den besten deutschen Profis für Erfolge sorgen und dabei einen Generationenwechsel einleiten.

Heute im dritten Vorrundenspiel in Berlin (17.45 Uhr/Liveblog) ist ein Erfolg Pflicht, soll Platz drei und eine günstigere Ausgangsposition fürs Achtelfinale erreicht werden. Gegner Türkei hat mit dem Sieg gegen Italien vorgelegt. Heute muss die DBB-Auswahl nachziehen, morgen dann gegen die Südeuropäer möglichst ebenfalls gewinnen.

"Wir haben das Spiel schnell hinter uns gebracht", sagt Fleming mit Blick auf das 66:68 am Sonntag in letzter Sekunde gegen den WM-Zweiten Serbien. "Er ist ein sehr guter Trainer. Er weiß, wie er mit uns sprechen muss", erzählt Dennis Schröder. Der 21-Jährige steht für die Zukunft, der 16 Jahre ältere Dirk Nowitzki für die Gegenwart. DBB-Chef Weiß spricht von einem "unglaublich guten Verhältnis", das Fleming zu den Spielern hat. "Da ist er hier und da mal nett und lässt vieles laufen. Es sind ja alles keine Kinder mehr. Sie wissen, worum es geht", erläutert Weiß. Aber in den entscheidenden Momenten wird der Chefcoach zum Diktator und legt den Weg fest, der gegangen wird.

Im Verein werden Profis gesucht, die zum System des Trainers passen. Jetzt arbeitet Fleming mit Spielern, die Potenzial besitzen und für die er das passende System finden musste. Und das innerhalb von sechs Wochen. Im Gespräch ist er nachdenklich, nimmt sich schon mal Pausen. Im Spiel kommt Leben in den Körper. Das erfährt dann auch ein NBA-Profi wie Dennis Schröder, der sich schon mal ein paar Takte anhören muss.

Fleming spricht viel, während der Begegnungen auf Englisch. "Die Spieler sind es in der Liga gewohnt. Und der Trainer kann sich so am besten ausdrücken", sagt der Brillenträger lächelnd. Einer wie Dirk Nowitzki ist eine große Hilfe. Der Superstar, der keine Egotrips kennt, führt die Auswahl, auch wenn Schröder das Spiel lenken soll. "Natürlich tauscht sich Chris mit Dirk aus. Aber er spricht auch etwa mit Johannes Voigtmann, er nimmt jeden zur Seite und sagt, was besser gemacht werden kann", erzählt Weiß. Überrascht hat ihn, wie menschlich Fleming reagiert. "Jede Niederlage, aber auch jeder Sieg geht ihm unglaublich nahe. Dann denkt er darüber nach, wie und warum es so passierte", sagt Weiß.

In Bamberg, wo er große Erfolge feierte, erlitt Fleming auch eine bittere Niederlage. Nach sieben von acht möglichen Titeln wurde er im Mai 2014 beurlaubt, nachdem sein Team die Playoffs verpasst hatte. Sein Vertrag mit dem DBB läuft bis Ende 2016. "Dann werden wir uns zusammensetzen und sehen, wie es weitergeht", sagt Weiß. Nach der EM steigt Fleming als Assistenztrainer beim NBA-Klub Denver Nuggets ein. Für den DBB-Boss ist das kein Problem, im Gegenteil. "Man lernt doch immer dazu. Und letztlich profitieren wir dann auch davon."

Heute muss es Fleming wieder schaffen, ein Team aufs Feld zu schicken. Bei allem Talent der Spieler ist klar: Hier gewinnt kein Nowitzki, hier gewinnt kein Schröder. Allein als Mannschaft kann man erfolgreich sein. Das ist der Druck, dem er sich gerne stellt.

Quelle: RP
 
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