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Berlin
Dardai hat Berlins Fußball geweckt

Berlin. Vor einem Jahr übernahm der Ungar einen kriselnden Klub, jetzt träumt die Hertha von Champions Legaue und Pokalfinale. Von Nikolaj Stobbe

Pal Dardai macht den Fußball in Berlin salonfähig. Am Montag folgte der Trainer einer Einladung ins Konzerthaus am Gendarmenmarkt: An der Seite von Maestro Ivan Fischer schwang er lachend den Taktstock für einen Image-Clip und gab auch als Ersatz-Dirigent eine gute Figur ab. Nach einem äußerst erfolgreichen Jahr als Trainer des Fußball-Bundesligisten Hertha BSC hat der Ungar alle Sympathien auf seiner Seite.

Dardai und Berlin - das scheint zu funktionieren. Vielleicht auch deshalb, weil der Ungar nicht wie viele seiner Vorgänger nur vorübergehend in Berlin wohnt. Er gibt der Metropole der Zugereisten ein Stück Bodenständigkeit. Mit seiner Frau Monika und den drei Söhnen lebt er seit Jahren in der Hauptstadt, verbrachte seine komplette Profi-Zeit an der Spree. "Pal ist Hertha durch und durch", schwärmt Manager Michael Preetz über seinen langjährigen Mitspieler.

Aber vor allem ist es wohl die sympathische und geradlinige Art, mit der sich der frühere Mittelfeldspieler bei seinen Spielern Respekt verschafft. Er redet nicht drumherum, baut keine unnötige Distanz zu seinen Schützlingen auf und räumt Fehler ein. Auf die Frage, warum sein Kapitän Fabian Lustenberger am Samstag beim 3:3 in Bremen einen vermeidbaren Elfmeter verschuldet habe, meinte der 39-Jährige: "Draußen steht ein Trainer und fordert Aggressivität. Da war Lusti vielleicht einen Moment übermotiviert."

Man hört ihm gerne zu, weil er gerne erzählt und ein Interview nicht in erster Linie dazu nutzt, irgendwelche Botschaften zu versenden. "Ich bleibe Pal", sagte der Coach dem Fachmagazin "kicker" und ergänzte: "Ich lasse mich auch nicht davon beeinflussen, was die Zeitungen schreiben. Ich mache meine Arbeit, und dann gehe ich nach Hause." Zum Jubiläum - gestern vor einem Jahr trat Dardai seinen Job an - kommt heute der Tabellenzweite Borussia Dortmund ins in dieser Saison mit 74.500 Zuschauern erstmals ausverkaufte Olympiastadion.

Der Erfolg gibt dem Freund und Kenner guter Rotweine recht. Mit Hertha liegt er nach dem 19. Spieltag als Tabellendritter auf Champions-League-Kurs. Und selbst mit dem Pokal-Trauma scheint er aufräumen zu können: Sein Team schaffte den Sprung ins Viertelfinale gegen den 1. FC Heidenheim (10. Februar). Das große Ziel Endspiel im eigenen Stadion ist so nah wie lange nicht. "Es ist ein Traum", sagte Dardai: "Jeder Mensch darf träumen, und ich träume ja nicht davon, zum Mars zu fliegen. Aber ein Pokalendspiel kann man erreichen."

Schwergefallen ist ihm der Verzicht auf das Amt des ungarischen Nationaltrainers. Preetz und Präsident Werner Gegenbauer hatten im Sommer dazu gedrängt. "Langfristig wäre ich an der Doppelbelastung kaputtgegangen", sagt Dardai heute. Er hinterließ allerdings keine verbrannte Erde. In enger Kooperation mit seinem Nachfolger Bernd Storck führte er sein Heimatland erstmals seit 44 Jahren wieder zur EM-Endrunde.

Sollte seine Zeit als Chefcoach irgendwann vorbei sein, will Dardai tatsächlich wieder als Jugendtrainer bei der Hertha arbeiten. Das sei so mit Preetz vereinbart. Ob er dann den Verlockungen aus der Bundesliga tatsächlich widerstehen kann, wird sich zeigen.

Zuzutrauen wäre es ihm.

(sid)
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