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Box-Legende Muhammad Ali ist tot
"Er hat seine Stimme erhoben, als andere schwiegen"

Pressestimmen zum Tod von Muhammad Ali
Pressestimmen zum Tod von Muhammad Ali FOTO: dpa, jgm ms
Washington. Nach dem Tod von Muhammad Ali trauert die Welt um ihren größten Boxer aller Zeiten. Auch US-Präsident Barack Obama würdigte Ali für seine Erfolge und seine Kämpfe außerhalb des Rings. Von Frank Herrmann

Das wirklich Große an Muhammad Ali war, so der Tenor der amerikanischen Nachrufe, dass er sich in keine Schublade sortieren ließ, zu kompliziert für grobe Raster, ein Mensch voller Widersprüche. Der Mann war alles, für Freunde des Boxens einer der Größten seiner Sportart, für Afroamerikaner ein ebenso schillernder wie eisenharter Held der Bürgerrechtsbewegung um Martin Luther King und Malcolm X, für die Linke der mutige Kriegsdienstverweigerer, der nicht nach Vietnam ziehen wollte, für die Werbebranche ein Meister publicityträchtiger Sprüche, später für das ganze Land ein Beispiel dafür, wie man mit Willensstärke eine lähmende Krankheit erträgt.

"Er stand mit King und Mandela", würdigte ihn Barack Obama, der Präsident, der in einem Zimmer neben dem Oval Office Boxhandschuhe aus dem Fundus Alis auf eine Kommode gestellt hat. "Er ist aufgestanden, als es schwer war. Er hat seine Stimme erhoben, als andere schwiegen." Seine Kämpfe außerhalb des Rings hätten ihn den Titel und öffentliches Ansehen gekostet. Mit ihnen habe er sich auf der Linken wie auf der Rechten Feinde gemacht, sie hätten ihm Schmähungen eingetragen und ihn fast ins Gefängnis gebracht. "Aber Ali ist nicht zurückgewichen. Und sein Sieg trug dazu bei, dass wir uns an das Amerika gewöhnten, wie wir es heute verstehen."

Aus Chicago meldete sich Jesse Jackson, einst Weggefährte des Predigers King, später Kandidat fürs Weiße Haus, mit einer treffenden Metapher zu Wort: "Er hat den Beton gelockert, und die Nation hat profitiert". Natürlich sei Ali kein Politiker gewesen, einen solchen Ehrgeiz habe er nie verspürt, doch seine Wirkung sei eine immens politische gewesen, meint Nikki Giovanni, eine schwarze Poetin aus Tennessee, Jahrgang 1943, wie Ali aufgewachsen in Zeiten der Rassentrennung im amerikanischen Süden. "Er war ein Athlet, nur eben einer, der sagte: 'Es spielt keine Rolle, was ihr alle über mich denkt. Ob ihr mich rühmt oder verdammt, das spielt keine Rolle'. Ich muss zu meinen Überzeugungen stehen."

Noch einmal auf das Cover der Sports Illustrated

Was das bedeutete, hat keiner anschaulicher beschrieben als Tim Layden, Reporter der Zeitschrift "Sports Illustrated", die Ali bisher 39 Mal auf dem Titel hatte und ihn nächste Woche in ehrendem Gedenken zum 40. Mal auf den Cover heben wird. Heutzutage achteten karrierebewusste Sportler sorgfältig darauf, nirgends anzuecken, keinen potenziellen Fan vor den Kopf stoßen, so Layden. "Man bastelt an der eigenen Marke, und das ist es dann auch. Bitte keine Kontroversen!" Was Ali in den 1960er Jahren alles riskierte, um sich treu zu bleiben, das müsse man Jüngeren erst mal erklären. 1964 der Übertritt zum Islam, mit dem damals heftig umstrittenen Malcolm X als Mentor: Was für ein Wagnis! 1967 die Weigerung, in Vietnam zu kämpfen: Selbst um den Preis des sportlichen Exils!

Er habe nichts gegen den Vietkong, der Vietkong habe ihn niemals Nigger genannt, begründete der Rebell seinen Entschluss. Er werde nicht zehntausend Meilen in die Ferne ziehen, um Bomben und Kugeln niederregnen zu lassen auf andere unschuldige Menschen mit brauner Hautfarbe, "auf Leute, die uns nie behelligt haben". Schon 1960, da kehrte er, damals noch Cassius Clay, als Olympiasieger aus Rom zurück und wurde dennoch als Schwarzer in einem Restaurant seiner Heimatstadt Louisville nicht bedient, setzte er ein robustes Zeichen des Protests, indem er seine Goldmedaille in den Ohio River warf. Kein Zweifel, auch ein Muhammad Ali habe Gefallen an Ruhm, Starkult und Geld gefunden, sagt Layden. Und all das habe er aufs Spiel gesetzt, um Farbe zu bekennen.

Selbst Donald Trump widmete der Legende ein paar Twitter-Zeilen, die – anders als es bei dem Baulöwen sonst meist der Fall ist – ohne jede Spitze auskamen. "Ein wahrhaft großer Champion und ein wunderbarer Kerl, wir alle werden ihn schmerzlich vermissen!" Es ist erst sechs Monate her, da hatte Ali klare Worte gefunden, um gegen Trumps wohl kontroversesten Vorschlag zu protestieren, gegen die Absicht, Muslimen vorübergehend die Einreise in die USA zu verbieten. Prominente Politiker sollten ihre Position nutzen, um das Verständnis einer Religion wie des Islam zu fördern und klarzumachen, "dass irregeleitete Mörder pervertieren, was der Islam in Wahrheit ist"". Er selbst, schrieb der Faustkämpfer 2004 in seinen Memoiren, würde gern in Erinnerung bleiben als ein Mann, der dreimal den Titel des Schwergewichtsmeisters gewann, der Humor hatte und nie herabblickte auf Leute, die zu ihm aufsahen. Als Menschenfreund.

Quelle: RP
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