Borussia Mönchengladbach: Vogts: "Rom ist ein 50:50-Spiel"
VON KARSTEN KELLERMANN AUFGEZEICHNET - zuletzt aktualisiert: 26.01.2013Mönchengladbach (RPO). Ex-Bundestrainer Berti Vogts analysiert Borussias Situation. Das sagt der VfL-Rekordspieler über...
...die Hinrunde
"Ich bin sehr positiv überrascht von dem, was die Borussen geleistet haben. Vor allem, wenn man bedenkt, dass einige wichtige Spieler nicht mehr da waren: Marco Reus, Dante und Roman Neustädter. Gerade Neustädter war sehr wichtig für die Balance im Team. Das zeigte sich auch daran, dass Lucien Favre viel ausprobiert hat auf der Position vor der Abwehr. In der letzten Phase der Hinrunde haben wir uns dann stabilisiert, weil defensiver gedacht wurde von Spielern wie Thorben Marx. Platz acht nach der Hinrunde ist völlig in Ordnung. Es hat sich gezeigt, dass die Zusammensetzung des Kaders passt. Es gibt Routiniers wie Martin Stranzl und Marx. Dass Stranzl bleibt, ist gut. Er ist eine Persönlichkeit und kann führen. Beide haben eine große Gelassenheit, das hilft dem Team."
...die nötige Geduld
"Dass Borussia schon immer wesentliche Spieler abgeben musste, ist bekannt. Wir waren und sind ein Ausbildungsverein. Das Geld muss man mitnehmen - und es wurde in meinen Augen gut investiert. Die Neuverpflichtungen gefallen mir. Natürlich muss Lucien Favre das Spiel umstellen, es sind andere Spielertypen als die, die gegangen sind. So etwas braucht Zeit. Erinnern Sie sich an Allan Simonsen. Hennes Weisweiler hat ihn nach sechs Monaten wieder nach Dänemark geschickt - und ihn später zurückgeholt. Was aus ihm wurde, ist bekannt. Auch Kevin Keegan brauchte mehr als eine Saison, bis er beim Hamburger SV glänzen konnte. Das zeigt, wie wichtig es manchmal ist, Geduld zu haben. Und man darf die Neuen sicher nicht nach den Ablösesummen bewerten."
Geboren am 30. Dezember 1946 in Büttgen
Vereine als Spieler VfR Büttgen (1954 bis 1965, Jugend), Borussia (1965 bis 1979)
Erfolge als Spieler Weltmeister 1974, Europameister 1972, Vize- Europameister 1976, UEFA-Pokalsieger 1975, 1979 Deutscher Meister 1970, 1971, 1975, 1976, 1977, Deutscher Pokalsieger 1973, Fußballer des Jahres in Deutschland 1971, 1979
Stationen als Trainer Deutschland U21 (1979 bis 1990), Deutschland (1990 bis 1998), Bayer Leverkusen (2000 bis 2001), Kuwait (2001 bis 2002), Schottland (2002 bis 2004), Nigeria (2007 bis 2008, Aserbaidschan (seit 2008)
Erfolg als Trainer Vize-Europameister 1992, Europameister 1996
...die Neuzugänge
"Luuk de Jong ist ein Stürmer, den man holen muss, wenn man ihn bekommen kann. Es war schade, dass er dann verletzt war. De Jong ist ein Reißer im Strafraum, er muss ins Zentrum, und da mit Bällen versorgt werden &emdash; dann wird er seine Tore machen. Alvaro Dominguez habe ich bei den Olympischen Spielen in London gesehen. Ich habe gleich Rainer Bonhof angerufen und ihm zu dieser Verpflichtung gratuliert. Alvaro ist ein eleganter Abwehrmann, ein typischer Defensivspieler aus Spanien. Er spielt kaum einmal Foul, geht geschickt in die Zweikämpfe und hat viel Übersicht. Eine klasse Verpflichtung. Dass er anfangs Probleme hatte, ist normal. Er hat ja kaum mit dem Team trainiert, weil er bei Olympia war. Granit Xhaka ist noch ein junger Spieler. Ich habe mit Ottmar Hitzfeld, dem Schweizer Nationaltrainer, über ihn gesprochen. Er schwärmt von Xhaka. Er kommt aber aus der Schweizer Liga, muss sich also an das Tempo in Deutschland gewöhnen. Wenn er nur die Hälfte von dem kann, was Hitzfeld sagt, wird Borussia noch viel Freude an Xhaka haben. Peniel Mlapa gefällt mir sehr gut. Er ist ein Zielspieler, er hat eine super Schnelligkeit."
