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  Foto: afp, PATRIK STOLLARZ
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Borussia Mönchengladbach: De Camargo bleibt ein Borussia-Held

VON KARSTEN KELLERMANN - zuletzt aktualisiert: 26.01.2013

Mönchengladbach (RPO). Igor de Camargo spielt vorerst keine Rolle mehr. Doch er war es, der durch seine Treffer Borussia in ungeahnte Höhen schoss. Wir erinnern an seine wichtigsten Tore.

Es gibt diesen herzergreifenden Kinospot, in dem Igor de Camargo der Hauptdarsteller ist. Der Stürmer steht vor einem Spiegel, und die Kamera ist ganz nah dran an seinem Gesicht, so nah, dass man jede Pore erkennen kann. Er schaut entschlossen drein. "Wenn du in den Spiegel schaust, siehst du, dass du eine Aufgabe hast", sagt eine Stimme aus dem Off. De Camargo schließt die Augen, wie einer, der sich erinnert. Dann gibt es in Zeitlupe die Bilder aus dem Borussia-Park jenes Moments, in dem de Camargo seinen Namen für immer ins Geschichtsbuch des Vereins gemeißelt hat.

"...dass du ein Borusse bist"

Sie treiben wohlige Schauer über den Rücken des Betrachters. Dann wieder de Camargos Gesicht. Schweißperlen kullern über seine Wangen, und er lächelt das Lächeln eines Helden. Dieser Mann ist zufrieden mit sich und der Welt, das sagt das Lächeln. "Dann weißt du, dass du ein Borusse bist", sagt die Stimme aus dem Off. Es war am 19. Mai 2011, als Igor de Camargo ein Tor schoss, das ewig unvergessen bleiben wird in Mönchengladbach.

Das Relegationsspiel gegen den VfL Bochum war fast schon vorbei, es stand 0:0. Nicht, dass mit diesem Ergebnis Borussias dritter Abstieg besiegelt gewesen wäre, doch wäre die Gefahr groß gewesen, im zweiten Spiel in der Traurigkeit zu versinken. Nichts von dem, was seither passierte, wäre möglich geworden, wenn alles anders gekommen wäre. Natürlich, es hätte auch jeder andere sein können, der dieses Tor schießt, doch es war eben Igor de Camargo, der den Ball, der durch den Strafraum flipperte, mit seinem seltsamen Außenrist-Hacke-Schuss hineinbeförderte ins Bochumer Tor. 1:0, der Sieg Sekunden vor Ultimo.

Spannender als jeder Thriller

Es war ein magischer Augenblick, das Stadion explodierte schier, nie zuvor gab es einen emotionaleren Moment in der Arena, und so schnell wird ein solcher auch nicht mehr passieren. Es passt, dass diese Sequenz es auf die Kinoleinwand geschafft hat, denn Hollywood, die Traumfabrik, hätte sich die Geschichte nicht besser ausdenken können. Kein Drama könnte mehr rühren, kein Thriller mehr an den Nerven zerren, keine Liebesgeschichte größere Gefühle wecken. De Camargo, der Eingewechselte, wurde zum Erlöser. In dem berstenden Jubel, den sein Tor auslöste, wurden all die Gefühle frei, die sich in den Monaten zuvor beim Kampf auf "Leben und Tod", wie Trainer Lucien Favre sagte, aufgebaut hatten.

Borussia und ihre Fans schmolzen zusammen zu einer Einheit, vergessen waren all das Ungemach, all der Frust, alle Wut, die der Absturz in dieser Saison und die vielen unerfüllten Hoffnungen in den Jahren zuvor hatten erwachsen lassen. Beim zweiten Spiel in Bochum, am 25. Mai, vollendete Igor de Camargo sein Gesamtwerk, als er den Pass spielte, den Marco Reus zum 1:1 nutzte. De Camargo kann die wichtigen Tore. Egal, wer seine Treffer für Gladbach – 18 sind es insgesamt – zu einem Best-of zusammenschneidet, der Treffer gegen Bochum wird ganz sicher die Nummer eins sein. Es ist eines dieser Tore, über das die Fans noch in vielen Jahren sagen werden: Weißt du noch, was du getan hast, als Igor de Camargo das Tor gegen Bochum schoss?

Die folgenden Plätze der Top fünf der wichtigen Igor-de-Camargo-Tore mag jeder nach eigenem Gusto einsortieren:

30. Januar 2011: Igor de Camargo trifft sechs Minuten vor Schluss zum 1:0-Erfolg in Frankfurt. Damit riss er die Eintracht in den Abstiegsstrudel – ohne diese drei Punkte hätte es Borussia wohl nicht geschafft, die Hessen letztlich noch hinter sich zu lassen und in der Relegation eine zweite Chance zu kriegen.

7. August 2011: Igor de Camargo trifft zum 1:0-Sieg beim FC Bayern München, dem zweiten Gladbacher Erfolg in München überhaupt. Mit diesem Sieg, sagten später Lucien Favre und Sportdirektor Max Eberl, bekam Borussia den nötigen Rückenwind für den kometenhaften Aufstieg vom Fast-Absteiger zum Champions-League-Qualifikanten.

17. März 2012: Igor de Camargo trifft kurz vor Schluss zum 2:1-Erfolg bei Bayer Leverkusen. Lucien Favre, sonst ein stiller Genießer, rennt wie besessen quer über den Rasen der Bay-Arena, um den Torschützen zu herzen. Der Trainer weiß: Mit diesem Sieg beim direkten Konkurrenten hat Borussia den Weg mindestens in die Qualifikation zur Meisterliga gesichert und wird nach 16 Jahren zurückkehren auf die europäische Bühne.

22. November 2012: Igor de Camargo, mal wieder eingewechselt, trifft beim 2:0 im Europa-League- Spiel gegen Limassol doppelt. Weil im Spiel zuvor Juan Arango das 2:2 in Marseille geschossen hat und zeitgleich zum Sieg der Gladbacher gegen Limassol Istanbul in Marseille gewinnt, ist klar: Borussia hat die nächste Runde erreicht.

Viele Tore, die Borussia und ihre Fans extrem glücklich gemacht haben, hat de Camargo erzielt – und doch ist er ein tragischer Held. Als er kam aus Lüttich, kam er als Star. Vier Millionen Euro zahlte Borussia und er bekam die Nummer 10. Ein Brasilianer mit der 10 – das fühlte sich sehr nach Zauberfußball an. De Camargo lernte schnell deutsch, er war stets sympathisch – doch bis tief in die Herzen der Fans hat er es trotz allem nicht geschafft.

Oft als Joker erfolgreich

Irgendwie haben sich die Menschen immer auch an ihm gerieben. Als er beim Pokalviertelfinale in Berlin im Hertha- Strafraum fiel und es den vorentscheidenden Elfmeter gab, entbrannte danach eine Moraldebatte, in deren Zentrum der Fall de Camargos stand. Und auch sonst haben sich viele nie mit seinem Spiel angefreundet, zudem war er mehr als ihm lieb war, Ergänzungsspieler – weswegen er seine wichtigen Tore oft als Joker schoss.

So bleibt das Heldenepos des Igor de Camargo unvollendet, inzwischen ist kein Platz mehr für ihn im Borussen-Team. Doch wo immer es den Brasilianer mit dem belgischen Pass hinverschlagen wird in seiner Karriere, er wird auf gewisse Weise immer ein Borusse bleiben. Denn er hat Geschichte geschrieben in Mönchengladbach – und die Basis für eine schöne neue Zukunft gelegt.

Quelle: seeg

 
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