Borussia Mönchengladbach: Mein allererstes Borussentrikot
VON SEBASTIAN DALKOWSKI - zuletzt aktualisiert: 26.01.2013Mönchengladbach (RPO). Seit fast 25 Jahren schon hält unser Autor zu Borussia Mönchengladbach. Doch erst jetzt hat er sich sein erstes Trikot seines Lieblingsvereins gekauft. Der Grund ist der Mann, der aus 50 Metern einen Bierdeckel trifft: Juan Arango.
Das Kleidungsstück, das dem Zauberer gehört, trägt einen Namen ohne einen Funken Magie. "Jersey Away BM 12 Graph/Neon G" steht auf dem Etikett, das an dem Trikot baumelt, mit dem ich mich in die Umkleidekabine des Fanshops verziehe. Doch das ist nicht einfach ein Jersey Away Blablabla. Es ist das Trikot mit der Rückennummer 18. Es ist das Trikot vom Mittelfeldwahnsinn Juan Arango.
Das schwarz-grüne Auswärtstrikot, weil man auf dem Heimtrikot jeden Fleck sieht, aber kein Design. Und es ist das erste, das ich mir von jenem Verein zulege, zu dem ich seit meinem siebten Lebensjahr halte. Von dem ich Schals besitze, Mützen, Wimpel, Autogramme, aber eben bisher kein Trikot. Obwohl es genau das Stück Stoff ist, mit dem ein Fan am deutlichsten seine Verbundenheit zu seinem Verein ausdrückt. Ich weiß, ich habe nun zwei Dinge zu erklären: Warum ich mir bisher kein Trikot gekauft habe und warum ich mir gerade jetzt eines, das mit dem Namen von Juan Arango, kaufe.
Nicht immer schön
Für das erste gibt es ein paar ganz banale Gründe. Fußball-Trikots sind teuer. Sehr teuer für etwas, das meist nur eine Saison aktuell ist, damit sich die Fans in der nächsten das neue Trikot kaufen. Fußballtrikots sind auch nicht immer schön. Das Retro-Trikot, das so viele begeisterte, fand ich albern. Die Zeiten von Maxdata vergessen wir lieber ganz schnell, das waren Säcke, keine Trikots. Mit dem Kyocera-Outfit hätte ich mich in ein Zebra verwandelt. Und das Postbank-Logo ist auch nicht unbedingt ein Kaufargument für mich.
Der wichtigste Grund aber war ein anderer: Es fehlten die Persönlichkeiten, deren Namen ich mit voller Überzeugung auf dem Rücken tragen wollte. Es ist nicht so, dass Gladbach in den vergangenen 20 Jahren keine Persönlichkeiten unter Vertrag hatte. Viele davon aber fielen für mich schon deshalb weg, weil sie in der Defensive spielten. Vor Verteidigern habe ich Respekt, aber ich bewundere sie nicht. Dafür treten sie einfach zu unspektakulär auf. Sorry, Filip Daems. Sorry, Patrik Andersson.
Berufsschüler Reus
Doch auch die großen Offensivspieler kamen aus verschiedenen Gründen nicht infrage. Heiko Herrlich besaß die Frechheit, zu Borussia Dortmund zu wechseln. Sebastian Deisler wurde in einer Saison zum Star, in der Gladbach bis auf ihn kollektiv versagte. Da fehlte mir die Lust, ein Trikot zu kaufen. Marco Reus, der größte Star, den Gladbach in den vergangenen 25 Jahren hatte, schoss zwar beeindruckende Tore. Aber erstens war er jünger als ich und wirkte außerhalb des Platzes wie ein Berufsschüler im ersten Jahr. Zweitens kam er mir wie all die anderen jungen Spieler immer etwas zu glatt und eifrig vor: "Guck mal Trainer, was ich Tolles mit dem Ball anstellen kann." Damit ich Leute bewundere, müssen sie mehr können, als herausragend Fußball zu spielen.
Der Einzige, der mir in der Vergangenheit geeignet erschien, war Stefan Effenberg. Aber von dem besaß bereits mein zwei Jahre jüngerer Bruder ein Trikot. Ich sah mich damals nicht in der Lage, dasselbe Trikot wie mein zwei Jahre jüngerer Bruder zu tragen. Wir waren ja keine Zwillinge. Und dann kam Arango. Juan Fernando Arango Sáenz. Ich gebe zu, bis zu dieser Saison habe ich ihn zwar wahrgenommen, aber immer nur im Schatten von Marco Reus. In dieser Hinrunde aber konnte ich ihn gar nicht mehr übersehen. Mönchengladbachs Mannschaft bestand aus Juan Arango plus zehn Spieler, die Lucien Favre auch noch hatte aufstellen müssen. Das Flattertor gegen Frankfurt. Das Freistoßtor gegen Hannover. Das Volleytor gegen Wolfsburg. Das 44-Meter-Tor gegen Mainz.
Bei jedem dieser Tore standen die Chancen eins zu einer Million, dass sie gelangen. Ihm gelangen sie. Und Borussia holte die Punkte. Dabei schießt Arango keine Tore, um ein Spiel zu entscheiden. Dass er damit auch Spiele entscheidet, sichert ihm bloß den angemessenen Jubel. Er schießt Tore, um zu zeigen, was mit dem Ball möglich ist. Leg' einen Bierdeckel auf die andere Seite des Platzes, und Arango trifft ihn. Er ist niemand, der im gegnerischen Fünf-Meter-Raum den Fuß hinhält oder einen Abstauber versenkt. Das ist so, als würde man Günter Grass bitten, einen Groschenroman zu schreiben.
"Chiller" Arango
Wenn Arango trifft, dann wirkt das fast beiläufig. Als mache ihm das überhaupt keine Mühe. Wenn er trifft, rasten Mitspieler und Fans aus, er hingegen bleibt fast ruhig. Auf extravagante Jubelläufe verzichtet er. Dass er mal wieder ein Tor erzielt hat, ist nur an diesem Grinsen zu erkennen, das ihm auch in der südamerikanischen Unterwelt gut stehen würde. Nie sieht er gehetzt aus, immer ist da diese Gelassenheit, die haarscharf am Desinteresse vorbeischrammt. Es überrascht nicht, dass er der Fehlpasskönig der Liga ist. Der Alltag liegt ihm nicht. Große Kunst oder großer Mist. Dazwischen gibt es nichts. Er hebt die Füße gerade so hoch, dass er nicht stolpert. Wie bitte kann man kein Trikot von Juan Arango besitzen?
Ich schaue noch einmal auf die Rückennummer, die 18. Dann streife ich mir das Trikot über. Ich bin elektrisiert. 100 Prozent Polyester. Ich verlasse die Kabine. Mir ist klar, dass ich mich nicht in einen Menschen verwandelt habe, der aus 50 Metern einen Bierdeckel trifft, nur weil ich sein Trikot trage. Ich werde klein anfangen. Ich werde anfangen, geheimnisvoll zu grinsen.
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