...Marc-Andre ter Stegen
"In der vergangenen Saison war er für mich der beste Torwart der Liga. Jetzt hat er ein paar Fehler gemacht, sicher. Aber das gehört dazu bei einem jungen Torwart. Entscheidend ist, wie er damit umgeht. Hennes Weisweiler hat immer gesagt: Man darf Fehler machen, aber nicht zweimal den gleichen. Wenn es so ist, zeigt das, dass ein Spieler lernt. Das ist bei ter Stegen so. Für ihn ist es wichtig, sich in Ruhe in Gladbach zu entwickeln. Es ist für ihn der perfekte Klub."
...die Rückrunde
"Ich hoffe, dass die Borussen da weitermachen, wo sie in der Rückrunde aufgehört haben. In Hoffenheim war im ersten Spiel sicherlich mehr drin, aber die Gladbacher haben es ordentlich gemacht. Die Borussen müssen aber mit Rückschlägen weiter so positiv umgehen, wie bislang. Das haben sie gut gemacht – und auch die Doppelbelastung gut gemeistert. Die Mannschaft hat ein gutes Gerüst, es gibt viele junge Spieler mit Potenzial. Das ist für einen Trainer eine perfekte Situation. Ich traue den Borussen Platz fünf bis sieben zu – ein bisschen erwarte ich das von dem Team sogar. Der Kader müsste es hergeben. Doch selbst wenn Borussia Achter wird, aber eine tolle Rückrunde spielt, ist das auch okay. Man darf nicht den Fehler machen und die vergangene Saison als Maßstab nehmen. Da lief alles perfekt. Gut ist, dass der Verein inzwischen sehr geduldig ist – das war leider in den letzten Jahren nicht immer so. Dass es nun so ist, ist ein Verdienst von Lucien Favre und Sportdirektor Max Eberl."
...die Chancen gegen Rom
"Italienische Teams waren für uns immer schwer zu spielen, das zeigte sich zuletzt bei der WM. Aber für mich ist es ein 50:50-Spiel. Wenn Borussia das Heimspiel 1:0 gewinnt, muss Rom erst mal zwei Tore machen. Aber es gibt sicherlich leichtere Gegner, doch wir können Lazio schlagen. Die Mannschaft ist sehr ausgebufft, das ist sicher ein Vorteil für die Italiener – aber die eigene internationale Unerfahrenheit kann auch ein Vorteil für Borussia sein, weil sich die Spieler einfach über den deutschen Italien-Komplex nicht so viele Gedanken machen. Aufpassen muss man natürlich auf Miro Klose. Er ist immer für ein bis zwei Tore gut. Und er ist ein toller Typ. Mönchengladbach kann sich darauf freuen, Miro Klose live zu sehen."
...Lucien Favre
"Er ist ein Glücksfall für Borussia. Aber Borussia ist auch ein Glücksfall für Favre. Der Klub bietet ihm viel Qualität. Die Ruhe, die er in Gladbach hat, hatte er in Berlin nicht. Borussia und Favre haben sich gesucht und gefunden. Er kann junge Spieler entwickeln – und genau da ist Borussias Ansatz. Er braucht eine gewisse Zeit dafür – die bekommt er in Gladbach."
...den Weg der kleinen Schritte
"Das ist Borussia Mönchengladbach. Gladbach ist eine Kleinstadt, auch dazu passt der Ansatz. Und Borussia kann nicht 60 Millionen Euro für neue Spieler ausgeben. Die Spieler bekommen Zeit, um den Klub ans Ziel zu bringen. Das Ziel sollte natürlich sein, sich in den nächsten fünf Jahren immer weiter oben festzusetzen. Der Kader ist gut aufgestellt, er kann sich noch entwickeln. Natürlich muss man mit Rückschlägen rechnen. Aber es ist etwas dabei zu entstehen – das hat das Team schon gezeigt."
...den Fohlenelf-Faktor
"Ich glaube der Fohlenelf-Faktor liegt bei 50 Prozent. Der Klub hat sich wieder auf das besonnen, was ihn schon immer ausgemacht hat. Die Borussia-Philosophie wieder zu erkennen – und das nehmen auch die Fans wahr. Ob die Borussen allerdings schon bald das Zeug haben werden, Meisterschaften zu holen, wie die Original-Fohlenelf es getan hat, das bezweifele ich. Meister Dortmund und Rekordmeister Bayern sind sehr weit weg. Aber Borussia hat aufgeholt – und sie hat Potenzial für mehr."
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