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Boxen
Schindluder mit Schmeling

Chagaev vermöbelt Pianeta
Chagaev vermöbelt Pianeta FOTO: ap
Magdeburg/Düsseldorf. Immer wieder gaukeln TV-Sender aus Vermarktungsgründen vor, sie hätten einen legitimen Nachfolger der deutschen Box-Legende im Schwergewicht gefunden. Es sind meist allerdings nur traurige Gestalten. Von Gianni Costa

Heutzutage ist das mit Superlativen so eine Sache. Es gilt schon, so muss man den Eindruck gewinnen, als sporthistorisch besonders bemerkenswert, wenn jemand drei Mal hintereinander unfallfrei in den Ring gestiegen ist. Dem gebürtigen Italiener Francesco Pianeta ist das bravourös gelungen. Das ermutigte den Fernsehsender "Sat.1" offensichtlich darin, ihm die Rolle in einem besonderen Schauspiel zu geben. Pianeta, 30, lebt seit seinem sechsten Lebensjahr in Gelsenkirchen. Erst vor ein paar Monaten hat er indes auch einen deutschen Pass bekommen. Dieser Umstand ermöglichte den TV-Machern immerhin die Gelegenheit, einen vermeintlich weiteren Nachfolger von Box-Legende Max Schmeling am Samstagabend zu präsentieren. Der Spuk war glücklicherweise schnell beendet. Nach nur 2:57 Minuten schickte der Usbeke Ruslan Chagaev (36) seinen Herausforderer zu Boden.

Seit 85 langen Jahren hat Deutschland schon keinen Schwergewichts-Weltmeister im Profi-Boxen. Man darf Chagaev dankbar sein, dass er zur Verlängerung dieser Serie beigetragen hat. Denn Pianeta ist sicherlich nicht der geeignete Kandidat, um das sportliche Erbe von Schmeling anzutreten. Er mag ein netter Kerl sein, ein Kämpfer auch im echten Leben, der eine Krebserkrankung überstanden hat. Doch es fehlt ihm derzeit noch an so vielem, um sich ernsthaft in dieser Gewichtsklasse durchsetzen zu können. "Ich habe die erste Minute verschlafen, ich kann es nicht erklären, es ist einfach dumm gelaufen. Chagaev hatte die richtige Taktik", sagt er. Immer wieder stockt die Stimme. "Mein Herz ist gerade gerissen."

Pianeta vor Scherbenhaufen

Und seine Karriere ist ein Scherbenhaufen. "Ich kann noch nicht sagen, wie es bei ihm weitergeht", bekundet Promoter Ulf Steinforth vom veranstaltenden SES-Boxstall. Selbst bei einem Sieg gegen Chagaev wäre Pianeta nicht Weltmeister erster Klasse gewesen. In der Hierarchie des internationalen Box-Verbandes WBA thront Wladimir Klitschko als Superchampion über allen anderen.

In Deutschland ist der Box-Sport schon seit Jahren in einer Krise. Nur die Marke Klitschko funktioniert. RTL macht bereits seit Jahren gute Quote mit dem Ukrainer. Dahinter allerdings mangelt es an der nötigen Qualität, um langfristig neue Helden aufzubauen. Immer wieder werden vollmundig Duelle angepriesen, die selten nur annähernd halten können, was versprochen wird. Ein Wunder ist das nicht. In Deutschland gibt es nur noch zwei große Veranstalter - Sauerland (unter anderem Arthur Abraham und Jürgen Brähmer) und eben SES (Robert Stieglitz).

Der TV-Markt ist genauso überschaubar - neben RTL (Klitschko) ist nur noch Sat.1 (Rest) von den größeren Anbietern dabei. Kämpfer wie Klitschko und Felix Sturm vermarkten sich schon seit Jahren selbst. Das ist besser für das eigene Konto, es gibt aber niemanden, der sich um die Ausbildung von Nachwuchskräften kümmert. Der Fehler steckt also im System. Ähnliches ist seit Jahren auch in den USA zu beobachten. Boxen hat in der Gunst des Publikums rapide verloren in Ermangelung von Helden im Ringviereck.

Sat.1 musste auch quotentechnisch eine herbe Niederlage am Wochenende verdauen. Gerade mal 2,06 Millionen Zuschauer verfolgten das Kirmes-Boxen zwischen Chagaev und Pianeta.

Quelle: RP
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