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Weltmeister Manuel Charr
Boxen wie auf dem Rummel

Manuel Charr schlägt Alexander Ustinow
Manuel Charr schlägt Alexander Ustinow FOTO: dpa, gki
Oberhausen. Manuel Charr ist neuer Weltmeister im Schwergewicht nach Version der WBA. Ist er ein würdiger Titelträger? Sein Aufstieg zeigt vor allem den dramatischen Werteverlust einer Sportart in den vergangenen Jahren. Von Gianni Costa

Vor ein paar Jahren hat Manuel Charr sich schon einmal eindrucksvoll auf der großen Bühne vorgestellt. Im Dezember 2011 platzte er in eine Pressekonferenz des Klitschko-Managements in einem Düsseldorfer Nobelhotel. Charr stapfte mit einer Entourage aus besonders grimmig dreinblickenden Kerlen in den Raum und stellte auf dem Podium das Modell eines Kampfpanzers auf. Der Panzer, trug Charr mit zittriger Stimme vor, sei ebenso wenig zu stoppen wie er selbst.

Er sandte Grüße an die abwesenden Gebrüder Vitali und Wladimir mit einer klaren Botschaft: Er sei bereit, jederzeit und an jedem Ort gegen einen von ihnen anzutreten. Dann drehte er wieder um und verließ den Saal. Es war wohl einer der peinlichsten Versuche, ins Rampenlicht zu drängen - aber er war erfolgreich. Ein Jahr später hatte Charr sein Ziel erreicht. Er ließ sich von Vitali Klitschko im Ring des Moskauer Olympiyski-Komplexes verprügeln. Sein Ticket ins Schwergewicht des Boxens.

Dass es überhaupt so weit kommen konnte, sagt viel über den Zustand des Profiboxens aus. Boxen muss im Fernsehen funktionieren. Und das Fernsehen braucht Typen, die irgendeine Geschichte zu erzählen haben. Es reicht auch ein Geschichtchen, damit die Seifenoper neuen Stoff bekommt. Charr, 33, hat eine Reihe von Dingen zu erzählen. Aufmerksamkeit vor Inhalt. So ist es auch am vergangenen Wochenende gewesen, nach seinem Punktsieg im Kampf um den vakanten WM-Titel gegen den 40 Jahre alten Russen Alexander Ustinov. Charr jedenfalls dankte Deutschland, grüßte die Bundeskanzlerin und forderte Anthony Joshua, den Bezwinger von Wladimir Klitschko, heraus. "Frau Merkel, wir haben es geschafft, wir sind Weltmeister. Das ist mein Geschenk für alle", verkündete Charr, "den Titel habe ich für Deutschland gewonnen, dem ich so viel zu verdanken habe."

Charr ist im Libanon geboren, der Sohn eines Syrers war vor dem Bürgerkrieg in seinem Geburtsland geflüchtet. Um als Boxer besser vermarktet werden zu können, machte sein Promoter aus Mahmoud Omeirat Charr den Kämpfer Manuel Charr, den "Koloss von Köln". In Deutschland geriet er mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt. Er saß in Untersuchungshaft und stand vor Gericht. Vor zwei Jahren wurde er durch einen Bauchschuss in einem Döner-Imbiss in Essen lebensgefährlich verletzt. Das Karriereende stand unmittelbar bevor. Vor wenigen Monaten musste er sich einer doppelten Hüftoperation unterziehen. Erneut wurde ihm attestiert, im Profisport keine Chance zu haben. Charr ließ sich nicht beirren.

"Das macht ihn aus. Er hat den Menschen gezeigt: Auch wenn ihr am Boden liegt, ihr könnt wieder aufstehen, ihr könnt eure Probleme überwinden, ihr könnt schaffen, woran ihr vielleicht selbst gar nicht glaubt. In dem Punkt ist er ein Vorbild", findet Boxtrainer Ulli Wegner, der als Co-Kommentator von Sky am Ring das Schauspiel verfolgte. Das Kampfniveau wollte der Sauerland-Coach, der Charr vor vielen Jahren betreut hatte, nicht intensiver bewerten. "Ich bin zu sehr mit Manuel verbunden, gebe ihm immer wieder Tipps am Telefon", so Wegner. "Nur soviel: Der Russe hatte nichts drauf."

Charr hält das, man hatte es geahnt, natürlich nicht davon ab, sich weiter in dem Geschäft zu vermarkten. Gegen Joshua in den Ring zu steigen, ist allerdings auch unter Einbeziehung aller wirtschaftlichen Hintergedanken eine ziemlich selbstzerstörerische Idee. Es wäre so, als wenn man mit einem aufgemotzten 3er-BMW das Startrecht in der Formel 1 erhält, weil man so ein guter Typ ist. Sportlich ist es absurd, überhaupt darüber nachzudenken, ob so ein Duell Sinn machen könnte - es gibt dazu schlicht keine Basis.

Charr ist der erste deutsche Box-Weltmeister im Schwergewicht seit 85 Jahren und in Nachfolge von Max Schmeling - ohne dafür überhaupt Deutscher zu sein. Die deutsche Staatsbürgerschaft hat Charr (noch) nicht verliehen bekommen, dafür aber eine deutsche Boxlizenz. Wichtiger als die Frage der Nationalität sollte ihm sein boxerischen Vermögen sein: Doch da ist er längst an Grenzen angekommen.

Quelle: RP
 
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