Tennis: Comeback vertrieb Zuschauer: Becker: "Ich brauche mehr Wettkämpfe"
zuletzt aktualisiert: 08.08.2001 - 11:58Cincinnati (rpo). Die große Zugnummer erwies sich doch eher als Luftnummer. 5.000 Zuschauer hatten den "Grandstand" auf der Tennis- Anlage in Cincinnati bis auf den letzten Rang gefüllt, um am Dienstag das Comeback des Jahres von Boris Becker hautnah mitzuerleben.
Als sich jedoch nach wenigen Minuten abzeichnete, dass der einstige Wimbledonsieger an der Seite von Goran Ivanisevic im Doppel gegen Jonas Björkman und Todd Woodbridge chancenlos war, strömten die Massen zum Center Court. Dort bezwang Patrick Rafter (Australien) in der ersten Runde des mit 2,95 Millionen Dollar dotierten Masters den Spanier Albert Portas mit 7:5, 6:3.
Nur noch 1.000 hart gesottene Fans trotzten der sengenden Hitze und erlebten nach 67 Minuten den Matchball zur 3:6, 2:6-Niederlage der deutsch-kroatischen Freunde gegen das an Nummer eins gesetzte schwedisch-australische Duo. "Der Anfang war schwer. Es wird viel schneller gespielt. Um richtig stark zu sein, brauche ich mehr Wettkämpfe", erkannte Becker und räumte ein: "Es ist natürlich etwas anderes, ob ich zu Hause trainiere oder aber vor tausenden Zuschauern gegen das beste Doppel der Welt spiele." Nach zwanzig Minuten habe er sich aber gefangen und gutes Tennis gezeigt, befand der 33-Jährige, der sich trotz der deutlichen Niederlage den Spaß und die Freude an der Rückkehr auf die ATP-Tour nach seiner 761-tägigen Auszeit nicht nehmen ließ.
Enttäuscht verfolgte indes Thomas Haas den Neueinstieg seines früheren Idols. "Es ist traurig, dass Boris nicht gefragt hat, ob ich mit ihm spielen möchte. Ich wäre gern noch einmal mit ihm im Doppel angetreten", erklärte der Hamburger. Dass Becker wieder das Racket schwingt, empfindet er als Balsam für dessen geschundene Seele. "Das wird ihn von seinen privaten Problemen ablenken", glaubt Haas, der vor dem Becker-Auftritt sein Erstrunden-Spiel gegen Chris Woodruff (USA) mit 6:4, 6:2 ebenso sicher gewann wie Nicolas Kiefer (Holzminden). Der Zweite noch im Turnier stehende deutsche Profi setzte sich gegen Titelverteidiger Thomas Enquist (Schweden) mit 6:4, 6:0 durch.
Bei einigen Returns und Aufschlägen ließ Becker, der vor zehn Wochen mit dem gezielten Training begonnen hatte, sein einstiges Können aufblitzen. Gelegentlich machte der in klassischem Weiß mit ungewohnten Bermuda-Shorts und unrasiert angetretene Leimener auch seine Mätzchen mit dem Publikum. Für den ehemaligen Weltranglisten- Ersten, der seit seinem letzten Profi-Match am 7. Juli 1999 in Wimbledon im privaten und beruflichen Leben kaum positive Schlagzeilen produzierte, sei es ein wundervoller Nachmittag gewesen.
Becker hatte ohnehin nicht geglaubt, dass sie weiterkommen würden. Dafür bot Ivanisevic, der sich am Jahresende an der Schulter operieren lassen möchte, auch eine zu schwache Vorstellung, wie der 29-jährige selber einräumte. "Ich möchte mich entschuldigen und es tut mir Leid, dass ich beim Comeback von Boris so schlecht gespielt habe. Doch ich habe mich nicht gut gefühlt", warb der vor zwei Wochen von Becker als Doppelpartner geworbene Ivanisevic um Nachsicht.
Trotz allen Ehrgeizes steht für Becker im Vordergrund, "dass meine Knochen halten". Zugleich widersprach er der Auffassung, dass er auf dem Court am besten von seinen Problemen abschalten könne. "Das kann ich am besten, wenn ich schlafe", entgegnete Becker etwas vergrätzt und verbat sich weitere Fragen über das Tennisspielen hinaus.
Erwartungsvoll fiebere er nun den kommenden Wochen entgegen. Ab 15. August wird er in Graz drei Schaukämpfe bestreiten. Am 8. September trifft er bei den US Open in New York auf John McEnroe. Am 15. und 16. September tritt er in Verona an. Am ersten Tag des Einladungsturniers fordert ihn der Schweizer Jungstar Roger Federer heraus. "Wir werden nicht mehr so schnell sein, dafür werden wir aber viel Humor mit auf den Court bringen", versicherte Becker.
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