"Comeback zurück in ein Leben, das ich kenne": Boris Becker auf Senioren-Tour
zuletzt aktualisiert: 17.08.2001 - 15:56Graz (rpo). Boris Becker lässt sich von der Oberschenkel-Zerrung, die er sich beim Spiel gegen Björn Borg zugezogen hat, nicht aufhalten. "Ich kann mir vorstellen 10 bis 12 Turniere im Jahr zu spielen, im Einzel oder Doppel, nur an schönen Orten. Ich werde in Zukunft ein fester Bestandteil der Senioren-Tour sein", sagt Becker.
In einem gecharterten Privatjet flog er dann am Freitag zu seinem Münchner Leibarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt. Nach einer dreistündigen Behandlung, bei der einer Oberschenkelverhärtung diagnostiziert wurde, flog er zurück in die Steiermark und plant nun gegen Pat Cash am Samstag den nächsten Versuch.
Gegen den schwedischen Jahrhundert-Sportler Borg konnte er den 4 000 Zuschauern auf dem ausverkauften Center-Court noch nicht die erhoffte Show bieten. Dennoch scheint Becker, der bereits weitere Events am 8. September bei den US-Open gegen John Mc Enroe und in Verona (14., 15. 16. September) gegen den Weltranglisten-Achten Roger Federer fest geplant hat, mit neuer Bekleidungskollektion und anderem Spielgerät "runderneuert" einen dauerhaften Ausflug in die Vergangenheit zu planen. "Mein Comeback ist ein Schritt zurück in ein Leben, das ich kenne", sagte der dreifache Wimbledonsieger, bevor er davonhumpelte.
Wie ernst es dem Leimener mit dem Dasein unter den alten Weggefährten ist, offenbarte Vor- und Nachbereitung des Matches gegen den fünffachen Wimbledon-Sieger aus Skandinavien. Mit seinem alten "Kampfgewicht" präsentierte sich der "Rote Baron" und hatte extra Zigarillos und Parties im Vorfeld abgeschworen. Gleich nach dem Auftritt bat er Müller-Wohlfahrt um einen Termin, um bloß keine Zeit bei der Rehablitation zu verlieren.
Vor dem Match sei er gar "angespannter als normal" gewesen. "Die rechte Seite im Rücken hat gezogen". Ein Wärmepflaster sollte den Schmerz lindern, doch habe er sich insgesamt nicht ganz fit gefühlt, meinte Becker. Dazu komme, dass Training und Match "zwei verschiedene Paar Schuhe" seien. Selbst wenn es nur gegen den Tennis-Rentner Björn Borg geht, immerhin noch einmal 12 Jahre älter als er selbst.
Betrachtete er die Veteranen-Auftritte früher mit Distanz, so brach Becker nun eine Lanze für weitere Duelle: "Ich werde auch versuchen, Thomas Muster und Stefan Edberg zu überreden. Ich möchte auch, dass Michael Stich spielt. Ich befürchte, dass Borg, Mc Enroe und Connors nicht mehr lange spielen werden." In Anlehnung an die amerikanische Golftour, bei der sich die Stars von gestern neben ihren Senioren-Turnieren auch noch bisweilen mit den Aktiven messen, forderte Becker, dass "wir Älteren öfter auf der ATP-Tour bei den Jüngeren mitspielen dürfen". Doch wollte Becker dies (noch) nicht als Teilrückkehr in das große Tennis verstanden wissen. Form und Wohlbefinden in den nächsten Monaten werden erst weiteren Aufschluss geben. Alle Optionen offen halten - das bleibt sein Motto.
Doch wurde in jedem Fall deutlich, dass der Wahl-Münchner seine Zukunft nach mehreren missglückten Versuchen im Nadelstreif wieder in kurzen Hosen sucht. Auch aus kommerziellen Gründen. Als Teilnehmer eines neuen Formats, das Lifestyle, Entertainment, Wirtschaft und Sport zusammenbringen soll, wird bereits in Verona das Becker- Gastspiel gegen Federer von klassischer Musik umrahmt.
Auch in Graz wurde deutlich, dass die Galionsfigur des deutschen Tennis durch seine private Eskapaden in der Vergangenheit zwar am eigenen Mythos gekratzt, ihn aber nicht zerstört hat. Gegen Borg umringten den sechsfachen Grand-Slam-Sieger 50 Fotografen, als er den Platz betrat. Niemand kümmerte sich zunächst um den elffachen Gewinner Borg. Dies blieb auch bei der Pressekonferenz so, die sich nach dem Becker-Auftritt leerte. In jedem Fall wird der Leimener nach Graz zurückkehren. Selbst wenn er nicht mehr in seinen Rundenspielen zum Schläger greifen kann, sollen zumindest Veranstalter und Sponsoren bedient werden.
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