Erst 33 Sportler haben WM-Norm erfüllt: Deutsche Leichtathletik kriselt an allen Fronten
zuletzt aktualisiert: 22.06.2001 - 15:27Stuttgart (rpo). Formschwache und verletzte Athleten, klamme Meeting-Manager, sorgenvolle Funktionäre: Die deutsche Leichtathletik steckt im nacholympischen Sommer in ihrer tiefsten Krise seit der Wiedervereinigung. Bei den Weltmeisterschaften im August in Edmonton droht dem DLV eine Statistenrolle, denn eine Woche vor den nationalen Meisterschaften in Stuttgart haben erst 33 Sportler die WM-Norm erfüllt.
Auch die internationale Szene kommt schwer in Schwung - nicht nur sportlich gesehen. Der Weltverband lässt den Sportfan immer tiefer im Dschungel der Veranstaltungen umherirren, in der Öffentlichkeit spielte die olympische Kernsportart zuletzt kaum eine Rolle. "Es ist ein katastrophaler strategischer Fehler der IAAF, dass die Leichtathletik in Europa nicht richtig präsentiert wird. Dies wäre umso wichtiger, als sie für den Zuschauer nicht kompakt wahrnehmbar ist", kritisiert DLV-Generalsekretär Frank Hensel.
"Es geht der Leichtathletik nicht so gut. Wir verlieren immer mehr Boden gegen die wirklich professionellen Sportarten wie Fußball, Tennis und Formel 1", klagt der Niederländer Jos Hermens im Fachblatt "Leichtathletik". Dass die Golden League, die die wichtigsten Meetings vereint, in Deutschland im Fernsehen nicht zu sehen ist, sei "unglaublich", meint der international führende Manager: "Das kann das Ende sein."
Auch dem Österreicher Robert Wagner, hinter Hermens die Nummer 2 im Geschäft, sind die Sorgenfalten ins Gesicht geschrieben. "Die Leichtathletik ist nicht mehr nachvollziehbar. Man muss die Zahl der Wettbewerbe drastisch senken", fordert der Manager. Die IAAF hat es nicht geschafft, der Golden League ein unverwechselbares Profil zu geben. "Es gibt keine erkennbare Veranstaltungsserie. Golden League, Grand Prix I, Grand Prix II, internationales Meeting, nationales Meeting - der Zuschauer verliert den Überblick", meint Hensel.
Die Veranstalter selbst jammern auf hohem Niveau, glänzen aber nicht gerade durch Innovationen. "Wir kämpfen alle ums Überleben", klagt "German-Meetings"-Präsident Ludwig Franz. Bei seinem Sportfest "Live 2001" am vorigen Sonntag in Nürnberg ließ er zum Abschluss zwar ein minutenlanges Feuerwerk abbrennen, Leistungsexplosionen gab es jedoch nicht. Einerseits schimpfen die Organisatoren, dass das Fernsehen lieber Geld für drittklassige Fußball-Spiele ausgibt, andererseits schaffen sie es nicht einmal, ihre Zuschauer vernünftig durchs Programm zu leiten.
Wer keine Olympiasieger wie Nils Schumann oder Heike Drechsler präsentieren kann, hat ohnehin verloren. Die jedoch sind zurzeit mehr oder weniger von Verletzungssorgen geplagt. Die Liste der Ausfälle ist lang: Zehnkämpfer Frank Busemann, Siebenkämpferin Sabine Braun, "Miss Leichtathletik" Susen Tiedtke, 400-m-Vizeweltmeisterin Anja Rücker, Speerwerferin Tanja Damaske, Sprinterin Andrea Philipp....
Andere, wie Dreisprung-Weltmeister Charles Friedek und Diskus-Ass Lars Riedel, kommen nur langsam in Schwung. Für Verbandsarzt Helmut Schreiber sind die Verletzungsursachen "überwiegend Überbelastungen. Früher hat man nach Olympischen Spielen versucht zu regenerieren, heute gibt es kein Jahr mehr ohne große Meisterschaften", so der Freiburger Mediziner, der auch sagt: "Möglicherweise findet ein gewisser Überalterungsprozess an der deutschen Spitze statt."
Mit fünf Mal Edelmetall wie in Sydney wäre der DLV in Edmonton bestens bedient. Doch für viele ist die WM ohnehin nur eine Zwischenstation auf dem Weg zur EM 2002 in München, wo die Konkurrenz geringer und die Vermarktungsmöglichkeiten besser sind. Ältere Athleten wie Drechsler hoffen dort auf einen glorreichen Abschied. "Die WM ist mein Ziel, aber nicht lebenswichtig. Wenn was passiert, dann bereite ich mich auf die EM 2002 vor", sagt die Weitspringerin. Das anstehende Karriereende der "alten Garde" wird die Situation in der deutschen Leichtathletik weiter verschärfen.
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