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Ulli Wegner wird 75
Rastloser Titelmacher, Seelenmasseur und Kauz

Das ist Ulli Wegner
Das ist Ulli Wegner FOTO: dpa, Britta Pedersen
Hamburg. Boxen ohne Kulttrainer Ulli Wegner ist nicht vorstellbar. Reihenweise hat er Weltmeister produziert. Jetzt wird der Coach 75. Zu seinem Jubiläum arbeitet er. Kurz gefeiert wird aber auch: in Sofia.

Mit 75 Jahren züchtet man Rosen, ärgert sich über Pfeifgeräusche im Hörgerät und freut sich auf Volksmusiksendungen im Fernsehen. Für Ulli Wegner, den bekannten Boxtrainer, sind diese Vorstellungen Horror. Am Mittwoch wird er 75 Jahre alt. Aber mit Ruhestand und Müßiggang will der gebürtige Stettiner partout nichts zu tun haben. Wegner braucht Wirbel um sich, und vor allem braucht er Leute, denen er sagen kann, wo es langgeht. Und das schon seit 45 Jahren. Zu Hause klappt das nicht ganz so. Da hat seine sechs Jahre jüngere Ehefrau Margret das Kommando. "Aber meine Frau ist mein größtes Geschenk", schwärmt Wegner.

Der rastlose Trainer ist in seinem Universum, in dem die Fäuste fliegen, eine Institution, eine lebende Legende. "Er hat im deutschen Boxen für große Erfolge gesorgt", sagt Manager Wilfried Sauerland, der den früheren Amateurcoach 1996 zu den Profis holte. "Wir sind ihm sehr dankbar." Wegner machte Sven Ottke, Markus Beyer, Arthur Abraham, Marco Huck, Juan Pablo Hernandez, Cecilia Braekhus und Jack Culcay zu Weltmeistern.

Der diplomierte DDR-Sportlehrer wurde selbst zum Star. Unüberhörbar sein Markenzeichen: die kratzige Stimme. Unverzichtbar seine kauzigen Ansprachen in den Ringpausen, wenn er seine Schützlinge versucht zu motivieren. "Ich weiß, wie ich meine Pappenheimer nehmen muss", sagt Wegner. Der eine wird verbal gestreichelt, der andere beschimpft, der nächste provoziert. Zumeist klappt es und die Burschen machen, was der Trainer-Guru will.

"Ich kann in die Seele der Jungs gucken", meint der dreifache Vater. "Mir macht keiner was vor." Für Ex-Champion Sven Ottke war Wegner schlicht ein Diktator. Der Kulttrainer nimmt das Urteil als Anerkennung. "Im Leistungssport ist kein Platz für Demokratie. Ich bin der Bestimmer", lautet seine Lebensmaxime.

Schon vier Tage vor dem 75. Jubiläum sangen 6000 Box-Fans ein Ständchen für den Coach. Das war in der Erfurter Messehalle, wo er Arthur Abraham zum deutlichen Punktsieg über Robin Krasniqi aus dem Magdeburger SES-Stall führte. Im Anschluss war eigentlich Ostsee-Urlaub mit Geburtstagsparty geplant. Denkste! Wegner bereitet Kubrat Pulew auf einen WM-Ausscheidungskampf vor, der am nächsten Freitag in Bulgarien stattfindet. "Wir feiern ein bisschen in Sofia", erklärt Wegner. Seine Frau Margret und Freunde werden ihn begleiten.

Überhaupt steht Pulew für ein Thema, dass Wegner umtreibt. "Ich möchte einen Weltmeister im Schwergewicht haben. Das ist mein Wunsch", verrät er. Die Königsklasse im Boxen reizt ihn. Denn international liegt der Fokus auf dem höchsten Gewichtslimit. Ob der ehemalige Europameister Pulew ihm den Wunsch erfüllen kann, ist ungewiss.

Die Bedingungen von einst, als ARD und ZDF Boxställen stattliche Summen für TV-Verträge überwiesen, sind längst vorbei. Heute müssen sich Trainer immer häufiger von den Einnahmen ihrer Boxer bezahlen lassen. "Diese Entwicklung ist nicht gut", sagt Wegner. Der "Welt" gestand er nach dem Umzug der Sauerland-Zentrale von Berlin nach Hamburg: "So schwer wie jetzt hatte ich es noch nie."

Sein Vertrag bei Sauerland läuft bis Jahresende. "Vielleicht verlängern wir noch mal um ein halbes Jahr", sagte Wilfried Sauerland. Dem Grandseigneur des deutschen Boxen verriet er: "Irgendwann muss Schluss sein." Noch aber will der Trainer mit jungen Boxern im Berliner Gym arbeiten. Sauerland: "Ulli kann einfach nicht still sitzen."

(dpa)
 
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