Pfitzmann gratuliert: "Bubi" Scholz: Feiert 70. Geburtstag im Verborgenen
zuletzt aktualisiert: 11.04.2000 - 11:23Berlin (dpa). Vor 45 Jahren musste er sich in einer Schwarzwaldklinik hinter dem Pseudonym Gerhard Schneider verstecken. Von der Lungentuberkulose des unbesiegten und umschwärmten Box-Stars sollte niemand etwas erfahren. Wenn Gustav Scholz am Mittwoch seinen 70. Geburtstag begeht, liegt ein vergleichbarer Dunstschleier über dem Aufenthalts- und Feierort des einstigen Idols, das 1984 seine Frau erschoss.
Als zum Jahreswechsel 1998/99 "Die Bubi-Scholz-Story" im Fernsehen ausgestrahlt wurde, befand sich der einstige Mittelgewichts- und Halbschwergewichts-Europameister schon seit einiger Zeit in einer Seniorenresidenz am Rande Berlins.
Nach einer Reihe kleinerer Schlaganfälle, vier Augenoperationen und anschließenden psychiatrischen Therapien zog Sabine Scholz, die zweite Frau des Ex-Boxers, ihren Mann sozusagen aus dem Verkehr. "Er braucht für sein drittes Leben nur noch Ruhe", lautet ihr Motto. Scholz war in den 50er und 60er Jahren Liebling der Berliner Society, ein Synonym für die Stadt wie Willy Brandt oder Hildegard Knef.
Seine jetzige Frau ist die einzige Quelle für aktuelle Informationen. Scholz bewohne ein 65 qm großes zweiräumiges Appartement und liege mit 83 kg nur unwesentlich über seinem letzten Kampfgewicht. Seine Alterdemenz soll sich erheblich gebessert haben, er spielt mit Mitbewohnern des Heims Skat und Mensch-ärger-Dich- nicht, sieht fern, geht regelmäßig spazieren. Seine einstige Schlaflosigkeit werde nicht mehr mit Tabletten, sondern mit einem Glas Rotwein bekämpft. Seine Geistesabwesenheiten sind eher als Folge der jahrelangen Tabletten- und Alkoholsucht zu sehen als auf boxerische Spätschäden zurückzuführen.
Übermäßiger Alkoholkonsum war verantwortlich für den tiefen Absturz des ehemals gefeierten Mannes. Vor 16 Jahren erschoss "Bubi" seine Frau Helga in der gemeinsamen Villa am Rupenhorn, in der sich jahrzehntelang "Promis" die Klinke in die Hand gegeben hatten. Nach dreijähriger Haftstrafe blieb aus dieser großen Schar noch nicht einmal eine Hand voll übrig. Der eine oder andere aber soll am 70., so Sabine Scholz, die Erinnerung bei "Bubi" auffrischen helfen, Schauspieler Günter Pfitzmann etwa, der zu den früheren Bewunderern des Boxers gehörte.
Von der Legende Scholz ist wenig geblieben. Die letzte seiner Parfümerien wurde Ende März geschlossen. In der Leibnizstraße, wo er 1948 in einem Zirkuszelt seine Karriere begann, steht ein Neubaublock, die "Todesvilla" hat einen neuen Besitzer - aber seit Markus Beyer aus Gera Furore als Weltmeister macht, wird er mit Scholz verglichen.
Dessen Laufbahn war auch durch die Lungenerkrankung nicht aufzuhalten. Nach seinem Revanche-Triumph in der Europameisterschaft über den Franzosen Charles Humez 1958 im Olympiastadion wurde er Nachfolger von Max Schmeling genannt. Aber im ersten WM-Fight auf deutschem Boden verschlief "Bubi" seine Chance. Der Amerikaner Harold Johnson reiste als Punktsieger, alter und neuer Weltmeister im Halbschwergewicht zurück. Zwei Jahre später beendete Scholz nach dem Gewinn der EM in diesem Limit gegen den Italiener Giulio Rinaldi seine Laufbahn. In 96 Kämpfen verlor er bei sechs Unentschieden nur zwei Mal, 41 Mal gewann er durch K.o.
Für viele Fachleute ist er höher einzuschätzen als Henry Maske oder Dariusz Michalczewski, von deren Millionengagen er nur träumen konnte. 100 000 DM betrug im WM-Kampf seine höchste Börse, Film- und Schallplattenhonorare machten nur Bruchteile dessen aus, was seine Nachfolger an Werbesummen kassieren.
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