Eiskunstlaufen: Stefan Lindemann triumphiert im eisigen Machtkampf: Deutscher Nachwuchsläufer bei EM stärker als Vlascenko
zuletzt aktualisiert: 09.02.2000Wien (sid). Im frühlingshaften Wien hat Stefan Lindemann den eisigen Machtkampf der deutschen Eiskunstlauf-Herren gewonnen und Ex-Meister Andrejs Vlascenko zum Auslaufmodell degradiert. Und die Deutsche Eislauf-Union (DEU) steht dem Generationenwechsel bei den Europameisterschaften zwischem dem 19-Jährigen aus Erfurt und dem sechs Jahre älteren Wahl-Füssener mindestens wohlwollend gegenüber. DEU-Sportdirektor Udo Dönsdorf sagt ohne große Anteilnahme: "Andrejs verkraftet die neue Situation nicht."
Sowohl in der Qualifikation am Montag als auch im Kurzprogramm am Dienstag lag der sprungsichere Thüringer drei Plätze vor dem gebürtigen Russen, der bei den beiden letzten europäischen Titelkämpfen jeweils Rang vier belegt hatte, diesmal aber nur durch Stürze auffällt. Nach den ungeschriebenen Gesetzen des Eiskunstlaufs haben nun auch die internationalen Preisrichter Lindemann als neue deutsche Nummer eins akzeptiert und werden den deutschen Meister auch in der Kür-Entscheidung am Donnerstag (18.30 Uhr) entsprechend bewerten. Man musste allerdings schon sehr die Ohren spitzen, um die persönliche Genugtuung aus den Worten des Sportgymnasiasten herauszuhören. "Wir hassen uns nicht und wir lieben uns nicht", formulierte Lindemann mit spürbarer Betonung auf dem zweiten Halbsatz. Deutlicher wurde Trainerin Ilona Schindler: "Kontakt zu Vlascenko haben wir notgedrungen, wenn wir gemeinsam im Bus zum Training fahren."
Dass sich der Verband auf die Seite Lindemanns schlägt, ist kühle Kalkulation und pure Verzweiflung zugleich. Denn der strebsame junge Mann, der vielleicht schon bei der WM Ende März in Nizza erstmals einen Vierfachsprung im Wettkampf präsentieren wird, könnte rasch zum Vorzeigeathleten mit positiver Ausstrahlung intern wie extern reifen. Seit dem Laufbahn-Ende der ehemaligen Paarlauf-Weltmeister Mandy Wötzel und Ingo Steuer aus Chemnitz sowie der sportlichen Bankrotterklärung von Glamour-Girl Tanja Szewczenko (Düsseldorf) fehlt der DEU ein Sportler, der über den Kreis von Eiskunstlauf-Fans bekannt ist. Vlascenkos Benehmen in der österreichischen Hauptstadt dokumentierte, warum der viermalige deutsche Meister trotz früherer Weltklasseleistungen eine solche Rolle nie spielen konnte.
Primadonnenhaft verweigerte der begabte Läufer während der Meisterschaften jeden Gesprächswunsch, bei einem PR-Termin zum EM-Auftakt präsentierte er sich gelangweilt und wortkarg. Wirre Äußerungen zu seiner angeblich angespannten finanziellen Situation verschärften die Spannungen zwischen ihm und dem Verband. Sportdirektor Dönsdorf: "Da wurde vieles miteinander vermischt. Andrejs war und ist kein Sozialfall." Wie wenig ernst die DEU Vlascenko, der sein Einbürgerungsverfahren durch zwei Alkoholdelikte am Steuer torpedierte und bis heute keinen deutschen Pass besitzt, noch nimmt, belegt die Tatsache, dass nicht etwa Dönsdorf oder Präsidentin Angela Siedenberg, sondern Preisrichterin Sissy Krick dem EM-Testlauf Vlascenkos nach überstandener Knieverletzung begutachtete und entsprechende Meldung machte.
Und sollte sich Vlascenko in der Kür nicht um mindestens eine Position verbessern, muss er sogar seinem Rivalen wohl oder übel die Daumen drücken. Denn nur wenn Lindemann sich unter den ersten zehn Läufern platziert, stehen der DEU auch für die EM 2001 in Bratislava zwei Startplätze zur Verfügung.
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